- haGalil - http://www.hagalil.com -

Die Shoah auf Korfu

Die Historikerin Diana Siebert stellt ein bislang unerforschtes Thema vor…

Von Roland Kaufhold

Der Saal des Kölner Gedenkortes Jawne war mit 35 Besuchern gut gefüllt, obwohl das Thema durchaus nicht einfach war. Unter den Besuchern auch viele Griechen, dem Thema geschuldet: Die Kölner Historikerin Dr. Diana Siebert, als Geschäftsführerin lange bei den Kölner Grünen tätig, stellte ihr soeben erschienenes Buch über die griechische Insel Korfu vor, mit dem Schwerpunkt „Faschismen und Shoah auf Korfu“. „Das ist ein Thema, über das es bisher nur ganz wenig Forschungen und überhaupt wenig Zeitzeugenberichte gibt“, betont sie. „Auch in Griechenland nicht.“ Gearbeitet hat sie an dem Buch in ihrer Freizeit zehn Jahre lang. Immer wieder war sie in den letzten 15 Jahren auf Korfu.

Das Thema sei sehr komplex, weil das Schicksal der Juden auf Korfu vom Verhalten mehrerer Staaten abhängig war, mit höchst unterschiedlichen Interessen: Vom Verhalten der griechischen Regierung, von den Kriegsinteressen des faschistischen Italien unter Mussolini wie auch von dem der deutschen Nationalsozialisten. Auf Korfu, mit seinen 100.000 Einwohnern die siebtgrößte Insel Griechenlands, lebten bis zur Nazizeit zwischen 1700 und 1900 Juden. Es überlebten nur wenige, wohl knapp 200. Sie waren in die Umgebung der Stadt geflohen, wurden von nichtjüdischen Griechen auf Korfu versteckt. Die übrigen wurden im Juni 1944 nach Auschwitz verbracht und dort ermordet.

„Es ist so kompliziert, über dieses Thema zu sprechen“, so Diana Siebert, „weil das Schicksal der Juden Griechenlands in den verschiedenen Regionen und Inseln sehr unterschiedlich verlaufen ist.“ Auf der Insel Zakynthos zum Beispiel, 1944 übernahmen die deutschen Nazis die Insel nachdem die Italiener abgezogen waren, wurden alle 275 Juden in einer spontanen Aktion versteckt, entgegen dem Deportationsbefehl. Der Bürgermeister und der Bischof wollten es so, und die Bevölkerung teilte ihre menschliche Grundhaltung.

(C) R. Kaufhold
(C) R. Kaufhold

„Ich wähle heute Abend einen ungewöhnlichen Ansatz“, betont Siebert. Im Hintergrund laufen während meines Vortrages zahlreiche Fotos, die das frühere jüdische Leben Korfus dokumentieren, vor der Shoah. „Ich zeige aber diese Fotos, nicht um meine Rede zu illustrieren, sondern weil ich ganz im Sinne des Lern- und Gedenkorts Jawne meine, dass es gut und wichtig ist, das zu zeigen, was da vernichtet wurde.“ Es gab auch schon früher auf Korfu antisemitisch motivierte Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung, erzählt Siebert. So 1891. Von den 5000 Juden – seinerzeit 20 Prozent der Stadtbevölkerung – fielen mindestens 20 einem Pogrom zum Opfer. Die Hälfte der jüdischen Bevölkerung emigrierte danach.

Weiterhin wurde das Schicksal der Juden in Griechenland je nach Region und je nach ihrem Herkunftsort von ganz unterschiedlichen Mächten geprägt: Die einen vom Osmanischen Reich und die anderen von Venedig. Die Geschichte Korfus sei so kompliziert, weil es ab den 1920er Jahren drei verschiedene Faschismen gab, – ab 1922 in Italien, 1933 in Deutschland und 1936 in Griechenland, – die im Zweiten Weltkrieg gegeneinander kämpften: Ab 1922 in Italien, 1933 in Deutschland und 1936 in Griechenland.

Ab 1943 wurde Korfu von der deutschen Armee angegriffen und bombardiert, Feuer brachen aus. Kurz darauf errichteten die Deutschen auch hier einen Pseudostaat. Im Sommer 1944, als viele Juden und Griechen schon hofften, dass die Deutsche Armee bald zusammenbrechen, die Alliierten gewinnen würden, wurde die Ermordung der 2000 Juden Korfus dennoch systematisch organisiert und durchgeführt: „Der Historiker Sebastian Haffner“, betont Siebert, habe die These vertreten, dass die Vernichtung der Juden als Selbstzweck für die Deutschen eine größere Bedeutung gehabt habe als der eigene militärische Vorteil. Vieles spreche für diese fürchterliche These. Der italienische Faschismus unter Mussolini hingegen habe – auch wenn dies hierzulande sehr irritierend wirke – die These vertreten, dass Faschismus nicht mit Antisemitismus einhergehen müsse: „Faschismus bedeutet Einigkeit, Antisemitismus dagegen Destruktion. Faschistischer Antisemitismus oder antisemitischer Faschismus sind deshalb eine krasse Absurdität. Wir in Italien finden es höchst lächerlich, wenn wir hören, wie die Antisemiten in Deutschland durch den Faschismus an die Macht kommen wollen. Wir protestieren energisch dagegen, daß der Faschismus auf diese Weise kompromittiert wird. Der Antisemitismus ist ein Produkt der Barbarei, während der Faschismus auf der höchsten Zivilisationsstufe steht und dem Antisemitismus diametral entgegengesetzt ist“, zitiert Diana Siebert aus einer Rede Mussolinis aus dem Jahre 1927. Erst 1938 gab es in Italien eine antisemitische Praxis – jedoch nicht im seit 1941 italienisch besetzten Korfu.

Die wenigen Überlebenden verließen Korfu nach der Nazizeit, viele von ihnen sind nach Israel gegangen. Zeitzeugen gibt es kaum noch, und diese leben ganz überwiegend nicht mehr in Griechenland. Heute leben noch etwa 60 Juden auf Korfu. Es existiert eine Synagoge, drei Synagogen wurden zerstört. Aber nur an den hohen Feiertagen kommt ein Rabbiner vom Festland zum Gottesdienst.

(C) D. Siebert
(C) D. Siebert

Auf Korfu erinnert nur wenig an das ehemalige Judenviertel Evraiki, im Westen der Altstadt gelegen. Am Eingang der bunten Altstadt Korfus, an der Ecke Odos Velissariou und Odos Solomou, kann der Besucher an der Odos Solomou eine Bronzeplastik vorfinden. Vor 15 Jahren wurde sie eingeweiht.

Sie trägt die Inschrift: [vgl. Buch seite 216]] „Never again for any nation. Dedicated to the memory of the 2000 Jews of Corfu who parisched in the nazi concentration camps of Auschwitz and Birkenau in June 1944. By the municipality and the Jewwish community of Corfu . November 2001.“

Was neben der Bronzeplastik an die Shoah erinnert , ist: (siehe Buch S. 212) eine Gedenktafel.

korfuDie anschließende Diskussion war lebendig, mehrere griechischstämmige Besucher brachten eigene Erinnerungen und familiäre Erzählstränge ein. Ein lesenswertes Buch.

Diana Siebert (2016): Aller Herren Außenposten – Korfu von 1797 bis 1944 , 272 Seiten, über 160 meist farbige Abbildungen, ISBN 978-3-00-052502-5, 24,99 Euro, Bestellen?

Mehr zum Buch: http://korfubuch.de
Lesung am 18.10.2016