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Zaytouna heißt Olive: Die Segelschwestern gegen Israel

Die Organisatoren der Gaza-Flottille von 2010 machen weiter. Diesmal besteht die Besatzung der Schiffe jedoch nur aus Frauen, die sich der antiisraelischen Propaganda der Kampagne andienen. Am 14. September nahmen erneut zwei Segelschiffe von Barcelona aus Kurs auf Gaza. Für Anfang Oktober wurde angekündigt, den Hafen von Gaza-Stadt anlaufen zu wollen…

Von Gaston Kirsche
Der Beitrag erschien leicht geändert bereits in: Jungle World v. 22. September 2016

Um zwei Uhr nachts machte die „Zaytouna“, arabisch für Olive, am 19. September in Ajaccio fest. Olive als Name des Schiffes soll aber keinen Friedenszweig symbolisieren, sondern die Kultivierung von Olivenbäumen als jahrtausendealte palästinensische Tradition betonen. Das Segelschiff der Kampagne „Frauen – Kurs auf Gaza“ sollte schon am Sonntag einlaufen, zusammen mit seinem Schwesterschiff „Amal“, arabisch für Hoffnung. Aber die „Amal“ musste mit einem technischen Defekt in den Ausgangshafen nach Barcelona zurückkehren. Einen Tag verspätet fand eine Kundgebung zur Begrüßung im Hafen der Stadt auf Korsika statt. Manu Chao erklärte derweil in einer Videobotschaft seine Unterstützung für die Kampagne. Die Gesellschaft Corsica Palestina hatte ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Drei weibliche Abgeordnete des korsischen Regionalparlamentes begrüßten das Segelschiff offiziell, Jean-Guy Talamoni, von der linksnationalistischen Partei Corsica Libera, Präsident des korsischen Regionalparlamentes, hielt eine Rede, die Gruppe AlteVocci sang korsische Lieder.

Während bei der zweiten „Flottille nach Gaza“ 2011 mit der „Dignity“, Würde, ein Schiff mit Heimathafen Calvi auf Korsika mit segelte, in der Absicht, die israelische Abriegelung zu durchbrechen und in den Hafen einzulaufen, der unter Kontrolle der terroristischen Hamas steht, bleibt es diesmal bei einer Unterstützung der „Zaytouna“. Die nahm bereits am Dienstag Kurs auf den Hafen von Messina. Auch dort, auf Sizilien, wurde eine große Veranstaltung zur Begrüßung des vermeintlichen Blockadebrechers vorbereitet. Renato Accorinti, Bürgermeister von Messina, erklärte im Vorfeld, er würde die Ziele der Kampagne „Frauen – Kurs auf Gaza“ teilen und sie vorbehaltlos unterstützen, gerade in ihrer symbolischen Bedeutung für den Kampf um die Rechte der Völker und Frauen der Welt. “Seine Verbundenheit und Solidarität gelte dem palästinensischen Volk und allen Völkern, die für ihre Befreiung kämpfen”, gibt ihn die Kampagne in einer Erklärung wieder. Von Messina aus, so der Plan, soll direkt in Richtung Gaza-Stadt gesegelt werden.

Dabei geht es in der als Medienspektakel mit Pressekontakten in 13 Ländern angelegten Demonstration auf See immer gegen Israel: „Frauen – Kurs auf Gaza“ ist eine Initiative der „Internationalen Koalition der Flottille der Freiheit“. In der wirken Organisationen aus den USA, Australien, Kanada, Griechenland, Italien, Norwegen, Südafrika, Schweden, Spanien mit. Auch die offen islamistische IHH aus der Türkei ist dabei. Die IHH war federführend bei der ersten Gaza-Flottille vor sechs Jahren. Als der von ihr gecharterte Frachter „Mavi Marmara” am 31. Mai 2010 von der israelischen Marine am Rande der von Israel gesperrten 30-Meilen-Zone gestoppt wurde und sich Soldaten aus Hubschraubern auf das Deck abseilten, wurden sie mit Eisenstangen, Spießen, Messern und Wasserkanonen angegriffen. Sie verteidigten sich mit ihren Revolvern zur Eigensicherung, zehn militante Islamisten wurden von Israelis erschossen. Durch geschickte PR-Arbeit der „Koalition der Flottille der Freiheit“ wurde der Weltöffentlichkeit suggeriert, wehrlose Helfer, welche den Kindern von Gaza Spielzeug hätten bringen wollen, seien heimtückisch ermordet worden. Bis heute spricht die „Koalition der Flottille der Freiheit“ davon, die Militanten der IHH seien „gewaltfreie“ Menschenrechtsaktivisten gewesen. Gewalt geht nach ihrem Verständnis im Nahen Osten wohl immer vom Staat Israel aus.

