Wiener Mosaik

Kurznachrichten aus Österreich…

Von Peter Stiegnitz

Gegen Terror

Es war nicht zu übersehen – eine, nur aus Jugendlichen gebildete Kette gegen den Terror. Das Wichtigste dabei war die Zusammensetzung der Jugendkette: Österreicher und Ausländer, Christen, Juden und Muslime. Der Organisator, der Österreichische Bundesjugendring rief und es kamen hunderte Jugendliche, um „Gemeinsam gegen den Terror“, so Titel und Motto der Aktion in der Wiener City zu demonstrieren Die Geschäftsführerin des Jugendringes Magdalene Schwarz und der Vorsitzende der Katholischen Jugend, Matthias Kreuzriegler  forderten ein  „Zusammenrücken der gesellschaftlichen Gruppen“ gegen Terror und Angstmache.

Die Heimkehrer

Der Grund der Terrorangst der Österreicher ist nicht nur vorhanden, sondern auch konkret. So berichtet der Verfassungsschutz unter anderem über die Gefahr der „Heimkehrer“, die „aus Österreich zum Dschihad nach Syrien oder in den Irak gereist sind oder dorthin reisen wollten“. Auch unter den Flüchtlingen, die 2015 unkontrolliert nach Österreich strömten, befinden sich, wenn auch nicht zahlreich, religiöse Fanatiker mit terroristischer Ausbildung. Auch einer der Terroristen in Brüssel kam durch Österreich.

Neonazi-Gefahr

Trotz aller islamistischen Terrordrohungen registrieren die österreichischen Verfassungsschützer auch ein Ansteigen rechtsextremistischer „Tathandlungen“. Dabei werden „islamophober und antisemitischer Hintergrund“  festgestellt. Allein nach dem NS-Verbotsgesetz gab  es im Vorjahr  953 Anzeigen. Einer der Organisatoren der Neonazi-Aktivitäten, Gottfried Küssel, Gründer der „Volkstreuen Außerparlamentarischen Oppostion“ (VAPO), sitzt gegenwärtig in Haft. Während als „Freigänger“ wurde Küssel beobachtet, wie er sich, wenn auch äußerst vorsichtig, mit Gleichgesinnten traf. Küssel war auch Initiator der Neonazi-Website „alpen-donau.info“ und des Forums „alinfo.com“. Auch für diese Aktivitäten sitzt Küssel seit 2011 im Gefängnis. Sein endgültiges Urteil lautete: sieben Jahre und neun Monate.

„Stille Helden“

Der Wiener Soziologe Roland Girtler, der sich selber einen „vagabundierenden Kulturwissenschaftler“ nennt, erzählte kürzlich in der „Kronen Zeitung“ über sein Gespräch mit dem Wiener Juden Fritz Rubin-Bittmann, der „1944 … vermutlich als das einzige jüdische Kind, in Wien zur Welt kam.“ Seine Eltern dessen Eltern retteten unter Lebensgefahr andere Juden.

 Im dritten Wiener Gemeindebezirk stand früher der 1881 eröffnete Aspangbahnhof. Von hier wurden zwischen 1939 und 1942 rund 65.000 Wiener Juden in den Tod transportiert. Jetzt ist dort die „Rubin-Bittmann Promenade“. Darunter kann man lesen: „Als vom Naziregime verfolgte Juden haben Sidonie (1907-1968) u. Josef Rubin-Bittmann (1897-1971) unter Lebensgefahr anderen Verfolgten geholfen und das Leben gerettet. Beide haben als U-Boote in Wien überlebt.“ Girtler berichtet weiter, wie die beiden jüdischen Helden im „Wartesaal des Todes“ überleben konnten. Sie lernten die gläubige Katholikin Anna Maria Haas kennen, die sie mit dem Lebensnotwendigsten versorgen konnte. Simon Wiesenthal, ein späterer Freund der Rubin-Bittmanns, schlug Anna Maria Haas in Yad Vashem für die „Gerechten der Völker“ vor; was auch geschah. Es  ist kein Zufall, dass Roland Girtler seinen Artikel unter den Titel „Stille Helden und der Aspangbahnhof“ stellte.

Die Marietta und Friedrich Torberg Medaille

Diese Auszeichnung der Kultusgemeinde erhielt kürzlich der Wiener Stadtrat für Kultur, Wissenschaft und Sport, Mailath-Pokorny, der in seiner Dankesrede unter anderem erklärte:  Unvoreingenommene Offenheit ist wesentliches Kennzeichen der jüdischen Kultur. Diese freundliche Neugier am Leben … bildet traditionell einen festen Bestandteil der Mentalität dieser Stadt.“  (zitiert nach wina). Anscheinend hat die „Wiener Mentalität“ zwischen 1938 und 1945 auf diesen „festen Bestandteil“ vollkommen vergessen.

Tabori und Shapira

Die Freunde der jüdischen Literatur haben diesmal zwei Werke zum „Bücher des Monats“ gewählt: ein schmales Büchlein über George Tabori und ein Buch von Schahak Shapira. Andrea Welker nennt ihre Chronik über Leben und Werk des aus Ungarn stammenden Dramatikers George Tabori (Verlag Bibliothek der Provinz) mit dem für Tabori bezeichnenden Untertitel „Vom Luxus des Offenen und Unfertigen“. Erwähnenswert, aus der Fülle seiner zeitkritischen Stücke ist „The Cannibals“, das im KZ spielt. 1968 wurde das Stück in New York uraufgeführt und  im selber Jahr in der deutschen Übersetzung im Berliner Schillertheater. Der Kommentar der Kritik lautete: „Nur schlechtes Gewissen kann sich die Hände so wund klatschen.“ Die eigentliche Geschichte ist einfach zu erzählen: Eine trotz allem noch humanistisch denkende Figur, „Onkel“ genannt, verkörpert eigentlich Taboris Vater, will seine Mithäftlinge, die kurz vor dem Hungertod stehen, verhindern, Menschenfleisch zu essen; was ihm nicht gelingt. In einem einzigen Satz des Stückes verbinden sich „Heiligkeit und schwarzer Humor“ (Andrea Welker). „Mit der Höflichkeit des Herzens beim Eintritt in die Gaskammer: Bitte nach Ihnen Herr Mandelbaum“ im Stück sagen.

Das zweite Buch dient dem Zeitgeist und spiegelt das Leben der deutschen Juden von heute wider. Der Autor, Shahak Shapira beschreibt in seinem Buch „Das wird man ja wohl noch schreiben dürfen“, mit dem vielsagenden Untertitel „Wie ich der deutscheste Jude der Welt wurde“ (rowohlt POLARIS), die nicht geringen Probleme in Deutschland. Shapiras Mutter zog mit ihren Söhnen in eine ostdeutsche Neo-Nazi Hochburg. Interessant und außerordentlich wichtig sind die kleinen und oft in jeder Hinsicht schmerzhaften Begegnungen des Autors mit den echten und auch mit den verdeckten Antisemiten in der Ex-DDR. Hier geht es nicht um die Judenfeindlichkeit junger Muslime, sondern um die der „echten Deutschen“. So wird Shapira eines Tages von wütenden Neo-Nazis atackiert. Die Angreifer werden erkannt und vor Gericht gestellt. Jetzt musste Shapira erleben, wie nur ein einziger der Täter angeklagt und auch dieser vom Gericht freigesprochen wurde. Erschütternd sein Schreiben an den Rowohlt-Verlag: „… Auch wenn mir diese Ereignisse indirekt 2 Minuten Ruhm und ein paar Judenwitze mehr beschert haben, macht mich das unheimlich sauer und traurig …“