Baustopp für „Schikanepromenade“ gefordert

Nach den Novemberprogromen 1938 war die Fontanepromenade 15 in Kreuzberg, nähe Südstern, der Ort, wo sich die Berliner Juden zum Arbeitseinsatz melden mussten. An der als „Schickanepromenade“ bezeichneten Straße befand sich die Berliner Arbeitsbehörde, die für Berliner Juden den „Geschlossenen Arbeitseinsatz“ organisierte…

Von Lothar Eberhardt

Mit jüdischer Zwangsarbeit wird oft nur die Vernichtung durch Arbeit im Konzentrationslager verbunden, aber die vom Erwerbsleben ausgeschlossenen einkommenslose Juden, die nicht emigrieren konnten, wurden in einem „eigene System“, dem „Geschlossenen Arbeitseinsatz“, so allein hier in Berlin z.B. 1941 über 30.000 in 230 Firmen eingesetzt und zur Arbeit gezwungen. Reichsweit waren es ca. 200 000 Juden, die durch die Reichsarbeitsverwaltung in dem „effektiven Ausbeutungssystem“ versklavt wurden und oft in eigenen Lagern interniert waren.

Wolf Gruner, der in Los Angeles lehrt und ausgewiesene Experte zum Thema „Geschlossener Arbeitseinsatz“ ist, schreibt dazu: „Der Ende 1938 im Rahmen des Zwangsgemeinschaftskonzeptes eingeführte Geschlossene Arbeitseinsatz war somit von der Reichsarbetisverwaltung bsi zum Beginn des Jahres 1941 zur perfekten zwangsarbetisorganisation ent wickelt worden.“ (Gruner: Geschlossener Arbetiseinsatz S. 176)

Im Rahmen der „Zerstörten Vielfalt“ wurde 2013 im Mai dieser Unrechts-Ort mit einer Stele markiert und in mit einer öffentlichen Veranstaltung eingeweiht. 

Was ist in den drei Jahren gedenk-politisch zu dem historischen Ort im Holocaust an der Schnittstelle zwischen Verwertung und Vernichtung im Bezirk und in Berlin oder gar auf Bundeseben passiert? Scheinbar nichts!

Das Haus wurde verkauft. Im August 2016 die Baugenehmigung für das denkmalgeschützte Haus erteilt. Im Oktober war Baubeginn.

Die Stadtteilinitiative „Wem gehört Kreuzberg“ trug das Thema an die Öffentlichkeit und forderte den sofortigen Baustopp: „Wir halten es für einen absoluten Skandal, dass ein solcher Geschichtsort der Immobilienspekulation geopfert wird und nicht als Gedenkort/ Museum zur jüdischen Zwangsarbeit und zum Holocaust öffentlich genutzt wird.“ 

Bis zum heutigen Tag gab es keine öffentliche Stellungnahme der Kommune, des Landes Berlin oder gar des Bundes. Die Gedenktafelkommission des Bezirkes Friederichshain-Kreuzberg hatte sich im November 2015 für ein Erinnern stark gemacht und gegen eine „museale Gedenkstätte“ ausgesprochen. Die lokale SPD fordert zum adäquaten Umgang mit dem Ort auf, blieb aber inhaltliche Überlegungen schuldig. Ein Skandal oder Unkenntnis über die Dimension des „jüdischen Zwangsarbeitssystems?

Mittlerweile hat sich eine berlinweite Gedenkinitiative „Gedenkort Fontanepromenade 15“ gegründet und Briefe mit Fragen an die politisch Verantwortlichen auf kommunale, landes- und bundes Ebene versandt. Bis jetzt gibt es aber keine offiziellen Reaktionen.

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