So ist es nur folgerichtig, dass mit Çiğdem Topçuoğlu die Witwe eines der in der Türkei auch von der islamistischen AKP-Regierung als “Märtyrer“ verehrten Toten von der Mavi Marmara an Bord der Zaytouna mitfahren will, geplant ist, dass sie an einem der nächsten Hafenstationen zusteigt.

Wo die islamistische IHH aus der Türkei für die „Koalition der Flottille der Freiheit“ als Bestandteil der Zivilgesellschaft gilt, darf eine Forderung nicht fehlen: Das „Ende der Besatzung, die seit 68 Jahren andauert“. Besatzung meint hier: Seit der Gründung des Staates Israel 1948. Der soll offensichtlich von der Landkarte verschwinden.

Dass in aufständischen nationalistischen Bewegungen Frauen die Nation als vermeintliche Trägerinnen von Kultur und Überlieferung zu verkörpern haben, gilt auch in der palästinensischen Bewegung: „Mit der Entsendung eines exklusiv mit Frauen besetzten Schiffes wollen wir die enormen Leistungen anerkennen, welche die palästinensischen Frauen im Kampf für die Befreiung ihres Volkes geleistet haben“, wie die „Koalition“ auf ihrer Internetseite erklärt. Die Reduzierung von Frauen auf die Rolle der widerständigen Bewahrerin der nationalen Kultur wird durch „Frauen – Kurs auf Gaza“ weiter festgeschrieben.

In Spanien wird die „Gaza-Flottille“ breit unterstützt, gerade von ihrem Selbstverständnis nach emanzipatorisch engagierten Linken. Auch die BDS-Bewegung zum Boykott Israels erfährt viel Zustimmung: So haben 51 Kommunen und Gebietskörperschaften sich dem Aufruf angeschlossen, jeden Austausch mit dem jüdischen Staat abzulehnen, weil dieser sich nicht an das internationale Recht halten würde. Darunter große Städte wie Badalona, Terrasa, Gijón oder Alcoi, der Rat von Gran Canaria oder die Diputacionen von Sevilla und Córdoba. Besonders sind dabei einige Abgeordnete alternativer Bürgerlisten, die sich an Podemos orientieren, und von der Vereinigten Linken, IU. Auch die Bürgermeisterin von Barcelona, Ada Colau, ließ es sich nicht nehmen, persönlich im Hafen von Barceloneta am Dock Bosch i Alsina eine Rede zu halten, in der sie der Flottille viel Erfolg wünschte. Ihr Stellvertreter Gerardo Pisarello verfasste einen langen Brief an den israelischen Botschafter, in dem Israel aufgefordert wurde, “die Unterstützung von Barcelona zu respektieren, damit die Initiative ihr Ziel erreicht”, um die “Solidarität zwischen den Völkern zu stärken, den Respekt und Schutz der Menschenrechte und des internationalen Rechts“. Im Rahmen des zweitägigen Programms zum Start der Flottille traten auch viele in Spanien bekannte Kulturschaffende auf, die dies als Akt linker Solidarität verstanden. Musik machten Che Sudaka, Marinah von Ojos de Brujo), Amparo Sánchez und Les Kol·lontai, Bilder malte etwa die Illustratorin Iris Serrano, die Rebellischen Clowns traten auf.

Es gibt auf der Homepage der Organisatoren von „Rumbo a Gaza“, Kurs auf Gaza, einen Direktlink, um per Paypal zu spenden, auf ein Konto der NGO ONG Carrers del Món Drets Humans, die sich laut Eigenbezeichnung für Menschenrechte einsetzt, unter Merchandising können als Button neben dem Evergreen „Free Palestine!“ solche mit dem Symbol der aktuellen Gaza-Flottille erworben werden, sowie T-Shirts von S bis XL mit dem Logo der Kampagne „Frauenschiffe nach Gaza“ der „Internationalen Koalition der Flottille für die Freiheit“, einem stilisierten Segelboot von den drei Farben der Nationalfahne von, logisch, Palästina. Außerdem gibt es „solidarische“ T-Shirts vom linken Vertrieb „Partisano“ mit dem Aufdruck „Freies Palästina“, auch auf Katalanisch und Baskisch, mit einer großen Zwille vor den palästinensischen Nationalfarben. Für jedes verkaufte Hemd spendet Partisano vier Euro für „Rumbo a Gaza“. Immerhin haben sie als Motiv nicht ein blutgetränktes Messer gewählt, wie es zu den aktuellen Messerangriffen auf israelische Zivilisten passen würde.

