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Wege für das moderne deutsche Judentum

Reflexion einer Vaterjüdin über den nicht ganz so biojüdischen Gemeindetag 2016…

Von Ruth Zeifert

Als der Zentralrat der Juden in Deutschland anfragte, ob ich auf dem Jüdischen Gemeindetag 2016 am Podium über ‚Vaterjuden‘ teilnehmen könnte, war das überraschend und erfreulich. Schließlich war es eine Veranstaltung, die nur für Mitglieder der Jüdischen Gemeinden – und somit ‚echte‘ Juden – ist. Als lediglich väterlich jüdischer Herkunft gibt es eigentlich keinen Zugang. Als vaterjüdische Wissenschaftlerin, die über ‚jüdische Identität‘ und ‚Vaterjuden‘ forscht, gab es unter Anderem eine Ausnahme.

Ich erwartete, vor einem Publikum zu sprechen, das von der Gültigkeit der Halacha überzeugt ist und wenig über das Selbstverständnis Kinder jüdischer Väter weiß. Bereits im Vorfeld war klar, dass dies eine Fehlannahme war. Die Biografien der meisten Menschen mit denen ich sprach, hatten eine Mischung in der Familie. Der nette Herr, der lange Jahre Vorstand einer nordrheinwestfälischen Gemeinde war, berichtete über seinen Sohn, der eine Konvertitin geheiratet hatte und seine Tochter, die einen Nichtjuden traute. Er habe damit keine Probleme – die nichtjüdischen Eltern der Schwiegertochter schon. Eine Frau erzählte von ihrer Mutter, die konvertiert ist, bevor diese Kinder bekam. Das Thema ‚Vaterjuden‘ hätte sie daher immer schon begleitet. Am häufigsten aber waren es die nichtjüdischen Ehemänner, über die erzählt wurde.

Alle meine Gesprächspartner/innen fanden das Thema spannend, viele fühlten sich betroffen und keiner fragte, ob ich halachisch jüdisch sei.

Dann kam die Podiumsdiskussion über Vaterjuden. Der Saal war mit ca. 100 Besucher/innen gut gefüllt. Einige orthodoxe, mutmaßlich gar ultraorthodoxe, waren anwesend. Vaterjuden selbst waren auf Rückfrage erwartungsgemäß keine im Raum. Ein paar wenige gaben an, Vater eines ‚Vaterjuden‘ zu sein.

 

Zentral war natürlich, was die Rabbiner/innen als Vertreter/innen des Judentums zu sagen hatten. Rabbinerin Ederberg (Berlin) betonte, dass ihre Tür für Kinder jüdischer Väter grundsätzlich offen stünde. „Wer zu einer jüdischen Familie gehört, gehört für uns zur Synagogenfamilie“ – ob zu einem Gespräch oder zu einem Gottesdienst. Die Arbeit mit Vaterjuden versteht sie als einen ganz wichtigen Aspekt ihrer Arbeit. „Wir alle leben komplizierte Identitäten, und diese anzuerkennen und Menschen auf ihrem wie auch immer aussehenden jüdischen Weg zu helfen, sehe ich als meine Kernaufgabe.“ Auch Rabbiner Balla (Leipzig) sprach mit viel Empathie und äußerte Offenheit für jene, die sich vom Judentum als ihrer künftigen Religion überzeugt zeigten. Er betonte zwar, dass er jene, die einen jüdischen Vater haben schlicht im gleichen Maße als nicht jüdisch ansieht, wie jene, die keine jüdischen Vorfahren hätten, stellte aber auch klar, dass es nach vielen gegenwärtigen rabbinischen Meinungen in solche Fälle die Pflicht gäbe, proaktiv zu sein und den Weg der Konversion zu unterstützen.

Unbeabsichtigter Konsens blieb, dass weder Liberale, Konservative noch die Orthodoxie einen Weg sehen, Patrilineare ohne Giur den jüdischen Status zu gewähren. Die Halacha sei eindeutig.

Eigentlich aber ging es dem jüdischen Publikum gar nicht so sehr um die Halacha. Vielmehr machten die Fragen und Kommentare deutlich, dass das Publikum eine Öffnung des Judentums unterstützte. Eine konkrete Forderung war, dass Kinder jüdischer Väter auch an Machanot teilnehmen sollen können.

Wissen Sie, was Machanot sind? Bei jenen vaterjüdischen Interviewpartner/innen, die ich für meine Forschung sprach, vermute ich, dass sie es nicht wissen. Denn bereits ihre Väter haben sich häufig von den Gemeinden entfernt und somit wenig über Gemeindestrukturen erfahren.

