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Obermayer German Jewish History Award 2017

Auch in diesem Jahr werden im Berliner Abgeordnetenhaus wieder Bürger ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise um das Gedenken an die jüdische Geschichte in Deutschland verdient gemacht haben…

Unter den fünf Preisträgern des von Dr. Arthur S. Obermayer initiierten German Jewish History Award sind auch Volker Landig und Hartmut Peters für das Gröschler-Haus in Jever, Niedersachsen.

Das Gröschler-Haus wurde im Jahr 2014 als Zentrum für Jüdische Geschichte und Zeitgeschichte der Region Friesland/Wilhelmshaven gegründet und dient seither als Informationsstätte, Veranstaltungsort und Treffpunkt für Menschen, die das jüdische Erbe von Jever und Umgebung im Nordwesten Deutschlands wiederentdecken und bewahren wollen. Das Haus, das am Standort der ehemaligen Jeverane Synagoge steht, wird auch als außerschulischer Lernort für Schüler in den Fächern Geschichte, Politik, Religion und Werte/Normen sowie für die Erwachsenenbildung genutzt. Benannt ist das Zentrum nach den Brüdern Hermann und Julius Gröschler. Sie waren die letzten Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Jever und starben beide durch den Holocaust.

Das Gröschler-Haus, das durch den Zweckverband Schlossmuseum Jever, den Landkreis Friesland und den Jeverländischen Altertums- und Heimatverein e.V. gefördert wird, beherbergt die Ausstellung „Zur Geschichte der Juden Jevers“ und hat sich zu einem dynamischen kulturellen Lernort entwickelt, der das weitgehend in Vergessenheit geratene jüdische Erbe und die jüdische Lokalgeschichte wieder zum Leben erweckt. „Die jüdische Tradition ist so wichtig in dieser Region, und es gibt darüber so viel zu erzählen und entdecken, so vieles, das zum Nachdenken anregt“, erklärt Volker Landig, pensionierter evangelischer Pfarrer und einer der Gründer des Gröschler Haus, das von einem kleinen Team von Freiwilligen verwaltet und betrieben wird. „Das war der Grund, warum wir mit dieser Arbeit begonnen haben: Wir wollten, dass die Bevölkerung alles über diesen Teil der Geschichte erfährt.“

Landigs Engagement für die Wiederbelebung der jüdischen Vergangenheit in Friesland begann vor mehr als 40 Jahren. Als er 1976 nach Jever zog, stellte er mit Erstaunen fest, dass von der jüdischen Vergangenheit der Stadt nichts mehr zu sehen war. „Ich entdeckte einen großen jüdischen Friedhof, der in einem sehr, sehr schlechten Zustand war, und machte mich gemeinsam mit meinen Konfirmanden an die Wiederherstellung.“ Zwei Jahre später initiierte er zusammen mit dem Bürgermeister von Jever eine Messing-Gedenktafel an dem Gebäude, das heute auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge steht. Darüber hinaus begann er, die Familiengeschichten der einstigen jüdischen Bürger von Jever zu recherchieren und den Kontakt zu den heute noch lebenden Nachfahren zu suchen.

Eine dieser Nachfahren war Paulette Buchheim aus Malden, Massachusetts, USA, deren Großonkel Fritz Levy 1939 von Deutschland nach Shanghai floh und später nach San Francisco ging, bevor er 1950 nach Jever zurückkehrte. Levy bekam das Familieneigentum zurück und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1982 in der Stadt, wo er als „der letzte Jude von Jever“ bekannt war. Er war auch der letzte Mensch, der auf dem jüdischen Friedhof von Jever beerdigt wurde. Hartmut Peters, ein Lehrer am Mariengymnasium, der in den frühen 1980er Jahren ein Schülerprojekt außerhalb des Stundenplans zur Erforschung der jüdischen Vergangenheit der Stadt initiierte – und viele Jahre später gemeinsam mit Landig das Gröschler-Haus gründete – kannte Levy und sah in dem unangepassten Mann „einen meiner ,Cultural Heroes‘.“

Erst ab 1983, nachdem Landig und Peters sich schließlich kennen gelernt hatten, wurde das jüdische Vermächtnis von Jever vollständig erforscht. Im Jahr darauf organisierten die beiden gemeinsam mit Schülern eine Woche der Begegnung, während der auch ein christlichjüdischer Gottesdienst in der städtischen Kirche stattfand, an dem über zwei Dutzend ehemalige jüdische Bürger Jevers teilnahmen. Die Veranstaltung wurde zu einem historischen Wiedersehen unter Mitwirkung des hochangesehenen deutschen Rabbis Henry George Brandt. Landig war damals der offizielle Vertreter der evangelisch-lutherischen Kirche in der Region Oldenburg und konnte damit als Brückenbauer zwischen den Religionen agieren.