An Bord der Zaytouna reisen neben der weiblichen Crew seit Barcelona 13 ausgewählte Frauen aus neun Ländern von fünf Kontinenten mit: Dabei sind Malin Björk, die für die schwedische Linkspartei im Europaparlament sitzt, Rosana Pastor, Abgeordnete der linksalternativen Podemos im spanischen Parlament, Jaldía Abubakra, Mitglied der spanischen Vereinigten Linken, auch aktiv in der in Spanien erfolgreichen BDS-Bewegung, Marama Davidson, Abgeordnete der Grünen Partei Neuseelands, die US-Schriftstellerin Naomi Wallace, die norwegische Sportprofessorin Gerd von der Lippe, Marilyn Porter aus Kanada, emeritierte Professorin für Soziologie, Zohar Chamberlain, die aus Israel nach Spanien ausgewandert ist, und in der „jungen Welt“ mit einem Satz zitiert wird, der schon arg geschichtsrevisionistisch klingt: „Wir Juden sollten uns immer wieder daran erinnern, was unser Volk erlitten hat, um zu verhindern, dass wir je selber anderen etwas Ähnliches antun.“

In dem Text „Making Palestinian women visible“ behauptete „Frauen – Kurs auf Gaza“ im April, dass die Hamas im Gegensatz zur PLO nach den Verträgen von Oslo am Volkswiderstand festgehalten habe, und erklärte: „Wir haben – obwohl viele es nur ungern zugeben – zu akzeptieren, dass die Palästinenser selbst zu entscheiden haben, ob sie ihre Sache mit Gewalt oder gewaltfrei betreiben“.

Auch wenn sich „Frauen – Kurs auf Gaza“ und die „Koalition der Flottille der Freiheit“ immer wieder selbst als gewaltfrei und regierungsunabhängig darstellen: Eine Abgrenzung zum Terror der islamistischen Hamas gegen die israelische Bevölkerung und die nicht-islamistische Bevölkerung im Gazastreifen erfolgt nirgendwo, ebenso wenig eine Anerkennung der israelischen Opfer palästinensischen Terrors. Erwähnung findet auch nicht, dass die Blockade des Gazastreifens 2007 eine Reaktion Israels auf ständige terroristische Raketenangriffe und nächtliche Überfälle in Grenznähe seitens des bewaffneten Arms der Hamas und weiterer islamistischer Gruppierungen war: Um den Nachschub an Waffen zu unterbinden.

In der Woche nach dem Start der Gaza-Flottille am 14. September in Barcelona kam es durch palästinensische Angreifende alleine zu sieben Attacken mit Messern auf Israelis. Am gleichen Tag, an dem die Flottille startete, wurde Israel wieder einmal aus dem Gazastreifen mit einer Rakete beschossen, die in Eshkol zum Glück auf unbewohntem Gebiet niederging. Auch von Syrien aus wurden Raketen abgefeuert. „Auf jeden Angriff haben wir reagiert“, so Major Arye Sharuz Shalicar von der Pressestelle der israelischen Armee. Für die „Koalition der Flottille der Freiheit“ sicher erneut eine „Grausamkeit“, ein „Verbrechen gegen die Menschheit“ durch die israelischen Streitkräfte, wie sie gewöhnlich in ihren Texten zu schreiben pflegen.

Kurz bevor die Gaza-Flottille startete, landete am 9. September zum zweiten Mal seit Juli diesen Jahres ein mit 10.000 Tonnen Spendengütern für Gaza beladenes Schiff aus der Türkei im israelischen Hafen Aschdod. Nach einer Überprüfung, ob keine Waffen für die Hamas unter der Ladung waren, konnten die Güter gelöscht und in den Gazastreifen gebracht werden. Die Gaza-Flottille verschweigt in ihrer Propaganda diese Möglichkeit der legalen Einfuhr von Spenden über Israel. Praktisch täglich erfolgen Hilfslieferungen nach Gaza über Israel – aber eben kontrolliert, was den erwünschen Waffenschmuggel erschwert. Ägypten dagegen unterwirft von seiner Grenze aus seit 2013 den Gazastreifen einer Totalblockade. Über den Grenzübergang Ralah sind keinerlei Ein- und Ausfuhren möglich. Dies wird stillschweigend hingenommen. Aber Ägypten ist ja auch kein jüdischer Staat.