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Antisemitische Hetzjagd in der fränkischen Provinz

Neue Dokumentation zum Palmsonntagspogrom von 1934 in Gunzenhausen…

„In Gunzenhausen kam es vor einigen Tagen zu einem schweren Angriff auf die jüdische Bevölkerung der Stadt, der den Tod zweier Juden und die Verletzung mehrerer anderer zur Folge hatte“, schrieb am 5. April 1934 die in Wien verlegte jüdische Zeitung „Die Neue Welt“. Weitere internationale Blätter, darunter die „New York Times“, berichteten etwa unter der Schlagzeile „Jews terrorized in Bavarian Town“ über eines der ersten Pogrome im NS-Deutschland. Einige Tage zuvor, am 25. März 1934, dem Palmsonntag, hatten sich unter der Losung „wir trinken und saufen und hängen die Juden auf“ bis zu 1.500 Bürger zusammengerottet und waren marodierend durch die mittelfränkische Kleinstadt gezogen.

Trotz der internationalen Berichterstattung wurde dieses „wohl reichsweit einzigartige Pogrom“ rund 70 Jahre lang erfolgreich verdrängt. Nur vereinzelt tauchten kleine Notizen oder Fußnoten in Geschichtsbüchern oder heimatkundlichen Publikationen auf. Bis im Jahr 2001 Mitarbeiter des „Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts“ auf ein umfangreiches Aktenkonvolut stießen, das 42 Aussagen von Opfern, Tätern und Zeugen, Berichte von NSDAP-Gliederungen sowie polizeiliche Ermittlungsakten enthält. Der spektakuläre Fund im Staatsarchiv Nürnberg gewährte erstmals einen detaillierten Einblick in Ablauf und Hintergründe des Pogroms. Nur zwei Jahre später entdeckte der Gunzenhäuser Stadtarchivar Werner Mühlhäußer bei einer Wohnungsauflösung einen riesigen Fotobestand des örtlichen Fotostudio Biella, der u. a. den Terror gegen die jüdische Bevölkerung und die Machtetablierung der NSDAP in der Kleinstadt dokumentiert.

Erste Sitzung des neu gebildeten Stadtrats, 27. April 1933, © Stadtarchiv Gunzenhausen
Erste Sitzung des neu gebildeten Stadtrats, 27. April 1933, © Stadtarchiv Gunzenhausen

Auf Grundlage dieser Quellenfunde erschien zum 70. Jahrestag des Pogroms im Jahrbuch des „Nürnberger Instituts“ ein wissenschaftlicher Aufsatz, der die blutigen Ereignisse rekonstruierte. Gleichzeitig initiierte das „Nürnberger Institut“ ein Schulprojekt mit einem Ansbacher Gymnasium, bei dem die regionale NS-Geschichte anhand dieses konkreten Beispiels aufgearbeitet wurde. Die Forschungsergebnisse der Schüler und Historiker erschienen 2006 in der vom „Nürnberger Institut“ verlegten Reihe „Hefte zur Regionalgeschichte“.

Jahre später hörte auch der 1953 in Gunzenhausen geborene Journalist und Autor Thomas Medicus von den blutigen Vorfällen in seiner Heimatstadt. Er hatte Franken Anfang der 1970er Jahre in Richtung Berlin verlassen. Medicus konnte es kaum glauben, denn nie war in seiner Jugendzeit über dieses furchtbare Kapitel in seiner Heimat gesprochen worden. Er begab sich auf Spurensuche: Aus Gesprächen vor Ort, persönlichen Erinnerungen und den Dokumenten aus dem Staatsarchiv entstand der Roman „Heimat“, in dem der Autor ein zwar literarisches, aber eindrückliches Portrait seiner Geburtsstadt und des mörderischen Verbrechens zeichnet. Die Geschichte ließ Medicus fortan nicht mehr los. Kürzlich erschien sein Band „Verhängnisvoller Wandel“, in dem rund 280 Aufnahmen aus der einzigartigen Fotosammlung von Curt Biella abgedruckt sind. Die historischen Bilder zeigen die Mitglieder der „Volksgemeinschaft“, wie sie in ihren Parteiuniformen stolz durch die Stadt paradieren, sich vor dem neuen Hitlerdenkmal, dem ersten übrigens in Deutschland, zur Schau stellen und lassen die Gewaltausbrüche gegen die jüdische Minderheit erahnen. Die Fotos dokumentieren, wie der Nationalsozialismus immer mehr das Alltagsleben bestimmte, sie portraitieren die Täter, aber auch die Opfer.

coverErgänzend beschreiben Autoren aus verschiedenen Fachdisziplinen die Fotos aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. In ihren Aufsätzen beschäftigen sie sich mit dem Aufstieg der NSDAP in der Provinz, der Rolle der Fotografie als lokaler Akteur, dem antisemitischen Terror, aber auch mit einem sogenannten Judenarchiv. Die Texte und Fotos sind ein ebenso erhellendes wie bewegendes Zeugnis des ganz normalen Wahnsinns im idyllischen NS-Kosmos der fränkischen Provinz. Eine wichtige Dokumentation, die jetzt schon in der Presse und bei den zahlreichen Buchvorstellungen, zu Recht, ein positiv Echo erzeugt. Allerdings wirken einige der präsentierten Forschungsergebnisse wie der sprichwörtliche „alte Wein in neuen Schläuchen“. Zudem ist der gut recherchierte Fototextband leider in einer trockenen Wissenschaftssprache verfasst. Unverständlich, da der Herausgeber Thomas Medicus als Redakteur beim „Tagesspiegel“ und der „Frankfurter Rundschau“ jahrelang einen lebendigen und lesbaren journalistischen Stil pflegte. Trotz dieses Wermutstropfens bleiben die „Ansichten aus der Provinz“, wie der Band im Untertitel heißt, eine zu empfehlende Lektüre. – (jgt)

Thomas Medicus, Verhängnisvoller Wandel. Ansichten aus der Provinz 1933–1949, Hamburg 2016, 308 Seiten, 38,00 €, Bestellen?

Bild oben: Aufmarsch von Hitlerjungen am 13.Mai 1934, © Stadtarchiv Gunzenhausen

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