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Feindschaft, Habgier und Neid, aber auch Gleichgültigkeit und Mittäterschaft

Jüdische Autonomie in Polen nach der Shoah 1945-1949 und die Hintergründe ihres Scheiterns…

Rezension von Jael Geis

Gabriel Berger, Atomphysiker und Autor, wurde 1944 im Versteck in Frankreich geboren, nachdem seine Eltern Nazideutschland verlassen mussten. 1948 zog die Familie aufgrund der Entscheidung des kommunistischen Vaters, beim Aufbau des Sozialismus in Polen mitarbeiten zu wollen, in die junge Volksrepublik. Berger schrieb und schreibt also über ein Stück eigener Geschichte und schildert in Umgeben von Hass und Mitgefühl. Jüdische Autonomie in Polen nach der Shoah 1945 – 1949 und die Hintergründe ihres Scheiterns die unterschiedlichsten Faktoren, die vor, während und nach der Shoah das Verhältnis von Juden und Polen und so das Entstehen, Gedeihen und Scheitern des jiddischen Jischuws bestimmten, dem eigentlichen Thema des Buches. Der Begriff Jischuw ist eigentlich der Ansiedlung von Juden in Palästina bis zur Staatsgründung vorbehalten, und seine Wahl signalisiert per se ein Gegenkonzept. Dieser Schwerpunkt und das Interesse an dessen „Gründer“ Jakub Egit macht die Besonderheit von Bergers Buch im Vergleich zu anderen Werken zur unmittelbaren Nachkriegsgeschichte des polnisch-jüdischen Verhältnisses aus.

Der größte Teil des Buchs ist jedoch nicht eigentlich dem jiddischen Jischuw, sondern den Faktoren gewidmet, die die Lage der Juden in Polen nach 1945 verständlich machen, nämlich „der Atmosphäre und de[n] Geschehnisse[n] in Polen in der Vorkriegszeit und während des Krieges“, die , so Berger (und andere), von Feindschaft, Habgier und Neid und während der deutschen Besatzung auch von Gleichgültigkeit und Mittäterschaft am Massenmord der Juden gekennzeichnet waren. Wirtschaftskrieg und die Vertreibung der Juden aus Polen wurde bereits Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in Polen öffentlich diskutiert und von Regierungsmitgliedern propagiert.

Die „Renaissance jüdischen Lebens“ als nationaler Minderheit in der Volksrepublik Polen sollte eine Alternative zum Jishuw in Palästina sein. Die autonomen Gebiete mit eigener wirtschaftlicher, sozialer und politischer Infrastruktur und Jiddisch als Verkehrssprache in dem Gebiet Westpolens, das Deutsche verlassen mussten, wurden v. a. von sozialistisch und kommunistisch gesinnten Juden als Möglichkeit betrachtet die viele hunderte Jahre alten polnisch-jüdischen Traditionen fortzuführen. Zu seinem Gelingen trug die staatliche Unterstützung bei. Juden waren dem neuen Regime und der Sowjetunion positiver gegenüber eingestellt als andere Ethnien in Nachkriegspolen und konnten daher bei der Polonisierung Niederschlesiens gut „eingespannt“ werden. Sie betrachteten die Möglichkeit, dort zu siedeln und die Einrichtungen vertriebener Deutscher zu übernehmen, als eine Art partieller Entschädigung.

Das jüdische Kulturhaus in Reichenbach (Schlesien), Repro: Yad Vashem
Das jüdische Kulturhaus in Reichenbach (Schlesien), Repro: Yad Vashem

Das Projekt und Egit scheiterten letztendlich an dem stark verwurzelten und virulenten Antisemitismus, der Juden in mehreren Etappen zum fast vollständigen Exodus aus Nachkriegs-Polen trieb, ein Phänomen, das bis in die jüngste Zeit in der polnischen historiographischen Literatur stark vernachlässigt wurde und für heftige Auseinandersetzungen im zeitgenössischen Polen sorgte. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 und seiner Hinwendung zum Westen änderten die Sowjetunion und die Ostblockstaaten auch ihre Haltung gegenüber Zionismus und den Juden im eigenen Land und machten sich entweder den Antisemitismus zu Nutze oder verfolgten selbst eine nationalistische und antisemitische Politik. Der Pluralismus der jüdischen Gemeinschaft passte nicht mehr zum Ziel einer national und politisch homogenen Gesellschaft. Sie wurde gleichgeschaltet, ein Prozess, den Berger weniger als einen Akt des Antisemitismus wertet denn „als […] eine Angleichung der Lage der Juden an die Standards der Unfreiheit, die für andere Polen bereits zum ’normalen Alltag‘ gehörten“. Der Entzug bisheriger Privilegierung gegenüber anderen Ethnien, von vielen als Bevorzugung wahrgenommen, sei vielmehr „den Antisemiten in der polnischen Gesellschaft und besonders im Partei- und Staatsapparat entgegen[gekommen]“.

In der  Ausgabe der Encyclopaedia Judaica von 1971/1972  und dem 1985 erschienenen französischsprachigen Le Massacre des Survivants en Pologne 1945-1947 von Marc Hillel beispielsweise wurden die o. g. Erscheinungen zwar schon vor Jahrzehnten beschrieben. Auf Deutsch gibt es bis heute nur wenig Literatur zum Thema, so dass Gabriel Bergers Buch gerade für ein breiteres Publikum, sofern bei diesem Thema von einem solchen überhaupt gesprochen werden kann, zu begrüßen ist. Es schildert differenziert sowohl die bereits im Titel angedeutete ambivalente Lage von Juden in dem Spannungsfeld, in dem die zahlreichen Akteure innerhalb Polens mit oft konträren Interessen aufeinandertrafen, als auch den Einfluss internationaler Entwicklungen – dankenswerterweise in einem relativ schmalen Band von 190 Seiten. Es bleibt zu hoffen, dass mit Hilfe von Primärquellen in polnischen Archiven und dem des Joint, der seit Juli 1946 jüdische Personen und Institutionen in Polen unterstützte, eine detailliertere Schilderung jüdischen Lebens im jiddischen Jischuw und an anderen Orten im frühen Nachkriegspolen möglich wird.

Gabriel Berger: Umgeben von Hass und Mitgefühl. Jüdische Autonomie in Polen nach der Shoah 1945-1949 und die Hintergründe ihres Scheiterns, Lichtig Verlag, Berlin 2016, 200 S., 14,90 Euro, Bestellen?