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Die Tage ohne Vater

Der seit 24 Jahren in Köln lebende Schriftsteller und Menschenrechtler Dogan Akhanli ist in der Türkei ein bekannter Autor. Immer wieder hat er an den Völkermord an den Armeniern erinnert. Immer wieder hat er alle Tabus der türkischen Gesellschaft in seinen Werken in Frage gestellt. Nun ist ein zweiter Roman von Akhanli auf deutsch erschienen, mit Die Tage ohne Vater betitelt, auf türkisch ist er im Jahr 2008 erschienen. Die Tageszeitung Hürriyet verlieh ihm damals bei einem Literaturwettbewerb den Preis für die wichtigste Neuerscheinung des Jahres…

Von Roland Kaufhold

Zwei Jahre später, 2010, wollte Dogan Akhanli seinen todkranken Vater noch einmal treffen – und wurde bereits am Istanbuler Flughafen festgenommen. Nach vier Monaten kam er nach heftigen Protesten aus Deutschland wieder frei. Sein Vater war zwischenzeitlich verstorben. „Ich muss etwas von dem Unglück gespürt haben“, bemerkt Dogan Akhanli mir gegenüber in einem Gespräch. Seitdem darf er die Türkei nicht mehr betreten.

Am Anfang dieses anspruchsvollen, an Kafka erinnernden Romans steht ein Brief: Ein in der Literaturwelt gänzlich unbekannter Autor namens Dogan Akhanli schickt einer Lektorin, Polaris, unaufgefordert ein Manuskript. Die Nacht, in der der Rhein über die Ufer trat lautet der Titel. Begonnen habe er mit seinem Werk vor zehn Jahren. In seinem Begleitbrief fügt der Autor hinzu: „In der Nacht, in der der Rhein über die Ufer trat, war alles, was ich wusste, dass die Liebe zu Ende ging und hierbei ein Ereignis, welches sich zwischen Vater und Sohn zugetragen hatte, einen ernsten Einfluss ausübte.“ Die Geschichte bleibt so verworren, so zeitlos wie das Unbewusste. Türkische politische Geschichte, Kölner Gegenwart, Sehnsucht, Liebe, Mathematik, Musik und die Tragik einer komplizierten Familiengeschichte fließen zusammen und werden in kunstvoller Weise miteinander in Verbindung gesetzt.

Die stärksten autiobiografische Bezüge trägt der Protagonist dieses Werkes, Mehmet Nazim, ein renommierter türkischer Musiker. In den 1990er Jahren muss er – wie der ehemals linke Widerstandskämpfer Dogan Akhanli selbst – aus politischen Gründen aus der Türkei nach Köln fliehen. Er liebt Köln, streift im Roman durch zahlreiche Köln-Ehrenfelder Straßen, die auch die Wege Akhanlis sind. Seelisch gebunden ist Mehmet an den Rhein. Es gebe deutliche Anzeichen, dass dieser demnächst über die Ufer tritt, so wie es 1993 in Köln geschehen ist, spürt er. Es sind Vorboten einer Katastrophe, vielleicht aber auch einer alle Grenzen überschreitenden Liebe. Der Ort seiner Sehnsucht ist das im Süden Kölns gelegene Ausflugsboot Alte Liebe. Dieses existiert wirklich, so wie viele weitere Orte, von denen erzählt wird. Diese Alte Liebe sucht Mehmet immer wieder auf, sie ist der Ort seiner Sehnsucht.

Mehmets Begleiterin, seine Heldin, ist erwähnte Polaris. Die unglücklich verheiratete, seltsam unfassbar erscheinende Literaturwissenschaftlerin hatte den Kontakt zu dem ihr unbekannten Schriftsteller gesucht, er hatte ihre Sehnsucht berührt. Als Polaris ihm erstmals begegnet „glaubte sie, sie hätte alle rätselhaften, ungelösten, unentdeckten Geheimnisse der Liebe entschlüsselt.“

Polaris schreibt an einem Buch über Heinrich Böll, dessen frühen Romane von der Kölner Nachkriegszeit, der Verdrängung der Nazizeit und deren Wiederkehr handeln.

