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Im Land der Verzweiflung

2014 und 2015 ist der Schriftsteller Nir Baram in die besetzten Gebiete des Westjordanlands gereist, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Er sprach mit Juden, Palästinensern, Siedlern, Politikern und Aktivisten. Ergebnis ist ein Buch, das jeder muss, der sich für den Nahostkonflikt interessiert…

Vor Rosch haSchana 2016 veröffentlichte der Onlinedienst Walla eine Umfrage, nach der 64 Prozent der befragten Israeli der Meinung sind, dass es nie zu einem Frieden zwischen Palästinensern und Israel kommen wird. Nur 24 Prozent glaubten, dass ein Abkommen möglich sei, jedoch nicht in den kommenden fünf Jahren. Trotzdem befanden 56 Prozent der Befragten, dass das Leben in Israel gut ist.

Es ist dieses Lebensgefühl der Israelis, das Nir Baram sehr exakt herausarbeitet. Während man viele Israelis in den 1980er Jahren und dann nach der ersten Intifada schockiert über die Besatzung und über die damit einhergehenden Maßnahmen gegen die Palästinenser waren, hat sich mittlerweile Resignation breit gemacht. Die meisten Israelis heute kennen diese Realität,  sind in sie hineingeboren und akzeptieren sie in der Überzeugung, dass es keinen Ausweg gibt. „Heutzutage scheint es, als würde jeder verstehen, dass die Okkupation in das Nervensystem unseres Lebens eingesickert ist, und dass wir, ob wir wollen oder nicht, in einer Gesellschaft leben, die unter ihrem Einfluss entstanden ist.“

Den fundamentalen Fehler in den Bemühungen um Frieden sieht er in dem Unverständnis der Situation des anderen. Es gäbe zwei große Gruppen: „Die eine lässt sich als Gruppe 67 definieren und umfasst das Mittelinkslager in Israel und einen Teil der israelischen Rechten, die internationale Gemeinschaft und einen Teil der Fatah-Bewegung. Die alle glauben, das alles entscheidende politische Ereignis sei der Sechs-Tage-Krieg von 1967 gewesen, und setzen sich demnach für eine Zwei-Staaten-Lösung ein. (…) In der zweiten, komplexeren Gruppe finden sich die israelische Rechte, vor allem die Siedler, die radikale Linke und ein großer Teil der palästinensischen Gesellschaft. Sie alle glauben, das entscheidende Moment habe 1948 stattgefunden“.

Für die Palästinenser, die er auf seinen Reisen entlang der grünen Linie traf, „ist – auf psychologischer und emotionaler Ebene – der Krieg von 1948 der Ausgangspunkt jeder Debatte über den Konflikt.“ Dabei hat Baram die unterschiedlichsten Menschen getroffen und beschreibt sehr verschiedene Lebenssituationen. Immer wieder taucht dabei auf, dass es egal ist, wie genau die Lösung aussieht, ob es einen oder zwei Staates geben wird, „wichtig für die Palästinenser ist, dass die Besatzung beendet wird und sie dieselben Rechte erhalten wie die Juden“, sagt etwa ein 1944 in Haifa geborener Palästinenser.

Egal wie man zu diesem Konflikt steht, es ist ein sehr lesenswertes Buch. Baram ist links, das ist klar, dennoch sind dem Buch auch solche Leser zu wünschen, die für Positionen der Linken sonst nicht offen sind. Denn die Beschreibungen vor Ort sind jenseits politischer Ansichten. Am eindringlichsten wird das in Jerusalem, wo die Mauer die Bewohner einiger arabischer Viertel im Nordosten in ein undefiniertes Gebiet weist. Die Viertel stehen unter absoluter israelischer Zuständigkeit, die Bewohner sind Bürger Jerusalems, aber es gibt zum Beispiel keine Müllabfuhr oder keine Straßenarbeiten. Durch den behördenfreien Raum hat die Kriminalität absurde Ausmaße angenommen. Oder aber anhand eines ganz anderen Aspekts: eine Gruppe von Ärzten aus Gaza beschließt, nicht an einem Fortbildungsprogramm in einem der führenden israelischen Krankenhäuser teilzunehmen, um nicht mit den Besatzern zu kollaborieren, das sei Teil der Normalisierung des Besatzungszustandes.

Jemand hat Baram einmal gesagt „Der Konflikt hätte im 20. Jahrhundert gelöst werden müssen, im 21. Jahrhundert lassen sich solche Konflikte nicht mehr lösen. Die Welt hat sich verändert.“ Im Laufe der Lektüre wird das Gefühl, dass diese Aussage stimmt, immer stärker. Eine dritte Intifada sei nur eine Frage der Zeit, hört Baram, die Westbank rücke immer mehr in die Nähe der Hamas.

Ob seine Reportagen beweisen, dass es möglich ist, aufeinander zuzugehen und dass es einen Weg jenseits der Zwei-Staaten-Lösung geben muss, wie es im Ankündigungstext des Hanser Verlages heißt, sei dahingestellt. Vielmehr machen sie die Ausweglosigkeit deutlich wie man es sehr selten liest. Aber, so Barams Fazit, „wir müssen daran glauben, dass sich eine Aussöhnung zwischen den beiden Völkern erzielen lässt, auch wenn die Modelle, an die wir einmal geglaubt haben, keine Gültigkeit mehr besitzen.“

So einfach das klingt, so richtig ist es. „Denn welche andere Wahl haben wir?“ – al

Nir Baram, Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete, Carl Hanser Verlag 2016, 304 S., 22,90 Euro, Bestellen?

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