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Licht am Anfang des Tunnels

In der Stommeler Synagoge lässt die Installation „Those that are near. Those that are far.“ von Walid Raad & SITU Studio Besucher derzeit bewusst mit Fragen zurück…

Von Simone Scharbert

Stommeln, Hauptstraße. Ein hübsch begrünter Marktplatz, parkende Autos, eine viel befahrene Kreuzung. Die große Kirche des Orts ist schon von Weitem zu sehen; das Stommeler Wahrzeichen, eine Mühle aus dem 18. Jahrhundert, prangt auf einer Anhöhe am Ortsrand. Auf eine Synagoge mit jährlich wechselndem Kunstprojekt von überregionalem Interesse deutet hier in der Ortsmitte nur wenig hin: Der übersichtliche Klinkerbau liegt versteckt an der großen Hauptstraße, lediglich ein schmaler Weg führt zum einstigen Gebetshaus. Hebräische Schriftzeichen sind ins schmiedeeiserne Tor eingearbeitet, das sich unauffällig zwischen zwei Gebäuden einfügt und Neugierigen den Blick auf ein altes Stallgebäude frei gibt, unbewusst eine Brücke zwischen damals und heute schlägt.

»Der individuellen oder kollektiven Erinnerung entkommt man nicht, und die Suche nach ihrer Substanz und ihrer Form kann eine positive Erinnerung haben«, ist in Michael Blumenthals Essay »Streit um die Erinnerung« zu lesen, der in „Art Projekts, Synagoge Stommeln“ erschienen ist. Der ehemalige US-Politiker und Direktor des Jüdischen Museums Berlin betont die Notwendigkeit und Unausweichlichkeit von Erinnerung. Für diese Suche muss es einen Ort oder einen Raum geben und die Möglichkeit, mit eigenen Fragen an die Erinnerung anzuknüpfen, ihr derart Kontur oder Gestalt zu verleihen. Immer aber geht es auch darum, wer Position bezieht, wer sich erinnert. »Für alle von uns, für die Überlebenden und ihre Nachfahren, für Deutsche der ersten, zweiten und dritten Generation, für Israelis, Amerikaner und auch für die Historiker, gilt, dass unsere Ansichten und unsere Haltung zu diesem Ereignis unauflöslich mit unserer Vergangenheit und unserer eigenen Erfahrung verbunden sind, damit, wer wir sind und woher wir kommen.« Fragen und Erfahrungen, für die die Synagoge Stommeln bewusst einen eigenen Raum öffnet und ermöglicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Museen setzt das dort angesiedelte Projekt in Fragen der Erinnerung auf das spannungsreiche Zusammenspiel von konkreter Ortsgeschichte und zeitgenössischer Kunst.

Lange Jahre war die Zukunft der Stommeler Synagoge im Nachkriegsdeutschland ungewiss. Zuvor sorgten nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch die Landflucht der Stommeler Juden für ein leeres Gebetshaus, das zunehmend sich selbst überlassen und Anfang der 30er Jahre endgültig geschlossen wurde. Errichtet wurde die Synagoge im Jahr 1882, nachdem der ortsansässigen Jüdischen Gemeinde vorab ein Gebetshaus vom preußischen König Wilhelm III genehmigt worden war. Ende des 19. Jahrhunderts wurde es durch das heute noch bestehende neoromanische Gebäude ersetzt. Wie vielen anderen Synagogen aber wurde dem jüdischen Gebetshaus kein repräsentativer Ort zugewiesen, sondern ein Platz in der schwer einsehbaren »zweite Reihe« an der Hauptstraße. Für die weitere Geschichte eine glückliche Entscheidung: 1937 wurde die Synagoge an einen Stommeler Landwirt verkauft, der seine eigene Fläche vergrößern wollte. Er nutzte das ehemalige Gebetshaus als Stall- und Lagerraum und ließ sich sein neu erworbenes Eigentum auch von den Nationalsozialisten nicht abspenstig machen: Die Stommeler Synagoge blieb in der Reichskristallnacht als eine der Wenigen verschont und geriet später in Vergessenheit. Das Interesse für den Bau erwachte erst wieder in den 70er Jahren, gefolgt von der Frage, wie die Synagoge nicht nur Mahnmal, sondern auch „positiver Raum für Erinnerung“ werden könne. Der Kölner Künstler W. Gies hatte die Idee für ein Konzept, das im Wesentlichen auf Reduktion beruht und Unkonventionelles im Bereich der kollektiven Erinnerung versucht. Unter dem Motto „Ein Ort, ein Raum, eine Arbeit“ wurde 1991 das heutige Kunstprojekt etabliert, das jährlich einen Künstler einlädt, die Synagoge künstlerisch zu „bearbeiten“. International bekannte Künstler wie Georg Baselitz, Daniel Buren und Rosemarie Trockel sind der Einladung gefolgt; 2014 hat der deutsche Künstler Gregor Schneider die Synagoge hinter einer Einfamilienhausfassade verschwinden lassen und das Projekt im Verschwinden mehr denn je öffentlich sichtbar gemacht.

