Wo das reine Menschsein zählt

Die Siedlung Ludwigsfeld ist als früheres Außenlager des KZ Dachau schwer belastet. Kriegsverschleppte und Heimatvertriebene aus 22 Nationen haben es geschafft, hier eine Oase der Toleranz zu bauen  –  einen Ort mit „Spirit“, mit einer guten Seele…

Von Eva von Steinburg
Erschienen in: Abendzeitung München

Nach Edelsteinen heißen die Straßen: Kristallstraße, Smaragdstraße, Onyxplatz. Die  „Kristallsiedlung“  in München-Ludwigsfeld hat etwas von einem Park: Hohe Erlen und alte Pappeln rauschen im Wind. An orangeroten, blauen oder gelben  Mietshäusern prangen moderne Metall-Balkone, oft mit Blumen – in Ludwigsfeld wohnt es sich durchaus charmant.

Doch der kleine Stadtteil im Münchner Norden hat ein Imageproblem: „Es passiert heute noch, dass Eltern ihre Kinder nicht zum Spielen her fahren. Unsere Siedlung ist für sie tabu“, sagt Anusch Thiel: „Wir sind immer noch als asoziale Russensiedlung verschrien. Und dann gibt es ja die Geschichte mit dem KZ…“, so die zierliche 68-Jährige Frau. Die dunkle KZ- Vergangenheit von Ludwigsfeld hat sie recherchiert – und will trotzdem nie weg: „Hier lebt ein verrücktes multikulturelles Gemisch an Menschen mit einem sagenhaften Zusammenhalt. Das ist einzigartig – eben typisch Ludwigsfeld.“

1953 sind die „Einfachwohnungen“ fertig. Der Bund hat sie mit Geldern aus dem Marshall-Plan gebaut. Anusch Thiel zieht als unterernährtes Kind in eine Wohnung ohne Heizung und ohne Bad.  Andere Blocks haben einen Balkon:  „Damit sich  die Tuberkulosekranken an der Luft kurieren konnten“, erinnert sich die dunkelhaarige Tochter eines armenischen Vaters und einer deutsch- jüdischen  Mutter.

2025 „Heimatlose Ausländer“ ziehen in 34 Wohnblocks. Darunter frühere Zwangsarbeiter aus Lagern in und um München und Kriegsverschleppte aus Osteuropa, die nicht in die USA auswandern können oder wollen. Für die Amerikaner sind sie „Hard-Core-Displaced Persons“:  Georgier und Esten,  Polen und Tataren, Aserbaidschaner und Ukrainer, Schlesier und Siebenbürger Sachsen aus 22 Nationen. Dazu kommen vorgeblich entnazifizierte Deutsche. Anusch Thiel: „Unser Nachbar war ein ehemaliger SS-Mann. Mit seinem Sohn bin ich bis heute eng befreundet.“

Der Dalai Lama war schon zwei Mal zu Gast. Denn tibetisch-buddhistische Kalmücken, gregorianisch-orthodoxe Christen, Muslime, Zeugen Jehovas und Juden, 13 Religionsgemeinschaften, sind in  Ludwigsfeld zu Hause.  In der Nachkriegszeit sind die meisten Menschen arm,  viele traumatisiert.  Der Wodka macht Probleme. Ein Pole hängt sich am Spielplatz auf. Jedoch: Die Ludwigsfelder Schicksalsgemeinschaft  aus lauter Entwurzelten schafft es irgendwie, das Beste aus ihrem neuen Leben zu machen. „Alle waren hier gleich, egal woher sie kamen. Dieses Stück Erde werden die Ludwigsfelder ewig lieben,  weil hier nie etwas anderes zählte, als das reine Menschsein“, schreibt treffend eine Berliner Zeitung unter der Überschrift „Die Vereinten Völker von Ludwigsfeld.“

