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Der neue Leiner

Dass Arieh Bauer Tora und Literatur miteinander verbinden kann, hat er als Verfasser des Buches „Der Leiner“ bereits bewiesen. Mit Veröffentlichung seines Folge-Werkes „Der neue Leiner“ kann er nun endgültig das Tor zur breiten Leserschaft torabezogener Literatur aufstoßen…

Der zweite Band versucht, kompliziert oder auch banal wirkende Dinge auf eine einfache, geradlinige und witzige Art darzustellen. Die Wochenabschnitte werden gut lesbar sowohl für jüdische Leser als auch für Neueinsteiger mit Bezügen zur Gegenwart erklärt. Ein umfassendes Glossar übersetzt und erklärt hebräische Ausdrücke im Text.

Die absolute Stärke des „Leiners“ bleiben jedoch die farbige, lebensfrohe Ausdrucksweise und ein leicht satirischer Unterton, der keineswegs auf Kosten der behandelten Thematik geht. So gelingt es dem Verfasser, Abhandlungen zu einem Thema aus dem Wochenabschnitt zu entwickeln, die nicht nur informativ und angenehm zu lesen sind, sondern auch einen gewissen Tiefgang haben. Sprache und Inhalt der Texte erfrischen, überraschen und erwecken das spirituelle Ich des Lesers zu neuem Leben.

Der neue Band ist aber auch ein Begleiter durch den jüdischen Jahreskreis, da neben den Wochenabschnitten auch die wichtigsten Feiertage behandelt werden. 

Die Beiträge aus dem „Leiner“ stellen somit nicht nur einen genussvollen Zeitvertreib oder ein unterhaltsames Studium der Tora-Quellen dar. Sie regen vielmehr auch zum Denken an, um dem Leser zu ermöglichen, seine Beziehung mit „G’tt und der Welt“ einmal aus einer anderen Perspektive zu erleben. Aus Perspektive der Tora nämlich.

Arieh Bauer, Der neue Leiner: Beiträge über Tora und Judentum in Literaturdeutsch, BoD 2016, 364 S., Euro 23,90, Bestellen?

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LESEPROBE

שמות
Shemot

Schlangenbiss auf der Baustelle

Schwere Zeiten brechen für die Bnei Jisrael heran. Nach der recht gemütlich verlaufenen Ankunft in Eretz Mizrajim entwickeln Pharao und sein Volk langsam eine echte Abneigung gegen die wohlgedeihende Familie Jakov Avinus. Aus Missgunst erwächst Verachtung. Aus Abscheu wird Hass.

Weder Jakov noch seine Söhne sollten dabei etwas von der neuen Antistimmung und Volk-Jisrael-Hetze mitbekommen. Zumindest nicht in irdischen Sphären. Denn der „neue König“ (72) Pharao erstieg seinen Thron der Qualen und des Leids erst nach dem Ableben der „Einwanderergeneration“.

Die Tora berichtet von schrecklichen Dekreten und einem brutalen Arbeitspensum, das ein nunmehr versklavtes Volk unter den schwersten Bedingungen ableisten musste. 

Mizrische Hölle  

Inmitten des Geschehens offenbart die Tora aber noch eine interessante Geschichte. Ihr Hauptdarsteller ist Moshe Rabbenu, der Mann, der die Bnei Jisrael in naher Zukunft aus der mizrischen Hölle befreien würde.

Moshe legte sich mit einem mizrischen Befehlshaber an, der in seinen Augen einen Juden ungerecht behandelt hatte. Das Zusammentreffen zwischen den beiden endete mit dem Tod des Mizris. Gesehen hatte Moshes Tat zum Glück niemand, außer zweier jüdischer Personen. Doch gerade dies sollte sich als Bumerang für Moshe erweisen. Die beiden fingen an, Moshe für seine Tat schlechtzureden (73): „Warum hast du ihn geschlagen? Wer hat dich zum Richter über uns gemacht?“, schrien sie Moshe an. Dem wurde schwarz vor Augen. Das waren doch seine eigenen Leute, die ihn hier für eine Hilfeleistung attackierten!

