Sex und Judentum

Seit Jahrhunderten beschäftigt das Thema Kabbalisten und Rabbiner…

Von Gerhard Haase-Hindenberg

Die Amerikaner (und nicht nur diese) lieben „Dr. Ruth“, wie sie die kleine agile Frau nennen, die mit vollem Namen Ruth Westheimer heißt. Aufgewachsen war sie als Karola Ruth Siegel in einer orthodox-jüdischen Familie in Frankfurt am Main. Jahrzehnte später wandte sie sich mit ihren ‚Sexually Speaking’ an die Radiohörer der USA und bald war sie als Beraterin in erotischen Dingen auch im Fernsehen präsent. Sie schrieb mehr als 30 Sachbücher, fast jeder Titel fand sich auf der Bestsellerliste wieder und hatte nahezu immer mit dem Thema Sex zu tun. Dabei war Dr. Ruth, wie sie in einem Aufsatz bekannte, keineswegs mit „Wörtern wie Penis, Vagina, Orgasmus oder Klitoris“ aufgewachsen. Wenn sie als Kind aber doch mal ein solches Wort aufgeschnappt habe, sei sie rot geworden. Dabei hätte es dafür in einem jüdischen Umfeld gar keinen Grund gegeben: „Warum muss ich, wenn ich über Sex spreche, dazusagen, dass wir mehr in der europäischen als in der jüdischen Kultur verwurzelt waren? Einfach deshalb, weil wir, wäre unsere Haltung stärker jüdisch als europäisch beeinflusst gewesen, dem Sex gegenüber offener und neugieriger gewesen wären, als es die meisten für möglich halten würden – und dazu gehören auch viele Juden, die mit ihrer eigenen Tradition nicht vertraut sind.“ So mag es bei den Siegels in Frankfurt gewesen sein – es gab aber auch viele bei denen es anders war. Bei jüdischen Ärzten und Wissenschaftlern zum Beispiel, die auf dem Gebiet der Sexualforschung epochales geleistet haben. Dazu zählen bekannte Namen von Sigmund Freud bis Magnus Hirschfeld – aber auch die weniger prominenten von Friedrich Salomon Krauss und Max Marcuse, Arthur Kronfeld und Felix Aaron Theilhaber. Oder Bernhard Schapiro, der nach Tätigkeiten in Zürich und New York 1951 nach Jerusalem übersiedelte, wo er seine Sprechstunden am Shaarey Zedek Hospital abhielt. Seine Grabinschrift weist ihn als „Talmud-Gelehrten und Mann der Wissenschaft“ aus, was kein Widerspruch sein muss. In der Sexualwissenschaft schon gar nicht!

„Seid fruchtbar und mehret euch!“

Bereits in der Genesis, dem ersten Buch Moses, wird der Sex zur Mitzwa erhoben, denn nichts anderes ist mit „Seid fruchtbar“ gemeint. Und es wird auch umgehend der Zweck des Unternehmens benannt, nämlich die Erhaltung der Art. Diesem Zweck dient auch jene Anweisung, die bei Leviticus (15.28) nachzulesen ist. Im Umgang mit der Nidda, wie die Menstruationsphase der Frauen genannt wird, heißt es da: „Wird sie aber rein von ihrem Ausfluss, so soll sie sieben Tage zählen, danach soll sie rein sein.“ Nun, was passiert, wenn ein Mann am siebten Tag nach der Monatsblutung mit seiner Frau verkehrt? Die Antwort ist in der hohen Geburtenrate jener jüdischen Ehepaare zu finden, die streng nach den Mitzwot leben.

Nach Ruth Westheimers Ansicht findet sich in der Tora aber auch „die älteste und noch immer die klügste Anleitung zum Sex, die je geschrieben wurde“. Es lässt sich darüber streiten, ob es sich tatsächlich um „Anleitungen“ handelt – der Geschlechtsakt aber spielt thematisch in der Tat vielfach eine zentrale Rolle. In der Genesis etwa steht die Geschichte von Juda und Tamar. Der Leser erfährt hier nicht nur, woher der Begriff „Onanie“ kommt, sondern auch von der Existenz der Prostitution in der damaligen jüdischen Gesellschaft. Nur so kann sich Tamar als Hure verkleiden und sich von ihrem Schwiegervater schwängern lassen, nachdem keiner seiner Söhne dieser Pflicht nachgekommen war. Onan etwa entzieht sich dieser durch Selbstbefriedigung. In strenger Auslegung dieses Textes, gilt dies seither als Sünde gegen G’tt. Allerdings nur bei Männern, denn da Frauen keinen „Samen vergeuden“ können, bleibt die weibliche Masturbation schlicht unerwähnt. Wie aber ist Judas Gang zur Hure moralisch zu bewerten? Rabbi Illai der Ältere rät im Talmut (Chagiga): „Wenn einer spürt, dass ihn die Leidenschaft zu übermannen droht, dann soll er an einen Ort gehen, wo man ihn nicht kennt, schwarze Kleider anziehen und tun, wie ihm beliebt, aber nicht den Namen des Himmels entweihen.“

