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„Trauermarsch“ in Berlin

Knapp einen Monat nach dem blutigen Anschlag auf Besucherinnen und Besucher des Weihnachtsmarktes an der Berliner Gedächtniskirche instrumentalisieren Neonazis und Neofaschisten sowohl das Attentat als auch das Gedenken am Ort der Tat für ihre menschenverachtende Propaganda…

K. Schmitt, redoc – research & documentation

Nachdem bereits wenige Tage nach dem Anschlag die extrem rechte Szene rund um die NPD eine Kundgebung am Bahnhof Zoologischer Garten abhielt, meldete am Samstagnachmittag (14. Januar 2017) die rechten Vereinigung „Hand in Hand“ einen Aufmarsch in der Berlin-Charlottenburg an, der direkt zum Tatort führte. Zur als „Trauermarsch“ deklarierten Demonstration kamen rund hundert Aktivist_innen aus Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen sowie aus Tschechien. Neben einzelne Personen aus dem neo-nazistischen und -faschistischen Spektrum – u.a. der NPD, Bärgida und der Identitären Bewegung – sah man bei dem Aufmarsch Transparente der „Freien Kameradschaft MOL“ (Märkisch-Oder-Land), von „NS Havelland“ und dem „Bürgerbündnis Havelland 2.0“.

Die Protestveranstaltung begann, abgeschirmt durch die Polizei, mit einer Auftaktkundgebung am Rande des Bahnhofs Zoologischer Garten.

Obwohl offiziell den Opfern des Anschlags gedacht werden sollte, waren die Reden inhaltlich von Hass, Nationalismus, ideologisch-religiösem Pathos und der Aufforderung zur Gewalt geprägt.

Als erster Redner sagte Demomoderator Eric Graziani Grünwald:

„Frau Merkel, die uns den Krieg erklärt hat, sage ich direkt ins Gesicht […] Sie hat hier in diesem Land den Kampf bereitet, Männer hergebracht, 18-jährige, 19-jägrige, 20-jährige, die hier nichts verloren haben. Ganz einfach. Sie hat uns den Krieg erklärt und wir, das Volk, erklären ihr auch den Krieg ab heute. […] Wir dürfen nicht vergessen als Volk, dass es unsere heilige Pflicht ist, unsere Heimat unseren Kindern so zu hinterlassen, so wie wir es einst mal kannten. Nämlich ein Deutschland der Traditionen, der Heimatliebe und der Nächstenliebe zu unseren Familien, die nach der Heimat an erster Stelle stehen. Das dürfen wir niemals vergessen. […] Es obliegt an unsere Pflicht, jetzt Widerstand zu leisten Patrioten auf ganzer Linie. Im nötigen Fall sich auch selbst zu Opfern, für die Freiheit und das Konzept der Freiheit selbst. […] Euch stolzen Europäer möchte ich eins sagen: Haltet zusammen Schulter an Schulter. Kämpft gemeinsam. Lasst uns allen gemeinsam die Tore der Festung Europa für die nächsten 2000 Jahre wieder verschließen. […]“

Ein weiterer Redner, der Rathenower Ralf Maasch, gab in seiner Ansprache typisch verschwörungs-antisemitisches und nationalistisches Gedankengut zum Besten. Zitat: „Das kapitalgesteuerte Weltsystem hat aber die Vorstellung, uns alle, egal von welchem Ende der Welt, zusammenzuwürfeln. Sie brauchen keine Denker. Im Gegenteil, sie wollen uns züchten wie Nutzvieh. Wir werden nur gebraucht, um wenigen, die sich für die Weltelite halten, zu dienen. Sie beginnen uns zu entwurzeln, uns von unseren Werten abzuschneiden. Sie hetzen uns gegeneinander auf und haben dabei noch den für sie angenehmen Nebeneffekt, dass wir uns gegenseitig dezimieren und dadurch das Problem der Überbevölkerung für sie lösen. Sie lassen uns konsumieren, bis wir Gold als Gott anbeten. […] Nation und Nationalbewusstsein sind für uns keine Begriffe der Vergangenheit. Nur ein gesundes Nationalbewusstsein wird in der Zukunft die Völker vor der Vermassung und damit vor Beherrschung und Unterdrückung bewahren. […]

Nach dem gut einstündigen Auftakt zog die rechte Demonstration als schweigender „Trauermarsch“ zum Anschlagsort an der Gedächtniskirche.

Dort hinterließen die Neonazis und Neofaschisten am offiziellen Gedenkort einen Kranz mit der Aufschrift: „Patrioten – Wir vergessen nicht“ und mehrere Blumen. Mit einer kurzen Ansprache von Eric Graziani Grünwald und dem obligatorischen „Ahu-ahu“-Kampfgebrüll wurde die makabre Trauerinszenierung beendet.

Anschließend marschierten die Aktivist_innen mit den üblichen extrem rechten Parolen wie „Frei, Sozial und National“ auf den Lippen durch die Westcity Berlins zurück zum Ausgangspunkt.

Sowohl die Trauerinszenierung als auch der anschließende Aufmarsch wurde in ganzer Länge durch spontanen Protest von Gegendemonstrant_innen sowie shoppenden Passant_innen gestört.

Das nächste Schauspiel steht bereits für morgen Abend (16. Januar 2017) auf dem propagandistischen Spielplan des neofaschistischen Szene. Hauptdarsteller dieser Inszenierung sollen laut polizeilicher Anmeldung Pro-Deutschland und Bärgida sein.