Seit dem einwöchigen Besuch der aus Jever vertriebenen Juden hat Peters zahlreiche Zeitungsartikel und zwei Bücher geschrieben. Dank der unermüdlichen Recherchen von Landig und Peters können die Besucher des Gröschler-Haus sich heute über die mehrere Jahrhunderte zurückreichende jüdische Geschichte der Stadt informieren, beginnend im Jahr 1698, als die ersten jüdischen Händler sich in der bäuerlichen Region niederließen. Zu ihrer Hochzeit im Jahr 1900 hatte die jüdische Gemeinde zu Jever rund 200 Mitglieder – eine beträchtliche Zahl, gemessen an der Größe der Stadt. Mindestens 67 jüdische Jeveraner wurden von den Nazis umgebracht; der erste starb 1938 in Sachsenhausen bei Berlin, der letzte 1945, zusammen mit Hunderten anderen Juden, bei der See-Evakuierung des Konzentrationslagers Neuengamme, als das Schiff versehentlich durch britische Bomber versenkt wurde.

Neben Musikveranstaltungen, Ausstellungen, Vorträgen und anderen Aktivitäten betreibt das Gröschler-Haus eine Website. Viele der über 100 dort zu findenden Artikel stammen von Hartmut Peters. Die Seite hat sich zu einem regionalen Online-Magazin für die Lokalgeschichte der Juden und der NS-Zeit der Region entwickelt. 1986 wurde Peters für die Organisation des Besuchs der vertriebenen jüdischen Bürger und seinen Beitrag zur Vermittlung der jüdischen Vergangenheit von Jever zusammen mit Schülern mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet. „Im Jahre 2016 kommen die Schüler nun zum Gröschler-Haus, und erfahren Geschichte an einem authentischen Erinnerungsort“, sagt Peters, 67, der Lehrer wurde mit dem Ziel, „die Gesellschaft zu verändern“ und sie mit ihrer NS-Vergangenheit zu konfrontieren. „Die jungen Menschen, die zu uns kommen, sind sehr interessiert. Sie wissen mehr über die Vergangenheit als die Schüler früher. Sie wollen Teil der Lösung sein. Im Gröschler-Haus können sie sehen, was wirklich geschah – dass es nicht nur etwas ist, das in Büchern steht.“

Landig und Peters organisieren alljährlich eine Gedenkfeier anlässlich der Reichspogromnacht in Jever. 1996 initiierten sie ein „Mahnmal für die Ermordeten Juden Jevers“ in Form dreier Stapel von Büchern an einer Mauer des Gefängnisses von Jever, in dem die Juden 1938 vor ihrer Deportation in die Konzentrationslager interniert waren. Auf den Rücken der Bücher sind die Namen der 67 jüdischen Bürger eingraviert, die von den Nazis ermordet wurden. (Das Mahnmal wurde ausschließlich durch Spenden aus der Bevölkerung finanziert und für damals rund 60.000 DM – ca. 30.000 EUR – errichtet.) Die ganze Woche über arbeiten Ehrenamtliche im Gröschler-Haus, das Einwohnern und Besuchern offensteht, die sich über die jüdische Vergangenheit von Jever informieren möchten.

Erst kürzlich wurde entdeckt, dass das Gebäude auf den Überresten einer alten Mikwe steht. Das rituelle Bad ist wohl die einzige erhaltene Mikwe in Nordwestdeutschland. Landig erklärt: „Wir werden die Mikwe restaurieren und eine Glasdecke anbringen, damit die Besucher sie anschauen können und einen Eindruck davon bekommen, wie so eine Mikwe funktionierte.“

Er hofft, dass es in der Zukunft gelingt, die Mittel für den Kauf des Gröschler-Haus zu beschaffen, das finanziell durch lokale Behörden, die Europäische Union und private Spenden getragen wird. Landig betrachtet die Arbeit als eine „humanitäre Verpflichtung jedes einzelnen Menschen, nicht nur von Christen. Wir leben alle zusammen in dieser Welt, wir müssen uns gegenseitig respektieren, andere Identitäten, andere Philosophien, andere Nationalitäten anerkennen und uns bewusst machen, was wir selbst sind“, sagt er.

Peters, der 2014 pensioniert wurde, ist überzeugt, dass das Gröschler-Haus und die Vermittlung des Wissens um das jüdische Vermächtnis von Jever an die nächste Generation auch in Zukunft weitergeführt werden müssen. „Wir machen weiter, um die Erinnerung in der Gesellschaft zu institutionalisieren und sie von unserer Pionier-Generation zu lösen“, sagt er. Die Leistungen und Beiträge der Juden, die Verbrechen, die an ihnen verübt wurden, und die Ursachen müssten gleichermaßen im kollektiven Gedächtnis gespeichert werden. „Wir brauchen eine neue Form der Erinnerungskultur. Daran führt kein Weg vorbei.“

Die weiteren Preisträger

Am Montag, dem 23. Januar 2017 um 18 Uhr, können Sie die Verleihung der German Jewish History Awards hier live aus dem Plenarsaal des Abgeordnetenhauses verfolgen.