In der Tora finden sich ferner zahlreiche Beispiele zum Thema außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Bekanntlich hat Abraham, der Urvater des Judentums, die Magd seiner Gattin geschwängert, die er vorsorglich zur Nebenfrau erkor. König Davids Beziehung zur verheirateten Basteba (deren Mann er zuvor in den Krieg geschickt hatte) hat den Gelehrten über Jahrhunderte Stoff zum Meinungsstreit geliefert. Deren gemeinsamer Sohn Salomon übte eine geradezu außergewöhnliche Anziehungskraft auf die Damenwelt aus. Dies war möglicherweise seinem poetischen Talent geschuldet, dem die Welt das „Hohelied“ verdankt. Der Text ist zwar eine Allegorie auf die Beziehung von G’tt zu Israel, die aber nur innerhalb der fließenden Mann-Frau-Beziehung verstanden werden kann, in der mal der eine, mal der andere Partner verführt und ausweicht. Bis heute flüstern in vielen chassidischen Gemeinden die Männer aus jenem erotischen Werk den Frauen beim Zünden der Kerzen Sätze zu wie: „Es küsse mich mit seines Mundes Küssen, weil köstlich ist dein Kosen mehr als Wein…“

Kabbalisten und Rabbiner kannten keine Tabus

Vom jüdischen Publizisten Henryk Broder stammt das Bonmot: „Das Jüdische am Sex ist, dass man darüber spricht.“ Auch wenn das in Ruth Westheimers Elternhaus anders war, so geschieht dies in der Tat in jüdischen Zirkeln und den Shiurim der Synagogen seit vielen Jahrhunderten. Und dabei bezieht man sich auf zahlreiche rabbinische Zeugnisse. Im Talmut-Traktat Berachot (57b) etwa werden drei Dinge genannt, die bereits im diesseitigen Leben ein Vorgeschmack seien auf Olam Haba, die kommende Welt: der Shabbat, das Sonnenlicht und Tashmisch  – die sexuelle Vereinigung. Allerdings hielt man die Gesamtheit des Volkes Israel nicht immer der Teilhabe am Diskurs über Tashmish für würdig. So haben jene Kabbalisten, denen wir die mystischen Schriften des Sohar zu verdanken haben, im zweiten Jahrhundert n.d.Z. beschlossen, diese unveröffentlicht zu lassen. Allen voran Rabbi Shimon bar Jochai, einem der geistigen Führer der kabbalistischen Bewegung. Erst 900 Jahre später hielten jüdische Gelehrte die Zeit für eine Publizierung des Sohar für gekommen. Im tiefsten europäischen Mittelalter – die katholische Kirche schickte sich gerade an, Zölibat und Ohrenbeichte zu etablieren – war jenes Dokument, mit dem die jüdische Geistlichkeit um die Ecke kam, geradezu eine Sensation. War doch im Sohar niedergeschrieben, die Vereinigung von Mann und Frau sei eine Verbindung zwischen Weisheit (Chochma) und Verstand (Bina) – eine Einheit gar, die Erkenntnis (Da’at) schaffe. Durch die Verbindung g’ttlicher Kräfte und Eigenschaften, habe die Frau Anteil am g’ttlichen Schöpfungsakt und am Erhalt der Welt. Ethisch begründete sexuelle Beziehungen würden helfen, die Kräfte des Bösen fernzuhalten und die Macht des G’ttlichen zu stützen. Kurzum: Nach dieser theologischen Auffassung ist Sexualität ein unverzichtbares Attribut G’ttes. Das drückt sich auch in der kabbalistischen Zahlenmystik aus. Bis dahin stand nur G’tt für die Zahl Eins. Nun aber gab es im Sohar eine weitere, nämlich eine menschliche Eins und zwar durch Mann und Frau bei der völligen körperlichen und geistigen Übereinstimmung während des sexuellen Aktes. Dabei verschmelzen die beiden Liebenden und reichen damit an die g’ttliche Eins heran. Das veranlasste bereits zu jener Zeit, in der der Sohar entstand, Rabbi Simeon ben Halafta, einen Schüler von Rabbi Meir, den Penis als „großen Friedensstifter des Hauses“ zu bezeichnen. „Shalom bajid“ – das entsprechende hebräische Segenswort kannte jedes jüdische Ehepaar bei dem der Hausfrieden schief hing. Zur Zeit der Richter wurde von diesen nämlich Shalom bajid (Hausfrieden) immer dann angestrebt, wenn eigentlich eine Scheidung anstand. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu pikant, wenn Rabbi Simeon ben Halafta da dem männlichen Geschlechtsteil eine dominierende Rolle zusprach.

