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Zusammen leben mit Trauma

Im diesjährigen peacecamp 2016 gab es unter den 37 Jugendlichen – arabische und jüdische Israelis, Ungarn, Österreicher und in Österreich Schutzsuchende – kaum jemanden, der nicht wusste, was Trauma ist…

Deshalb war es besonders hilfreich, dass es unter den 16 Erwachsenen – Künstlerin und Künstler, Historikerin und Historiker, Pädagogin und Pädagoge, Psychotherapeutin, Psychiater – gleich drei Trauma-Expertinnen und -Experten, drei Psychotherapeutinnen und -therapeuten und Menschen mit besonderem Einfühlvermögen gab.

Eine 16-jährige „Prinzessin“ aus Aleppo, die niemals den Augenblick vergessen wird, als ihre Mama die Wohnungstür für immer abschloss, ein junger Afghane, den die Mutter morgens nicht mehr weckt, um ihn zur Schule zu schicken, ein 16-jähriger aus Somalia, dessen Odyssee in Traiskirchen nur ein vorläufiges Ende fand, junge Israelis, die Angst haben, am Weg zur Schule oder zur Freundin ein Messer in den Rücken zu bekommen, junge israelische Araber, die diese Angst als schikanös und diskriminierend empfinden, tauschten sich miteinander über ihre Lebensgeschichten, über die Geschichten ihrer Nationen, ihre Kultur und Religion, über ihre aus Angst und Zuversicht gesponnenen Zukunftsvisionen aus.

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Ein Experte führte diese Jugendlichen mit einer Mischung aus Takt, Feingefühl und politischer Korrektheit durch die tägliche „Großgruppe“, eine für die Auseinandersetzung mit sozialem oder politischem Konflikt für Erwachsene entwickelte Technik , die den jungen Leuten ein großes Maß an Belastbarkeit, Geduld, Empathie, Ausdauer und Standfestigkeit abverlangte. „Was bedeutet für dich das Wort Frieden, welche Hindernisse stellen sich ihm in den Weg, welchen Beitrag könntest du jetzt, welchen später einmal zu einem friedvolleren Zusammenleben in deinem Lebensraum beitragen?“ Dies waren die Fragen, mit denen sich alle, Jugendliche und Erwachsene, zehn Tage lang befassten; hierzu wurden quasi unlösbare Aufgaben spielerisch aufgelöst, Gespräche und Debatten auf höchstem Niveau und tränen- und spannungsgeladene Gruppendiskussionen geführt, um zu dem Schluss zu gelangen, dass es möglich ist, noch bestehenden Konflikten, unbewältigten Spannungsfeldern, ungelösten Problemen zu trotzen und gemeinsam und solidarisch kreative Wege zu beschreiten, die zu ungeahnter, herzeigbarer Leistung führen können.

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Und so standen sie nur neun Tage nach ihrer ersten Begegnung gemeinsam als Truppe auf der Bühne und es hieß „Vorhang auf“ für die „show4peace“, einmal in Lackenhof, dem winzig kleinen Ort am Ötscher, dessen Gebirgsluft unter mal strahlend blauem, mal Gewitter grollendem Himmel dieser beschwerlichen, aber heilsamen Reise ins eigene und des anderen Innere Rahmen und Kulisse bot. Im Dschungel Theater Wien standen sie dann alle gemeinsam auf einer echten Bühne in einem zum Bersten gefüllten Saal und brachten ihr Publikum mit einer Mischung aus Tanz, Percussion, Erzählkunst und Musik zum Schmunzeln, zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken.

So war peacecamp 2016: ein Zusammenleben mit dem Trauma.

Evelyn Böhmer-Laufer
Juli 2016

Mehr unter: http://2016.peacecamp.net/

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