Ich, Du und das Dazwischen

Zu den Hohen Feiertagen…

Rabbiner Dr. Tom Kučera, Liberale Jüdische Gemeinde Beth Shalom München

In unserer schriftlichen Tradition finden wir sehr oft das Wort olam, Welt. In jeder Bracha sprechen wir den melech ha´olam, König der Welt, an. Beim Familienschacharit singen wir davon, dass kol ha´olam kulo, die ganze Welt, eine schmale Brücke ist, trotzdem dürfen wir keine Angst haben. Die Hohen Feiertage bewegen uns mit der Bitte: meloch al kol ha´olam, lass deine Gegenwart die ganze Welt beherrschen. Wenn wir weiter nach dem Wort olam suchen, finden wir eine Überraschung, zum Beispiel am Ende vieler Texte: le´olam wa´ed, übersetzt als „für immer und ewig”. Ähnlich in der Amida sprechen wir Gott als einen gibor le´olam, den ewigen Helden, an. Die Überraschung ist also die zusätzliche zeitliche Funktion von olam. Tatsächlich verbindet dieses hebräische Wort sowohl den Raum als auch die Zeit. Olam ist die Raumzeit. Und die Raumzeit ist einer der Hauptbegriffe der allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein.

Die Raumzeit ohne jede Materie ist vollkommen symmetrisch. Mit jedem physischen Objekt wird die symmetrische Raumzeit gekrümmt, und durch diese Krümmung entsteht die Gravitation. Einstein fügte also Raum und Zeit zu einer Einheit zusammen und zeigte, dass wir uns auf der gekrümmten Oberfläche dieser vierdimensionalen Struktur aufhalten. Für die Zeit bedeutet es, dass in großen Höhen die Zeit schneller als auf der Erde vergeht. Es ist für mich einer der Jom-Kippur-Gedanken: Wenn wir zu den symbolischen Höhen emporsteigen, läuft das vergangene Jahr vor unserem inneren Auge schneller ab und weist auf unsere Fehler hin. Der Richter in der Sprache der Hohen Feiertage ist gemäß diesem Gedanken imstande, von seinen Höhen schneller unsere längeren Zeitabschnitte wahrzunehmen und darüber zu urteilen. Dies müssen wir letztendlich selbst tun. Technisch gesehen geschieht dies regelmäßig bei jedem GPS, dem Navigationsgerät . Würde man die Auswirkungen der Relativitätstheorie nicht berücksichtigen, könnte das GPS pro Tag um bis zu zehn Kilometer daneben liegen. Jom Kippur soll uns die innere Motivation geben, dass wir im neuen jüdischen Jahr möglichst wenig daneben liegen.

Das Verfehlen des Zieles, einer Zielscheibe, ist die hebräische Bedeutung des Wortes lichto (lamed-chet-alef), das als „sündigen” übersetzt wird. Es ist ein zutiefst religiöser Begriff, der uns an diesem Tag mit großer Wucht trifft. Dies kann unangenehm werden. Darum ist die größte Herausforderung von Jom Kippur, den stark religiösen Wortschatz in die persönliche Einsicht umzuwandeln, auch beim Annehmen der eigenen Verfehlungen. Darum zeige ich meistens bei der Taschlich-Zeremonie ein Bild der Zielscheibe, die man zu treffen versucht. Wenn man sie trifft, steht man  gut da. Wenn Sie dies auf der Auer Dult oder bei ähnlichen Veranstaltungen versuchten, aber doch keinen Preis bekamen, wissen Sie, wie enttäuscht und ärgerlich Sie darüber waren. Zu dieser Einsicht des verfehlten Zieles, der verfehlten Zielscheibe, möchte uns Jom Kippur bewegen.

Das Jom-Kippur-Fasten ist nicht leicht, und ich bin immer sehr stolz auf unsere Bat-Bar-Mizwa-Kinder, die das Fasten zum ersten Mal und auch später einhalten. Lasst uns der Biologie Glauben schenken, dass uns das Fasten mehr mentale Kraft geben kann. Zu meiner Schulzeit galt, dass die Hirnzellen nicht mehr nachwachsen können. Aber in den 1990er-Jahren wurde die Neurogenese entdeckt, die in zwei Hirnregionen stattfindet, im Riechkolben und dem Hippocampus, in dem unser Langzeitgedächtnis gespeichert wird. Tatsächlich ergab die Kalorienreduktion (auch die größeren Zeitabstände der regelmäßigen und kontrollierten Essensaufnahme) ein sichtbares Sprießen der Nervenzellen in unserem Gehirn. Damit mag das Fasten am Jom Kippur unser Potenzial für das Neue fördern.

Wenn wir an die Gemeinde oder unser Leben denken, nehmen wir die Probleme nicht nur bei uns, sondern auch bei den anderen wahr. Das berühmte Büchlein „Ich und Du” von Martin Buber beginnt mit diesen Sätzen: „Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare. Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du.” Ich kann nicht behaupten, alles zu verstehen, was in diesen 130 Seiten der Taschenbuchausgabe geschildert wird. Gut merke ich mir jedoch die buberianische Kurzformel: „Ich werde am Du.” Wie mein Talmudprofessor Admiel Kosman immer wieder betonte und mit den talmudischen Geschichten auch verband, ist das Interessante dabei der Bereich dazwischen. Ich, Du und das Dazwischen. Ich bin ich, du bist du. Dich, zu dem ich Du sage, erfahre ich nicht und nie direkt. Aber ich stehe in Beziehung zu dir. Diese Philosophie von Admiel Kosman verstehe ich auch als eine Anerkennung der Grenzen, wenn wir auf der Suche nach der Wahrheit sind. Wenn ein ernsthaftes Problem entsteht, ist es oft sehr schwierig nachzuvollziehen, was der genaue Ablauf, die Wortwahl oder die Einstellung der Teilnehmer dieses Problems waren. Darum sollte ein Schritt zurückgetreten werden, ein Schritt weg von Ich und ein Schritt weg von Du in den Bereich von Dazwischen, wo es vielleicht nicht mehr die absolute Wahrheit gibt, sondern den relativen Dialog, der mir jedoch eine praktische Lösung zeigt und damit mein Leben nach vorne bringt.

Ich wünsche uns allen, dass wir diese motivierenden Gedanken in unserem Leben im neuen jüdischen Jahr 5777 erfahren dürfen.

Schana towa,

Rabbiner Tom Kučera