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Nein, nein, das ist nicht die Psychoanalyse

Bei Anne Will diskutierte neulich unter anderem der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz die Sinnhaftigkeit der angekündigten Wiederkandidatur Angela Merkels…

Von Tom David Uhlig
Zuerst erschienen in: Jungleblog Von Tunis nach Teheran, 22.11.2016

Maaz beschritt in seiner Argumentation einen Weg, der von der familialistischen Deutung deutscher Politik („Die Männer verstecken sich hinter Mutti“) über eine eigenwillige Ausweitung des Populismusbegriffs direkt zu einer Apologie von Pegida und AfD führte („Ich halte den Protest in diesem Land für sehr gut“). Zwischendurch bediente er noch das Ressentiment von der „Lügenpresse“, wenn er phantasierte, in den Medien würden „Leute mit ehrenwerten Meinungen“ nicht zu Wort kommen. Wer damit gemeint sein könnte, deuten unter anderem seine Auftritte für den Youtube-Kanal von NuoViso.TV an, das neben seinen antifeministischen Ausfällen unter anderem antiamerikanischen Verschwörungstheorien eine Plattform bietet.

Die Einladung Maaz’ in die Runde schließt an eine lange nunmehr eher vernachlässigte Tradition an, Psychoanalytikerinnen über ihre Ansichten zur Tagespolitik auszufragen: Alexander und Margarete Mitscherlich, Horst-Eberhard Richter oder Peter Brückner konnten zu ihrer Zeit wirkmächtig in den politischen Diskurs eingreifen. Diese Relevanz hat die Psychoanalyse derzeit verloren. Ihre Bedeutung für Universität und Feuilleton ist im Schwinden begriffen, während ihre Erkenntnisse eine unwahrscheinliche Popularisierung erfahren haben: Alle wissen von ihrem Unbewussten, das irgendwie im Konflikt mit der Kultur zu stehen scheint, und vor allem, dass ihre Eltern Verantwortung für die eigenen Unzulänglichkeiten tragen. Begriffe wie Ödipus-Komplex, Narzissmus und Ich-Ideal sind kulturindustriell vermittelt in das Bewusstsein eingraviert, wo sie zu der Art von Vulgärpsychoanalyse sedimentieren, die Maaz selbstbewusst an Politik im Weltmaßstab anlegt.

Diese Psychoanalyse ist verkürzt um den Modus des psychoanalytischen Verstehens, welcher seine Begriffe dem Erfahrungszusammenhang entnimmt und nicht umgekehrt die Begriffe dem Gegenstand überstreift. Besonders fatal wird es, wenn Begriffe, die dem klinischen Zusammenhang entnommen sind, ungebrochen verwendet werden, um gesellschaftliche Phänomene zu benennen. Die „narzisstische Kultur“, von welcher Maaz schwadroniert, mag ihm mehrfach in persona auf der Couch begegnet sein, ein Beleg für ihre Existenz ist daraus nicht abzuleiten. So aber denkt sich Maaz Gesellschaft: Nicht als Funktionszusammenhang, der die Subjekte in bestimmter Weise zueinander positioniert und sozialisiert, sondern als Ansammlung Einzelner, von denen einige aufgrund ihrer angeblichen narzisstischen Störung sich als Führer hervortun. Unangenehm erinnert diese Argumentation an die Abgründe der Psychohistorie, welche etwa darum bemüht war, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden durch die Deutschen monokausal mit einer individuellen Psychopathologie Hitlers zu erklären. Auch Maaz bedient diesen Psychologismus und offenbar scheint es Anne Will zu brauchen, ihn daran zu erinnern, dass Merkel eben nicht bei ihm in Behandlung war.