Natürlich hat die Veröffentlichung des Sohar nicht ausschließlich, aber vorwiegend zum Thema Sexualität, die Fantasie und den Diskurs der Rabbiner beflügelt. Einer der sich besonders eifrig damit befasste, war Rabbi Moshe ben Nahman, auch unter dem Namen Ramban bekannt. Er war nicht nur einer der bedeutendsten jüdischen Religionsgelehrten seiner Zeit, sondern gilt bis heute als Sex-Koryphäe schlechthin. In der Hochzeit des Mittelalters schrieb er im frühen 13. Jahrhundert in seinem heiligen Brief „Igereth Hakodesch“, dass ein Ehemann mit seiner Frau „in jeder beliebigen Weise verfahren und jedes Organ ihres Körpers nach Wunsch küssen und Geschlechtsverkehr auf natürliche und unnatürliche Weise haben“ dürfe. Übrigens sind es die Erotiktipps des Ramban, die Barbra Streisand in dem Hollywood-Film „Yentl“ zugeflüstert werden, wenn sie als Jeshiwa verkleidet unter der Chuppa steht.

Auch Maimonides, der wohl bedeutendste jüdische Philosoph und Rechtsgelehrter des Mittelalters, schreibt in der Halachot Issurej Biah (23,9), der Mann dürfe „jedes Körperteil der Frau küssen und mit ihr in jeder erdenklichen Stellung verkehren“ – vorausgesetzt, es würde kein „Samen verschwendet“. Zwar gilt als ein Motiv für den Geschlechtsakt laut dem biblischen Gebot noch immer das „mehret euch!“, darüber hinaus aber darf er durchaus auch aus dem Zwecke der Lust erfolgen. Und diese Lust wird keineswegs nur dem Manne zugestanden. Im Talmut-Traktat Kethuboth (61b) wird dieser ausdrücklich dazu verpflichtet, seine Frau zu befriedigen und ihr umfänglich zur Verfügung zu stehen. Was ist darunter zu verstehen? Im bereits zitierten „Igereth Hakodesch“ ist es nachzulesen: „So sollst du zuerst mit Worten zu ihr reden, die ihr Herz berühren und ihre Seele beruhigen…Du musst Worte zu ihr sprechen, von denen einige ihr Verlangen, ihre Umarmung, ihre Liebe, ihre Bereitschaft und ihre Begierde fördern…Niemals dringe er gegen ihren Willen in sie ein und Gewalt tue er ihr nicht an…Beeile dich nicht dein Verlangen zu befriedigen und es zu steigern, um deine Frau bereit zu machen. Gehe über den Weg der Liebe und Zustimmung, so dass sie zuerst Erfüllung findet…“ Aber auch die jüdische Frau brauchte auf konkrete Anweisungen nicht zu verzichten. Rabbi Schlomo ben Jizchak, genannt Rashi, zitierte Rabbi Chisda (Talmud Schabbat 140b), der bereits im dritten Jahrhundert seinen Töchtern lehrte: „Wenn euer Ehemann euch liebkost, um sexuelles Verlangen zu erwecken, und er hält die Brust in der einen Hand und ‚jenen Ort’ in der anderen, gebt ihm zuerst die Brust, um seine Leidenschaft zu steigern, und gebt ihm den Ort nicht zu schnell, bis seine Leidenschaft steigt und er vor Verlangen vergeht. Dann gebt ihn ihm.“

Eintausend Jahre später hat Ja’akow ben Ascher, eine halachische Autorität seiner Zeit, die Möglichkeiten des Sexuallebens noch erweitert. Laut seinem Hauptwerk „Arba’ah Turim“ gilt nämlich selbst der Oralverkehr (Tosafot Jewamot 34b) als erlaubt und an anderer Stelle sogar der Analverkehr (Ewen HaEzer 25). Allerdings sei auch bei diesen Varianten des Sexuallebens darauf zu achten, dass der Mann seinen Samen nicht außerhalb des Körpers der Frau „entlässt“. Ramban verbindet den Lustgedanken gar mit einer spirituellen Motivation: „Wenn der Geschlechtsverkehr um des Himmels willen getan wird, dann gibt es nichts, was ebenso heilig und rein ist. […] G’tt hat nichts geschaffen, das hässlich oder schändlich ist.“ Oder mit anderen Worten: Ramban versteht den Sex als spirituellen Akt, als Teilhabe an der Welt und direkte Eintrittskarte in die Wohnung G’ttes!