Der libanesische Fotokünstler Walid Raad & SITU Studio verlegen mit ihrer Installation „Those that are near. Those that are far.“ den Schwerpunkt wieder ins Innere der Synagoge. Die Fenster sind von außen mit schmalen Holzbrettern zugeschlagen, der ganze Bau wirkt so eigentümlich verschlossen. Schon beim Eintreten wird der Besucher von einer eindrücklichen Atmosphäre in Empfang genommen: Der Eingang zum unteren Teil der Synagoge ist ebenfalls mit Brettern zugemacht, die wenigen Stufen zur Frauenempore im ersten Stock ins Dunkel getaucht. Die Luft riecht nach feuchter Erde, Tageslicht gibt es keines. Der Innenraum der Synagoge ist meterhoch mit Erde befüllt. In der Mitte, direkt vor dem Toraschrein und symmetrisch angeordnet, steht ein dreibeiniges Rettungsgerät mit Spule. Darunter ein beleuchtetes, mit Holz ausgeschlagenes Loch. Quadratisch und in die Tiefe ragend. Ganz offensichtlich der Anfang oder das Ende eines Tunnels. In der Erde sind Abdrücke sichtbar, die von Kisten oder anderen Transportgegenständen stammen könnten. Genaueres wird nicht klar, der Blick von der Frauenempore hält den Besucher auf Distanz und damit auch im Unklaren. Die ganze Szenerie im Raum vermittelt etwas Abruptes und Flüchtiges, deutet Handlungen von Menschen an, die im Tunnel verschwinden. „Wo führt der Tunnel hin? Wird etwas hinauf- oder hinabtransportiert? Sind Menschen im Tunnel?“ Fragen, die Walid Raad Kindern bei der Besichtigung der Installation stellen würde, so die zuständige Leiterin der Kulturabteilung, Angelika Schallenberg. Aber auch Fragen, die sich einem ganz unbewusst stellen. Das hell beleuchtete Loch macht automatisch neugierig, natürlich will man als Besucher wissen, wohin es führt oder woher es kommt.

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Walid Raads Arbeiten geht viel Recherche voraus. Der Künstler wurde 1967 im Libanon geboren und beschäftigte sich lange Zeit mit dem Verschwinden von Kunst in seiner Heimat. „The Great Atlas“ ist eines seiner Langzeitprojekte. Bei Nachforschungen zu libanesischen Synagogen stieß der Künstler auch auf Tunnelsysteme und ihre vielfältigen Bau- und Bedeutungsweisen. Der Tunnel als Archetyp für Grenz- und Fluchtsituationen funktioniert auch hier in Stommeln. Egal, wie tief das Loch ist oder wohin es führt, es wirft immer weiter Fragen auf und konfrontiert einen mit Geschichte und Gegenwart gleichermaßen. Zwangsläufig bringt man gerade hier die Grauen des Nationalsozialismus und die Fluchtversuche vieler Juden mit der Installation in Verbindung. Menschen, die sich vor Deportationen zu retten suchten; Kunstwerke, die im Zweiten Weltkrieg verschwanden; Menschen, die verzweigte Tunnelsysteme zwischen Häusern gruben, um Lebensmittel oder Waffen zu schmuggeln. Assoziationen zu Fluchtversuchen durch den Eisernen Vorhang, natürlich aber auch zur gegenwärtigen europäischen Situation und zum Wiederaufbau vieler Mauern stecken in diesem Projekt. Eine gesellschaftspolitische Entwicklung, die bei der Konzeption noch nicht vorauszusehen war, aber zeigt, wie fest der Topos „Tunnel“ in unserer Geschichte verankert ist. Sowohl positiv als auch negativ. Ein Tunnel aber ist immer auch eine Öffnung in die Unendlichkeit oder wie Almút Sh. Bruckstein anlässlich der Ausstellung schreibt: „Öffnungen sind Tunnelwege des Nichts und umgekehrt, Tunnelwege sind die Spiegel unendlicher Öffnung.“

Walid Raad & SITU Studio: Those that are near. Those that are far. Synagoge Stommeln, noch bis 25.9.2016, www.synagoge-stommeln.de

Fotos: (C) Werner J. Hannappel