Auch wenn die individualpsychologische Verfasstheit der Analysanden nicht einfach die gesellschaftlichen Verhältnisse im Kleinen abbilden, maßt sich die Psychoanalyse seit ihren Anfängen an, über die Behandlungspraxis hinaus Aussagen zu Kultur und Zivilisation treffen zu können. So konstatierte Freud etwa 1926: „Die Zukunft wird wahrscheinlich urteilen, dass die Bedeutung der Psychoanalyse als Wissenschaft vom Unbewussten ihre therapeutische Bedeutung weit übertrifft.“ Und in den „Neuen Vorlesungen zur Psychoanalyse“ 1933: „Ich sagte Ihnen, die Psychoanalyse begann als eine Therapie, aber nicht als Therapie wollte ich sie Ihrem Interesse empfehlen, sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts, wegen der Aufschlüsse, die sie uns gibt, über das was dem Menschen am nächsten geht, sein eigenes Wesen, und wegen der Zusammenhänge, die sie zwischen den verschiedensten seiner Betätigungen aufdeckt. Als Therapie ist sie eine unter vielen.“ Der psychoanalytischen Methode wohnt die Möglichkeit inne gesellschaftliche Phänomene zu erhellen. Umso bedauerlicher ist es, wenn Maaz sich als ihr Vertreter geriert.

Für eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Beitrag, den die Psychoanalyse für gesellschaftstheoretische Analysen zu leisten vermag, ist es zweckdienlich, sich vorher zu Bewusstsein zu rufen, von welcher Seite aus die Psychoanalyse auf gesellschaftliche Phänomene trifft. Freud formulierte seine Perspektive in einem frühen Brief an den befreundeten Wilhelm Fließ schnörkellos: Er [Freud] nähere sich dem „Ungelösten vom Seelenende der Welt her“. Diese Perspektive lässt sich jedoch nicht darauf beschränken, die Einzelnen, denen wir in der psychoanalytischen Behandlung, in der Uni, auf der Straße begegnen, zu einer Art Brennglas zu machen, durch welches der Blick auf die Gesellschaft gerichtet wird. Es bedarf immer auch der komplementären Analyse, die danach fragt, welche gesellschaftlichen Strukturen dafür verantwortlich sind, dass diese Einzelnen sind wie sie sind. Es lassen sich diese beiden Ebenen nicht trennen, sie stehen in einer dialektischen Beziehung zueinander. Dieser unauflöslichen Verschränkung gewahr, ist es also Aufgabe der analytischen Sozialpsychologie, soziale Phänomene auf ihre latenten, das heißt unbewussten Bedeutungsgehalte hin zu befragen.

Soll der Einfachheit halber versucht werden, diese untrennbaren Ebenen doch operativ auseinanderzuhalten, ergeben sich mindestens zweierlei Fragestellungen, die sich gegenseitig ergänzen: Auf der Ebene des Subjekts fragen wir: Worin besteht die psychische Attraktivität einer Identifikation mit bestimmten Aspekten der Gesellschaft? Also warum übernehmen Individuen etwa antisemitische, rassistische, homophobe oder sexistische Ressentiments, welcher Konflikt, welche inneren Widersprüche, werden mit diesen Ideologemen, diesen gesellschaftlichen Angeboten, schiefgeheilt? Aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive auf die Einzelnen wiederum fragen wir, welche objektiven gesellschaftlichen Strukturen das Subjekt auf eine Position werfen, in welcher die Regression in etwa faschistische Ideologien subjektiv attraktiver wird als das Streiten um eine bessere Gesellschaft, welche weniger schmerzhafte Konflikte produziert.

Maaz Argumentation ignoriert die Komplexität dieser verschränkten Fragestellung und ersetzt sie durch wildes Rumdeuten. Die Deutschen würden von einer „Wohlstandsschuld“ geplagt, die „Verbrechensschuld“ sei immer noch nicht abgetragen und Merkels Begeisterung sei eine „Übertragung“ oder „Projektion“ (hier scheint eine begriffliche Unsicherheit vorzuliegen). Verlustig geht in diesem Kauderwelsch von Konsumkritik und LeBonscher Massenpsychologie die genuin psychoanalytische Perspektive, welcher es doch in der Konjunktur regressiver Ideologien umso dringender bedarf.

Tom David Uhlig ist Mitherausgeber der Freien Assoziation. Zeitschrift für psychoanalytische Sozialpsychologie und freier Mitarbeiter der Bildungsstätte Anne Frank. Gemeinsam mit Charlotte Busch und Martin Gehrlein veröffentlichte er u.a. den Sammelband „Schiefheilungen. Zeitgenössische Betrachtungen über Antisemitismus“ (2016, VS-Verlag).