Spitze Zungen 

Scheinbar bemerkten die beiden Hebräer mit den spitzen Zungen Moshes Unmut und provozierten ihn weiter: „Wirst du uns etwa auch so erschlagen, wie du den Mizri getötet hast?“, ätzten sie. Die Reaktion Moshes beschreibt die Tora nun folgendermaßen: „Moshe fürchtete und sagte: ‚Jetzt ist mir die Sache klar!“ (74)

Was Moshe aber in dem Moment klargeworden sein soll, ist nun alles andere als „klar“. War es etwa die Erkenntnis, dass man ihn bald verraten würde, die ihm jetzt erst dämmerte? Das hätte er wohl kaum mit so einem tief erstaunten Ruf zum Ausdruck bringen müssen! Auch Rashi vertieft sich in Moshes Ausruf und präsentiert seine Gedankengänge in einem ganz neuen Licht: „Jetzt ist mir etwas klargeworden, über das ich mich die ganze Zeit gewundert habe“, soll Moshe sich laut Rashi in dem Moment gedacht haben. „Was haben die Bnei Jisrael eigentlich verbrochen, dass ausgerechnet sie von allen siebzig Völkern zu solch einer ‚harten Arbeit’ verdonnert wurden?“

Die „harte Arbeit“ – in der Tora als „Avodat Parech“ (75) bezeichnet – hatte ihren Namen nebenbei bemerkt tatsächlich verdient. So berichtet beispielsweise die Gemara (76), dass beim Bau der beiden Vorratsstädte „Pitom“ und „Ra’amses“ kein Stein auf dem anderen blieb und die Baustellen der Arbeitssklaven einem einzigen Chaos glichen.

Kartenhaus 

Wie ein Kartenhaus fielen die Bauwerke der Bnei Jisrael zusammen oder wurden von der Erde verschluckt! Doch das störte Pharao scheinbar gar nicht. Er ließ seine hebräischen Sklaven weiter werken. Egal, was dabei herauskam! Mit der „harten Arbeit“ ist damit in der Tora diejenige gemeint, die überhaupt keine Früchte trägt, die sinnlos ist. Doch Rashi ist noch nicht fertig und lässt Moshe noch ein wenig weiterdenken, und zwar in spektakulärer Art und Weise.

Monolog

„Jetzt aber sehe ich, dass ihnen die harte Arbeit gebührt!“, führt Rashi nämlich Moshes Gedankenmonolog aus.

Einen Kommentar früher erklärt Rashi dabei, was genau Moshe „jetzt gesehen“ hatte, dass ihm die verkehrte Welt der Sklaverei so logisch erscheinen ließ: Er hatte gesehen, wie die beiden Bösewichte schlecht über ihn sprachen!

Er sah damit Menschen – Mitglieder der „Familie Jisraels“ – die nichts Besseres zu tun hatten, als über ihre eigenen Leute zu tratschen. Die nur das Negative im Anderen sahen und stets nach Fehlern suchten. Die schamlos Fehlinformationen und Lügen verbreiteten.

Lashon HaRa

Die großartige Erkenntnis, die Moshe in diesem Moment zuteilwurde, war somit das Ausmaß, in dem sich die „böse Zunge“ – „Lashon HaRa“ – zwischen den Bnei Jisrael bereits verbreitet hatte. Als ihm dies klar wurde, entkam ihm laut Rashi zum Abschluss noch ein Statement, das man einem „Erlöser“ nie zugeordnet hätte: „Die sind einer Erlösung sicher nicht würdig!“ 

Es gebietet sich beim Studium dieses Rashi-Kommentars aber fürwahr ein Moment des Innehaltens. Wo lag die Logik hinter Moshes „klarem Bild“? Sklaverei wegen „böser Zunge“? Betonklatschen wegen Rumtratschen? Wo war hier die Gerechtigkeit geblieben? Und dass Hashem auch im Zusammenhang mit der „harten Arbeit“ wie überall sonst ein genaues Maß an Strafabgeltung walten ließ, steht wohl außer Zweifel.

