Dogan Akhanli

„Ich habe meine Hoffnung nie aufgegeben!“

Dogan Akhanli im Interview mit dem Deutschlandfunkt über die Kölner Erdogan-Kundgebung und über die Türkei…

Von Uri Degania
Bild oben: Dogan Akhanli auf den Internationalen Armin T. Wegner Tagen in der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal. Foto: Ulrich Klan

Der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli erlebte 1980 den Putsch in der Türkei und wurde seinerzeit dort mehrfach inhaftiert und gefoltert. 1992 floh er nach Deutschland. Seit 20 Jahren lebt er als Schriftsteller und Menschenrechtler mit deutschem Pass in Köln. In seinen Texten und Romanen setzt er sich für die Aussöhnung und historische Aufklärung vor allem über den Völkermord der Türkei an den Armeniern ein. Für sein schriftstellerisches und menschenrechtliches Engagement wurde er vielfach ausgezeichnet.

Anlässlich der Kölner Pro-Erdogan Kundgebung von AKP-UETD-DITIP – auf der Hunderte von aufgepeitschten Menschen (sozusagen eine türkische Pegida, ohne deren jammernden Unterton; im Kern strikt nationalistisch, islamistisch und demokratiefern) öffentlich „Idam Isteriz!“ – auf Deutsch: „Wir wollen die Todesstrafe!“ brüllten, was eigentlich den Abbruch der Kundgebung zur Folge haben musste – gab Dogan Akhanli am Sonntagabend dem Deutschlandfunk ein längeres Interview.

Die willkürlichen, massiven Festnahmen in der Türkei erinnern ihn an seine eigenen Jahre in der Türkei. Auch wenn er lange gedacht hatte, die erlittene Folter, die schweren Traumatisierungen hinter sich zu haben: Nach den furchtbaren Bildern unmittelbar nach dem recht seltsam anmutenden Putsch brachen die Traumatisierungen wieder in ihm durch: „Man kann das Trauma nicht bewältigen, aber ich lebe damit“ erzählt Dogan Akhanli. Er habe in der Türkei nahezu keinen Tag der Ruhe erlebt.

2010 wurde Dogan Akhanli anlässlich eines Türkeibesuches – er wollte seinen todkranken Vater besuchen, sich von ihm verabschieden – willkürlich festgenommen. Nach einer sehr starken Protestwelle aus Deutschland wurde er wieder freigelassen und besucht seitdem die Türkei nicht mehr.

Seinerzeit, 2010, so betont Dogan Akhanli im Interview, war seine Hoffnung auf eine demokratische, an europäischen Werten orientierte Türkei sehr viel stärker als heute. Heute vermisse er eine wirkliche Bewegung für eine demokratische Kultur in der Bundesrepublik. Der Widerstand der Aleviten und Kurden sei stark. Insbesondere die Kurden seien sich bewusst, dass sie sich letztlich in einem Krieg befänden.

Erstaunt zeigt sich Akhanli über die 40.000 Menschen, die den Despoten Erdogan unterstützen. Er vermöge dies nur vor dem Hintergrund einer Integrationspolitik zu sehen, die hierzulande offenkundig mit massiven Schwierigkeiten verbunden sei: junge Menschen, die in der demokratischen Bundesrepublik geboren bzw. hier aufgewachsen sind, suchten Zuflucht, Identifikation bei einem Despoten, der in seinem Handeln allen demokratischen Prinzipien widerspreche.

Dennoch bleibt Dogan Akhanli optimistisch: Die Geschichte habe gezeigt, dass ein solcher willkürlicher Despot, der vornehmlich und immer rücksichtsloser mit Angst arbeite, sich gegenüber seiner Bevölkerung derart willkürlich und respektlos verhalte, innergesellschaftlich und in seiner Außenpolitik, der sich grandios selbst überschätze, am Ende fast immer gescheitert sei.

Die Angst sei in der Türkei heute sehr verbreitet. Er selbst, so betont der Schriftsteller Dogan Akhanli, fühle sich in Köln und Berlin nicht bedroht, wenn er auch zunehmend, meist in Form von Mails und Briefen, Drohungen erhalte.

„Ich habe lange sehr lange mit der Angst gelebt“, bemerkt Akhanli. Heute fühle er keine Angst mehr. Und er fügt lachend hinzu: „Ich habe meine Hoffnung nie aufgegeben.“

Er sei nicht gefährdet, weil er einerseits prominent, aber politisch doch nicht so prominent sei wie etwa sein Schriftstellerkollege Orhan Pamuk. Dennoch fügt Akhanli hinzu: „Es gibt genügend Typen, die bereit sind, aus der Hetze heraus einen Menschen abzuknallen.“

Dogan Akhanli erinnert vor allem an den politischen Mord an Hrant Dink im Jahr 2007 in Istanbul.

Vielleicht, so fügt Akhanli hinzu, sei er auch ein Träumer, innerlich stur. Vielleicht sei dies eine der Quellen seines unerschütterlichen Optismus.

Im Oktober 2016 wird Dogan Akhanli in Berlin und Köln mehrfach mit der israelisch-deutschen Schriftstellerin, Künstlerin und Psychologin Mona Yahia – die vor 15 Jahren vor allem durch ihren in zahlreichen Sprachen erschienenen Familienroman Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom internationales Aufsehen erregte – sowie mit der armenischen Pianistin Nare Karoyan mit der szenischen Lesung Urfa. Eine Stadt. Zwei Ärzte. Armenien 1915 auftreten:

23.10. im Freiraum Köln, 29.10. in der Johanneskirche Zehlendorf Berlin, am 30.10. im Centrum Judaicum Berlin, 13.11. Rautenstrauch-Joest Museum Köln

Das Deutschlandfunkinterview mit Dogan Akhanli
Interview mit Dogan Akhlani in der Welt
Porträt von Dogan Akhanli im Neuen Deutschland