Unterschiede werden akzeptiert. Toleranz wird täglich gelebt. 1969 macht die Ludwigsfelder Polizeistation dicht. Sie hat zu wenig Arbeit. Die Großfamilie Ludwigsfeld, das Ludwigsfelder Ur-Gefühl –   Anusch Thiel erklärt es so: „Unsere innere Verbindung entspringt  unserer abgeschiedenen, überschaubaren Welt von wenigen Straßenzügen. Und keine Gruppe, keine Religion ist so groß, dass sie dominiert.“ Das  Geheimnis von Ludwigsfeld?  „Kleine Gruppen schaffen das!“, strahlt sie: „Außerdem schweißt das Gefühl nicht gewollt zu sein die Menschen zusätzlich zusammen.“

In kinderreichen Familien gibt es in den 60er- und 70er Jahren Rama-Brote,  Väter arbeiten bei MAN und anderswo, die Ludwigsfelder feiern Fasching, Hochzeiten und Taufen.  Ihr Alltag  wird gekrönt von  langen Ludwigsfelder Nächten –  mit der ukrainischen Mädchen-Tanzgruppe  im „Haus für alle“ in der Granatstraße. Oder  die Ludwigsfelder Hausband „Hounddogs“ spielt  Oldies auf der asphaltierten Rollschuhplatte: Der kleiner Festplatz ist übrigens das Fundament einer abgerissenen KZ-Baracke.

Für die übliche Ludwigsfelder Ausgelassenheit  – für sie fehlt jedoch seit Jahren eine Kneipe. Im ehemaligen Kino, steht die Gastwirtschaft  leer. Anuschs Mann, Johannes Thiel, früher Hausmeister der Siedlung, macht das wütend: „Wir brauchen dringend einen Kulturraum. Wir haben in Ludwigsfeld keinen Treffpunkt mehr. Wir hoffen sehr auf Unterstützung aus dem Rathaus.“

Schließlich gilt es den Ludwigsfelder „Spirit“ zu bewahren: Ein junger Mann formuliert das einmal so: „Hier ist ein bisschen Berliner Kiez-Stimmung. Leute mit denen du normalerweise so nie zu tun haben willst, hängen miteinander ab.“ Rebekka Obinger (39), Tochter von Anusch und Johannes Thiel, kommt fast jeden Tag aus Dachau. So sehr vermisst sie Ludwigsfeld: „Der Umgang ist hier anders, so menschlich und normal. Fast jeder kennt hier jeden.  Meine Kindheit hier war traumhaft! Wir konnten uns in der Siedlung völlig frei bewegen.“

Anusch und Johannes Thiel mit Tochter Rebekka und Enkelin Tara
Anusch und Johannes Thiel mit Tochter Rebekka und Enkelin Tara

Das Paradies der Familie Thiel  –  seine KZ-Vergangenheit  belastet es schwer. Nach einem möglichen Massengrab von KZ-Opfern schürft das Landesamt für Denkmalpflege momentan an der Granatstraße. Geahnt, dass mit ihrem Ort etwas nicht stimmt,  haben das die alten Ludwigsfelder schon immer. Anusch Thiels Bruder findet beim Spielen menschliche Knochen,  andere Kinder stoßen auf Totenschädel. Denn: Der Bund hat die Wohnsiedlung Ludwigsfeld  auf das Gebiet des ehemaligen KZ-Außenlagers Dachau-Allach gesetzt – auch wenn das nicht allen Ludwigsfeldern klar ist – und den wenigsten Münchnern.

9997 überlebende Häftlinge und Zwangsarbeiter befreit  die US-Armee am 30. April 1945 aus dem Lager.  „Lager-Hölle,  Endhölle, Überhölle“ heißt der Ort in den Berichten überlebender Häftlinge. Das KZ-Außenlager Dachau-Allach ist ein Firmen KZ von BMW, belegt der Stadtteilhistoriker Klaus Mai.  In  Begleitung von „bösen Hunden und seelenlosen Aufsehern“  queren die Zwangsarbeiter die Dachauer Straße – zum Einsatz  in der dortigen  BMW-Filiale, die Flugzeugmotoren herstellt.  Heute residiert auf diesem Gelände die Rüstungsfirma MTU. Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt, ist als 17-jähriger Flakhelfer  1943 in Ludwigsfeld stationiert, um die kriegswichtige BMW-Produktion zu schützen.

