„Jidn hejbt on lernen boks!“

Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1947, wurde in München die „Jüdische Boxmeisterschaft“ ausgetragen…

Von Jim G. Tobias

Als im Februar 1933 der deutsch-jüdische Boxer Erich Seelig nach einem spannenden Zwölfrundenkampf vor 2.000 Zuschauern im Hamburger Flora-Theater Deutscher Meister im Halbschwergewicht wurde, tobte der Saal vor Begeisterung. Bereits zwei Jahre zuvor hatte das junge Talent sich den Titel im Mittelgewicht geholt. Doch der Ruhm des 1909 in Bromberg (Pommern) geborenen Sportlers währte nicht lang; Erich Seelig wurde noch im selben Jahr aus dem Verband ausgeschlossen und seiner Titel beraubt.

Es sollten 14 Jahre vergehen, bis jüdische Boxer wieder in den Ring steigen und in einer deutschen Arena ihren Sport ausüben durften. Am zweiten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz fand in München die „Erste Jüdische Boxmeisterschaft“ statt. „Montag, dem 27. Januar 1947, ab vier Uhr nachmittags strömten die sportbegeisterten Massen in Richtung Circus Krone“, berichtete die jiddische DP-Zeitung Unterwegs. „Im Publikum sah man aber nicht nur Juden, auch nichtjüdische Boxfans, zumeist Amerikaner, waren darunter.“ Dazu viele geladene Ehrengäste: Repräsentanten der US-Militärregierung und verschiedener Hilfsorganisationen sowie Abgeordnete des „Zentralkomitees der befreiten Juden“.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten sich in zahlreichen Auffanglagern, den sogenannten Displaced Persons (DP) Camps, bis zu 200.000 Überlebende der Shoa gesammelt. Sie stammten zumeist aus Osteuropa und warteten auf eine Auswanderung in den noch zu gründenden Staat Israel oder klassische Emigrationsländer. Die Militärregierung gestattete den Juden eine weitgehende Selbstverwaltung, an deren Spitze das „Zentralkomitee der befreiten Juden“ stand. Schnell entstanden in den „Wartesälen“ autonome Strukturen mit politischen Parteien, jiddischsprachigen Zeitungen, Schulen und Sportvereinen.

Getreu dem Ruf „Jüdischer Sportler! Wir wollen die Tradition des jüdischen Heldentums fortführen“, hatten sich bereits ab Sommer 1945 in den DP-Camps Leichtathleten, Turner, Fußballer und natürlich Boxer in zahlreichen Sportvereinen zusammengeschlossen. Der Faustkampf gehörte zu den beliebtesten Sportarten. Durch Wettkampf und Spiel wollte man sich körperlich ertüchtigen und neues Selbstvertrauen gewinnen. Der Sport diente aber auch dazu, den Alltag zu strukturieren und etwas Abwechslung und Freude ins triste Lagerleben zu bringen.

Pünktlich um fünf Uhr abends wurde am 27. Januar 1947 im Cirkus Krone das Boxturnier feierlich eröffnet. Starke Scheinwerfer leuchteten die Halle aus; unter Trommelwirbel marschierten die Aktiven und Funktionäre mit blauweißen Fahnen und dem US-Sternenbanner in die Arena ein. Ein Orchester spielte die Hatikwa und die amerikanische Nationalhymne. Als erste Kämpfer betraten zwei zehnjährige Jungen aus dem DP-Camp Landsberg den Ring und führten einen Schaukampf auf. Doch das Publikum wartete ungeduldig und „voller Spannung auf interessante und anspruchsvolle Kämpfe“, schrieb die jiddischsprachige Presse. Die Zuschauer wurden nicht enttäuscht! 68 Boxer aus 13 Lagern kämpften um acht Titel in den verschiedenen Gewichtsklassen. Das dreitägige Turnier war ein voller Erfolg. Besonders freuten sich die Boxer aus dem DP-Camp Frankfurt-Zeilsheim, ihre Staffel belegte mit vier Meistern den ersten Platz. Unter ihnen „Chawer Tencer“, der den Titel im Halbschwergewicht als „bester Bokser in zajn Wog mit zajn Technik un sztarker Klap erajchte.“

Nach der Meinung vieler DPs erteilte er damit dem Stereotyp des vermeintlich verkümmerten, schwachen Ghettojuden eine klare Absage. Wie es schon Max Nordau auf dem zweiten zionistischen Kongress gefordert hatte: „Wir müssen trachten, wieder ein Muskel-Judentum zu schaffen“. Die ideologische Vereinnahmung des Faustkampfes wurde – nicht nur von den Zionisten – auch als Vorbereitung für den Kampf um Palästina verstanden, wie ein dem bekanntesten jüdisch-amerikanischen Boxer der Vorkriegszeit, Benny Leonard (1896–1947) zugeschriebens Zitat, belegt: „Genauso wie wir ein Land brauchen, um mit anderen Völkern gleich zu ziehen, so brauchen wir Fäuste, um ihnen ebenbürtig zu sein“.

Nachdem die Vereinten Nationen im November 1947 beschlossen hatten, das britische Mandatsgebiet Palästina in einen jüdischen und arabischen Staat aufzuteilen, forderte die jüdische DP-Presse nicht nur die Boxer auf, „die Fahne der Befreiung und Unabhängigkeit von Erez Israel“ zu ergreifen. „Wir Sportler müssen beweisen, dass wir die Avantgarde unseres Volkes sind.“ Dieser Appell blieb nicht ungehört – teilweise folgten Mannschaften, Staffeln, Riegen oder sogar komplette Vereine diesem Aufruf.

Obwohl im Frühling 1948 nochmals Kämpfe zur jüdischen Boxmeisterschaft stattfanden, wurde mit der Abwanderung der Juden aus Deutschland und der Schließung der letzten DP-Camps in den frühen 1950er Jahren das Ende einer jüdischen Sportkultur eingeleitet, wie sie hier nicht wieder entstehen sollte.

Dem anfangs erwähnten Erich Seelig gelang 1933 die Flucht aus Deutschland. Über Paris und London erreichte er die USA, wo er seine Boxerkarriere fortsetzte und demonstrativ mit einem Davidstern auf der Hose in den Ring stieg. Außerdem engagierte er sich in der Boykottbewegung gegen die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Anfang der 1940er Jahre zog sich Seelig aus dem aktiven Sport zurück und eröffnet eine Boxschule. Er verstarb 1984 in Atlantic City (NJ).

„Di Film Sekzje bajm Zentral Komitet fun di bafrejtn Jidn in der amerikaner Zone in Dejtschland“ drehte über die Boxermeisterschaft einen 11-minütigen Film in jiddischer Sprache.

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