Sexualvorschriften und Moderne

„Nach der jüdischen Tradition ist keine sexuelle Beziehung so einfach, wie sie an der Oberfläche erscheint; die der Religion oft zugeschriebene puritanische Einstellung zur Sexualität lässt sich nur halten, wenn die Bibel auf der einfachsten und oberflächlichsten Ebene gelesen wird“, schreibt Ruth Westheimer. Und dann kommt sie auf die biblische Rut zu sprechen, also jener Witwe, die sich einem Ratschlag ihrer Schwiegermutter folgend, dem judäischen Grundbesitzer Boas zu Füßen legt. Der kann sich ihren Reizen nicht entziehen – zur umstrittenen Eheschließung mit „der Moabiterin“ aber kommt es erst nach dieser Nacht. Der amerikanische Judaistik-Forscher David Biale nennt in seinem Buch „Eros and the Jews“ die Geschichte der Rut „die Politik der sexuellen Subversion“. Ruth Westheimer sieht darin „ein großartiges Beispiel dafür, dass die Bibel ein strategisches Handbuch für die Geschlechter sein kann, das die Frauen ermutigt, mit dem Sex auch außerhalb der Ehe anzufangen…“ Und wenn man Rabbi Jacob Emden – auch als Jacob Hirschel bekannt – glauben darf, sei das gar kein Problem. Bereits im 18. Jahrhundert hielt er in seinem „Sheilat Jaawez“, einem Siddur, das neben Gebeten auch eine Vielzahl von Erklärungen zu jüdischen Bräuchen enthält, das Konkubinat durchaus für erlaubt: „Diejenigen, die sich in einem Konkubinat arrangieren wollen, können dies sicherlich tun, denn vielleicht möchte die Frau, wenn sie schlecht behandelt wird, ohne Scheidungsverfahren sofort weggehen oder beide Parteien sind auf die schwere Verantwortung der ehelichen Verpflichtungen nicht vorbereitet… In solchen Fällen bietet die Option des Konkubinats eine Beziehung, die durch gegenseitige mündliche Vereinbarung beginnt und mündlich beendet wird. Die Ehe ist keine Pflicht. Und wer behauptet, das Zusammenleben sei eine Verletzung des biblischen Heiratsgebots, der irrt sich, denn die Tora verpflichtet nicht zur Ehe, sondern sagt nur, dass ein Mann fruchtbar sein und sich mehren soll…und diese Vorschrift kann auch in einer nichtehelichen Beziehung richtig erfüllt werden.“

Für das moderne Sexualleben finden sich in fast allen Fällen auch religiöse wie halachische Rechtfertigungen. Einzig die männlichen Homosexuellen scheinen damit leben zu müssen, dass ihnen jene berüchtigte Tora-Stelle aus Levitikus (20,13) vorgehalten wird, in der es heißt: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollten beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.“ Soweit wollten die 222 Rabbiner und Gemeindevorsteher aus aller Welt nicht gehen, die am 15. September 2012 in einer gemeinsamen Erklärung vorschlugen: „Autoritätspersonen können Menschen, die mit gleichgeschlechtlichen Neigungen kämpfen, auf den Weg der Heilung und der Überwindung ihrer Neigungen führen.“ Und wenn jene Menschen das gar nicht wollen? Dann können sie sich auf Prof. Dr. Felice-Judith Ansohn – Medizinerin und Historikerin – berufen, in deren Essay „Juden und Homosexualität“ nachzulesen ist: „Der Einwand, Homosexualität sei ‚gegen die menschliche Natur’, hält einer Prüfung im Licht heutiger sexualkundlicher Erkenntnisse ebenso wenig stand wie die Behauptung, es handle sich um eine Krankheit.“ Das wusste Magnus Hirschfeld schon vor 100 Jahren. Ein Widerspruch zur Tora? Ruth Westheimer kommt zu folgendem Schluss: „Für den traditionellen Juden sind Theorien und Philosophien nur Gesellschaftsspiele. Über die sexuellen Gesetze der Bibel zu reden, ist ebenso sinnlos, wie darüber zu reden, ob der Shabbat auf den Mittwoch verlegt werden sollte.“

Gerhard Haase-Hindenberg ist Autor der Bestseller „Sex im Kopf“ und „Die enthemmten Deutschen“ (beide ROWOHLT). Auf Anfrage hält er Vorträge zum Thema „Sex und Judentum“. Kontakt: haase-publizist@versanet.de  

Der Beitrag erschien zuvor in der Jüdischen Rundschau.

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