Polaris spürt ihre innere Zerrissenheit: „Um von ihren Gedanken an Mehmet Nazim loszukommen, schlang Polaris ihre Arme um ihren Mann und sog seinen Geruch ein. Ihr Mann roch in dieser Nacht nach Zimt, wie Mehmet Nazim.“ Politisch ist sie hingegen „neutral“: „Mit dem Linkssein“ hatte sie sich „selbst als es in Mode war, nicht anfreunden können“, heißt es in der Erzählung.

Später erlebt sie Mehmet bei einem Konzert vor Zehntausend Menschen; diese fühlen sich „dem kurdischen Schicksal“ verbunden. Seine Stimme elektrisiert sie, von ihr kommt sie nicht mehr los.

Als Kind eines talentiert-isolierten Vaters, eines Mathematikprofessors, der in der ihm eigenen Weise kommuniziert, auch mit seinem geliebten Sohn, muss Mehmet vieles ertragen. Auf unlösbare Weise ist er mit seinem Vater, dem genial-einsamen Mathematiker, verbunden. Dieser lebt in der Welt der Zahlen, die für ihn Liebe sind. Nur über die Mathematik vermag er Liebe zu zeigen.

Mehmet beginnt früh zu stottern, nachdem er in den Keller einer Keksfabrik gestoßen wurde. Seine Mutter ist eine vitale, ihre Emotionen auslebende Frau. Zuhören gehört nicht zu den sie prägenden Fähigkeiten: „Um vor den zu erwartenden Hieben seiner Mutter, welche derweil auf der Suche nach einem geeigneten Gegenstand wie einer Teigrolle, einer Kelle oder einer Herdzange war, zu flüchten, machte Mehmet Nazim von seinem privilegierten Status Gebrauch, schnappte sich die Flöte und lief ins Zimmer seines Vaters. Was auch immer geschah, seine Mutter konnte im Zimmer seines Vaters weder schreien noch ihn verprügeln.“

Sein Vater zieht sich immer wieder in die Welt der Zahlen zurück, so wie sich Mehmet später in die Welt der Musik zurückziehen wird, wenn die Gefühle zu kompliziert werden. „Wenn ich wollte, könnte ich zwischen jedem beliebigen Roman und der Zahl 19 eine Menge Beziehungen herstellen“, bemerkt er zu seinem Sohn.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Türkei verschlechtern sich in jenen Vorjahren des Putsches. Die Angst ist allgegenwärtig, schleicht sich überall ein und wird zugleich geleugnet: „Angst war in jenen Jahren ein Tabu. Zumindest gehörte es sich nicht, es war ein Gefühl, für das man sich schämen sollte.“

Mehmet lehnt sich bald gegen die Verhältnisse auf. Er bringt eine Untergrundzeitschrift von der Druckerei zum Vertriebsort. Er spürt seine Gefährdung und lässt sich einen falschen Pass ausstellen. Nun ist sein Name Dogan Akhanli – ein durchaus seltener Name in der Türkei. „Dass der richtige Dogan Akhanli zu der Zeit im Gefängnis saß, fand er nicht bedenklich, denn natürlich würde jemand, der inhaftiert war, nicht draußen gesucht werden.“

Parallel hierzu entfremdet er sich, unter dem Druck der existentiellen Bedrohung, von seinem Vater: „Die Mathematik ist zu nichts nütze!“, schleudert er seinem Vater empört entgegen. Es entsteht eine Leere zwischen ihnen, die sie beide nicht zu verstehen, zu füllen vermögen. Mehmet, der Musiker, der zweimal im Gefängnis der Willkür ausgeliefert  war – wie der Autor Dogan Akhanli gleichfalls – verlässt im September 1979 sein Land, die Türkei, und flieht nach Köln. Sein Vater erkrankt schwer.