Im Werk „Tozaot Chaim“ sucht der Autor Rav Shlomo Kahane nun nach dem passenden Messbecher für das „Maß an Gerechtigkeit“, das Hashem hier angewandt hatte. Wieso musste das jüdische Volk so hart arbeiten, weil sie der „Lashon HaRa“ verfallen waren, wie Rashi es anhand von Moshes Reaktion so schön erläutert? Worin bestand der Zusammenhang zwischen der „harten Arbeit“ und der „bösen Zunge“? 

Doch der Tozaot Chaim findet einen genialen gemeinsamen Nenner zwischen den beiden Dingen und liefert uns damit einen höchst passenden „Messbecher“. Schlüssel seiner Ausführungen ist, dass in den Schriften der Propheten (77) Pharao stets als „Tannin“ – Schlange – bezeichnet wird. Dies ist deswegen der Fall, erklärt der Tozaot Chaim, weil Pharaos Handlungsweise der einer Giftschlange glich.

Von Schlangen und Löwen

Im Gegensatz zu anderen Tieren, die ihre Opfer am Höhepunkt der Jagd beißen – wie es zum Beispiel auch ein Löwe tut –, hat die Schlange während des Bisses keinen Genuss von ihrem Opfer. Der Schlangenbiss gleicht eher einer Giftinjektion. Der Löwenbiss ist jedoch außer einem Tötungswerkzeug auch der erste Bissen in das leckere Abendhäppchen des „Königs der Tiere“.

Pharao aber hatte keinerlei Genuss von der fruchtlosen Arbeit der Bnei Jisrael. Denn wie oben erwähnt, waren die Baukünste seiner Sklaven von äußerst bescheidener Natur. Die mizrischen Baustellen mit den jüdischen Arbeitern glichen eher römischen Ruinen als ägyptischen Pyramiden. Aber das war noch lange kein Anlass für Pharao, auf sie zu verzichten! Er ließ sie weiterarbeiten, obwohl er keinen Nutzen davon hatte. Er „biss“ zu, ohne Genuss zu haben. Wie eine Schlange, wie ein „Tannin“. Was Pharao eben seinen unwürdigen „Ehrentitel“ bei den Propheten einbrachte.

Doch dasselbe Verhalten kann man auch den „Lashon-HaRa“-Sprechern der jüdischen Nation zuordnen, meint der Tozaot Chaim. Auch sie haben nämlich überhaupt keinen Genuss von der üblen Nachrede, die sie betreiben. Sie benehmen sich wie eine Schlange, wie Pharao.

Erlösungsplanung

Daher, meint der Tozaot Chaim, passen die beiden Elemente der „harten Arbeit“ und der „bösen Zunge“ sehr wohl zusammen. In beiden Fällen sind es fruchtlose und sinnlose Unterfangen, in die man endlose Kräfte hineinsteckt, ohne auch nur einen kleinen faktischen Genuss davon zu haben. 

Sich Tratsch und Klatsch von heute auf morgen zur Gänze abzugewöhnen, ist sicherlich „harte Arbeit“ und ein äußerst schwieriges Unterfangen. Doch im Sinne einer „gesunden Erlösungsplanung“ wäre es zumindest ratsam, sich nicht so wie eine Schlange zu benehmen und seine Giftzähne wenigstens ein bisschen abzustumpfen.

72 Shemot 1,8.
73 Shemot 2,14.
74 Wörtl.: „Also ist die Sache bekannt!“
75 Shemot 1,13.
76 Mes. Sota 11a.
77 Jecheskel, Daniel.

(c) Arieh Bauer

Arieh Bauer, Der neue Leiner: Beiträge über Tora und Judentum in Literaturdeutsch, BoD 2016, 364 S., Euro 23,90, Bestellen?