Mit dem Verein „Interessensgemeinschaft Ludwigsfeld“  organisieren  Johannes und Anusch Thiel  1997 eine Gedenktafel für die Zwangsarbeiter. Sie ist an der Rückwand der letzten erhaltenen KZ-Baracke angebracht: „Ich sorge für Blumen und am Befreiungstag gibt es eine Gedenkfeier“, freut sich Anusch Thiel, denn vorher habe nichts an  Nazi-Verbrechen und das Leid im Lager erinnert.  Mehr als merkwürdig für  Außenstehende: Die schäbige ehemalige  KZ-Sanitätsbaracke nutzt der TSV Ludwigsfeld bis heute als Vereinsheim – mit  Umkleiden und Duschen.  Warum baut das Sportamt den jungen Ludwigsfeldern keinen unbelasteten Treff? Die Stadt München verschleppt jede Entscheidung: „Wir sind für die Stadt, wie ein unantastbares Geschwür, das sie vergessen will“, sagt Anusch Thiel.  „Ein würdiger Gedenkort für die Ludwigsfelder Zwangsarbeiter ist  aber angedacht“, sagt Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Letzte erhaltene Baracke des KZ-Außenlagers Dachau-Allach
Letzte erhaltene Baracke des KZ-Außenlagers Dachau-Allach

„München hat über 60 Jahre nichts  für uns getan. Wir waren uns selbst überlassen, isoliert,  fast vergessen. Eine Schande, dass sich die Stadt ihrer Verantwortung uns gegenüber nie gestellt hat “, kritisiert Johannes Thiel. Die Ludwigsfelder wollten 2007, dass die Stadt ihre Siedlung  vom Bund  übernimmt – und ihre niedrigen Mieten absichert – vergebens. Das  Augsburger Immobilienunternehmen Patrizia kauft das belastete Ludwigsfeld für einen Spottpreis von 10,5 Millionen Euro.

Wärmedämmung, freundliche Farben, großzügige Balkone – die  Patrizia  AG renoviert. „Dafür zieht sie bei den Mieten an,  wo sie nur kann. Sozial ist das nicht“, konstatiert Johannes Thiel. In extremen Fällen hat sich die Miete in neun Jahren vervierfacht, weiß  er. Der angespannte Mietmarkt  in München macht den so verschrienen Stadtteil jetzt allerdings attraktiver:  Über 100 moderne Wohnungen und Reihenhäuser wurden in den letzten Jahren hergebaut. Die „Projektgesellschaft Granatstraße 12“ aus Grünwald möchte in Ludwigsfeld  eine moderne große Wohnsiedlung errichten – auf 35 000  Quadratmetern. Wenn die archäologischen Grabungen beendet sind, soll es losgehen. Auf einem Baugrund, der „frei“ ist,  von möglichen Überresten der KZ-Opfer.

Der „sagenhafte Zusammenhalt“ der Siedlung – durch Wegzug und Zuzug geht er langsam verloren. Die kleine Frau Thiel,  Mutter, von fünf Kindern und Oma von neun Enkeln, wird die Wärme der Großfamilie Ludwigsfeld  aber ewig beschwören – als Symbol gegen das Grauen: „Über diesen Boden sind gequälte Menschen gekrochen. Er ist blutgetränkt.“

Mit einem richtiger Gedenkort würde ihnen Genugtuung erwiesen: Französischen und holländischen KZ-Überlebenden, dem Cousin von Tony Curtis und  Max Mannheimer, lange Präsident der Lagergemeinschaft Dachau.  Der 2016 verstorbene Jude Mannheimer hat den Einwohnern von Ludwigsfeld versichert, kein Problem mehr damit zu haben „dass wir jetzt hier wohnen“, sagt Anusch Thiel.  Dieses „Placet“  ist für die Thiels  wesentlich:  „Dass über dem KZ für Zwangsarbeiter ein besonders  menschliches München entstehen konnte, ist unsere schönste Botschaft.“

Alle Fotos: (c) Eva von Steinburg

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