Die fehlende Beziehung von Vaterjuden zu den Gemeinden ist dann auch als eine der großen Herausforderungen in ihrem Identitätsdilemma zu verstehen. Denn in Deutschland leben Schätzungen zu folge lediglich etwa 200.000 Juden, wovon etwa die Hälfte Mitglieder einer Gemeinde sind. Es ist bei gut 80 Millionen Einwohnern in Deutschland also nicht leicht, Juden kennen zu lernen oder eben eine jüdische Identität im Alleingang zu festigen. Tatsächlich wendeten sich dann auch die meisten meiner vaterjüdsichen Interviewpartner/innen, die sich ‚irgendwie‘ jüdisch fühlten, im Laufe ihres Lebens an eine Gemeinde. Sie suchen damit bei einer autorisierten jüdischen Person oder Institution Austausch über ihre jüdische Identität und oftmals auch Anschluss an eine jüdische Gemeinschaft.

Sowohl der orthodoxe, wie die liberale Rabbiner/in des Podiums beschrieben nun auf dem Gemeindetag, dass sie dem Ansturm der Kontaktaufnahmen nicht Herr würden. Die Hauptaufgabe eines Rabbis sei es, den Glauben zu praktizieren. Daneben erreichen sie weit über 100 Konversionswünsche in Briefform jährlich. Dies sei für sie neben ihrer eigentlichen Aufgabe nur schwer zu bewältigen.

Zufällig wurde einer dieser Briefe an Rabbinerin Ederberg vor vielen Jahren von einer meiner Interviewpartnern geschrieben. Trotz der Offenheit, die Rabbinerin Ederberg auf dem Gemeindetag offenbarte, beantwortete sie das Schreiben dieser meiner Interviewpartnerin nicht.

Aus Sicht der Rabbinerin verstehe ich nun, dass dies keine inhaltliche Aussage, sondern einem organisatorischen Problem zu schulden war. Heute, so Rabbinerin Ederberg, würde ihr so etwas nicht mehr passieren. Für das Selbstwertgefühl der Vaterjüdin bedeutete das unbeantwortete Schreiben dennoch zum wiederholten Male im Leben, unkommentiert in den Sumpf einer aberkannten jüdischen Identität zu versinken.

Unter den Gemeindetagsbesucher/innen herrschte meiner Wahrnehmung nach eine Offenheit für ‚die Mischung‘. Bereits das Signal der Gemeinden, dass ‚Mischung‘ vorhanden und auch oft von Juden gewollt ist, wäre für Vaterjuden der Aufstieg vom ‚Bastard‘ und ‚Nichts‘ zum ‚Teil der Familie‘.

Aus diesem jüdischen Gemeindetag 2016 resultieren meines Erachtens drei Handlungsmöglichkeiten. Zum einen sollten die Gemeindemitglieder ihren Wunsch der Öffnung hin zu einer Mischung innerhalb ihrer Gemeinden weiter thematisieren und diskutieren. Es gibt kein Judentum ohne seine Juden. Außerdem müssten die vielen Briefe betrachtet werden, die den Rabbinen zugehen. Für die hierin formulierten Fragen und Anliegen müsste eine Informationsstelle geschaffen werden, über die es beispielsweise den Zugang zu Gesprächen mit Rabbiner/innen gäbe oder aber auch praktische Fragen beantwortet werden könnten. Somit würde sogar der Orthodoxie eine Handlungsmöglichkeit eröffnet, in dem sie Fragende nicht nur ablehnen müsste, sondern weiter verweisen könnte.

Natürlich wird sich die Halacha auch so nicht ändern. Ich bezweifle sogar, dass es der Sanhedrin, der Rat der Gelehrten, die beim Bau des 3. Tempels zusammen kommen könnten, um die Halacha zu bearbeiten, oben auf seiner ‚to do Liste‘ hätte. Ob man es aber, wie Adriana Altaras (z.B.: „Doitscha: Eine jüdische Mutter packt aus“) sagte, eine Mitzwa nennt, Vaterjuden nicht im Stich zu lassen oder schlicht eine demographische Notwendigkeit, um den schwindenden Mitgliederzahlen entgegen zu wirken, wie Lea Wohl von Haselberg (von: doppelhalb) provokant formulierte: Es gilt Wege für das moderne deutsche Judentum zu entwickeln, das – im Gegensatz zu seiner Verwaltung – so biojüdisch bereits gar nicht mehr denkt. Und dafür muss man die Halacha nicht ändern.

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Bild oben: Yarmulke and Menorah from the Harry S. Truman collection Skullcap: Jewish yarmulke or kippah with Hebrew lettering. Polyester, metallic thread. Length 17.0, Width 16.1, T 1.0 cm. Harry S Truman National Historic Site, HSTR 20077a Menorah: Jewish me