In Köln baut sich Mehmet ein neues Leben auf. Er lernt die Liebe kennen, mit Polaris, und vertieft sich in die Musik, die er zugleich in einen politischen Kontext setzt. Und doch vergisst er auch 30 Jahre später die Türkei nicht. „Ich werde in die Türkei zurückkehren“, prophezeit er Polaris. Und: „Ich glaube nicht, es gibt kein Verfahren gegen mich. Und wenn doch, weiß ich, dass ich die Konsequenzen auf mich nehmen kann.“

Aber auch diese Liebe scheint irgendwann zuende zu gehen, wie dies bereits sein Vater schmerzhaft erlebt hatte: „Während Mehmet Nazim den Kopf schüttelt, überkam Polaris das Gefühl, er sei ein Fremder, den sie zum ersten Mal sah, ein Dieb, der in ihr Haus eingedrungen war. Die Lippen, von denen sie gewünscht hatte, sie würden jede Stelle ihres Körpers berühren, waren ihr fremd. „Geh“, sagte sie voller Wut, „geh raus aus meinem Leben.““

In dem Böll geschuldeten Kapitel „Und sagte kein einziges Wort“ beschreibt Mehmet, wie er durch die ihm vertrauten Straßen von Köln-Ehrenfeld sowie der Kölner Innenstadt streift, von innerer Unruhe angetrieben. Er erlebt einen Naturprozess, der eine große Tragödie auslöst. An dem Tag in den 1990er Jahren, als in Köln das Wasser über die Ufer tritt, denkt er an Polaris, an sein vergangenes Leben – und an seinen fernen Vater, der auf dem Sterbebett liegt. Er verspürt den ihm bisher unvertrauten Wunsch, sich mit einem zufällig Daherkommenden zu prügeln. „Als er Polaris´ Telefonnummer wählte, war er kurz davor, zu weinen. (…) Aus dem Hörer kam ein Ton, demnach wurde am anderen Ende abgenommen. Es war die Zeit gekommen, die Stille zu durchbrechen, Mehmet Nazims Gram hatte sich nun unwiderruflich entfaltet: „Hör zu, schöne Frau!“, begann er…“

Wenig später brennt die Alte Liebe ab, es ist bereits das vierte Unglück, welches dieses traditionsreiche Ausflugsschiff ereilt, auf dem Mehmet und Polaris ihre Liebe entdeckt hatten.

Der faszinierende Roman Dogan Akhanlis endet mit dem kurzen Kapitel „Das letzte Wort haben immer die Herausgeber“. Während einer Redaktionskonferenz notiert die Lektorin ihr Votum zum Manuskript des ihr anfangs unbekannten Autors Dogan Akhanli: „Lohnt sich, es zu verlegen. Der Titel sollte geändert werden: Die Tage ohne Vater. Dann greift sie zum Hörer und ruft den Autor an. „Wir haben entschieden, den Titel des Manuskripts zu ändern und es zu verlegen.““ Und nach einer „Sekunde Schweigen von der Dauer eines Jahres“ verabreden sie ein sofortiges Treffen: „“Möchten Sie mich am Kölner Flughafen oder auf der Alten Liebe abholen?“ „Auf der Alten Liebe“, antwortete der Mann, ohne zu zögern. Ich legte auf, rief ein Taxi und fuhr zum Flughafen, um für Die Nacht, in der der Rhein über die Ufer trat ein anderes Ende zu schreiben.“

Dogan Akhanli hat einen großartigen, verwirrenden Roman vorgelegt.

Dogan Akhanli: Die Tage ohne Vater. Übersetzt von Önder Erdem. Klagenfurt-Wien: Kitab Verlab, 193 S., 18,50 Euro, Bestellen?

Eine kürzere Version dieser Besprechung ist erschienen in der Tageszeitung Neues Deutschland, 5.10.2016: Dogan Akhanli: Mathematik ist Liebe.

Siehe hierzu auch: Roland Kaufhold, Neues Deutschland, 11.08.2016: «Ich habe gelernt, mit meinen Traumata gut zu leben» Der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli über die derzeitige politische Lage in der Türkei.