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Ein vergiftetes Erbe

Die Kölner „Klagemauer“ soll als Schenkung in ein städtisches Kölner Museum aufgenommen werden…

Von Roland Kaufhold
Bild oben: (c) Gerd Buurmann, aufgenommen am 11. April 2015

„Die angebliche Mahnwache des Herrn Herrmann bestand aus agitatorischen Vorwürfen gegen den Staat Israel, den er als einzigen Schuldigen für die Situation im Nahen Osten ausgemacht hatte und den er abgründig in seiner antisemitischen Haltung hasste.“ Ulrich Soénius, Vorsitzender des Kölner Kuratoriums der Stiftung Stadtgedächtnis, protestiert scharf gegen die Neuauflage der als abgeschlossen betrachteten Kontroverse um Walter Herrmanns „Klagemauer“. Ende Juni war Herrmann 77-jährig verstorben.

In dessen letzten Wochen begleitete ihn der katholische Pfarrer Franz Meurer, seit 2002 Kölns erster „alternativer Bürgermeister“. Bei dessen Beisetzung in Meurers Köln-Vingster Kirche wurden auch Teile der „Klagemauer“ ausgestellt. Der Kölner Grünen-MdB Volker Beck protestierte bereits vorab scharf gegen das Vorhaben: Mit der Aufstellung der „Klagemauer“ werde „der Streit über den Tod hinaus wiederbelebt.“

Die Kölner Synagogengemeinde hatte schon vor elf Jahren sehr deutlich gegen die „unerträglichen Hetzparolen gegen Israel“ Stellung bezogen. Abraham Lehrer, Zentralratsvizepräsident  und Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde, berichtete mehrfach von den Anfeindungen und Drohungen, die insbesondere Gemeindemitglieder sowie israelische Besucher Kölns bei der Begegnung mit Walter Herrmann erlebten. „Herr Herrmann hat immer wieder antisemitische Äußerungen verlauten lassen oder entsprechende Tafeln auf der Domplatte präsentiert“, hebt Abraham Lehrer gegenüber der Jüdischen Allgemeinen hervor.

Nun entfaltet Herrmanns antisemitisches Erbe auch posthum ein spaltendes Fortleben. Nach dessen Tod schlug Meurer vor, dessen Sammlung von geschätzt 70.000 Papptafeln dem Kölnischen Stadtmuseum als Schenkung zu überlassen. Der Direktor des Stadtmuseums, Mario Kramp, wollte den Vorschlag nicht ausschlagen: Auch wenn deren Inhalt äußerst problematisch sei seien die Tafeln doch „Teil der Kölner Stadtgeschichte“. Das Historische Archiv der Stadt Köln teilte seine Bereitschaft mit, „nach dem Zufallsprinzip drei Kartons zu übernehmen.“ Die „Klagemauer“ sei nämlich „politisch äußerst fragwürdig, aber ein langjähriger Teil der Kölner Protestkultur“, die in diesem Fall „eine bedenkliche Entwicklung genommen“ habe.

Gegen die Annahme der Schenkung gibt es scharfe Proteste: Die Mehrzahl der Kölner Parteien äußert sich strikt ablehnend: Das Zeug gehört in die Tonne“ (CDU) und Ralf Unna (Grüne), „Antisemitismus und Rassismus gehören auf den Müll“ (SPD). Der Kölner Schriftsteller Peter Finkelgruen zeigt sich „entsetzt“ über diese Geschichtslosigkeit: Vielleicht „unterscheide sich“ dieser Pfarrer „nicht von jenen Jesuiten, die es 1942 in Shanghai ablehnten, mich als Kleinkind vor den Nazis zu schützen.“

Vergleichbar heftig reagiert der Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Grüne): Die Ausstellung der Tafeln als bloßes Zeitzeugnis „wäre eine Zumutung“. Was man im Rahmen des Demonstrationsrechts dulden müsse „muss nicht museal verklärt“ werden. Höchstens unter der „Rubrik Schandfleck“ könne er sich ein Exponat im Museum vorstellen.

Auch die Kölner Synagogengemeinde ist entsetzt über die Fortsetzung dieser Diskussion über Hermanns Tod hinaus. Die Synagogengemeinde lehne „die Annahme der Erbschaft des Herrn Herrmann durch die Stadt Köln“ ab und fordere den Stadtrat auf, „die Annahme zu verweigern.“ Alle Beteiligten seien sich stets einig gewesen, „dass das Auftreten dieses Herrn dem Ansehen der Stadt Köln nur zum Nachteil gereicht hat.“ Wir hoffen, so betont Abraham Lehrer gegenüber der Jüdischen Allgemeinen auf Nachfrage, dass „die Vertreter der demokratischen Parteien aus dem Kölner Rat ihren Aussagen von früher und heute auch das nötige Abstimmungsverhalten folgen lassen.“

Die Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit zeigt sich „erstaunt und erschreckt zugleich“: Herrmanns „feindselige aggressive Hetze“ in ein steuerfinanziertes Museum aufzunehmen sei eine „dramatische Fehlbeurteilung“ ihres kulturellen Auftrages, betont ihr Vorsitzender Professor Jürgen Wilhelm.

Nun ruderte Meurer zurück: „Wenn Walter Herrmann zu Lebzeiten mit seinen Anti-Israel-Parolen vor meiner Kirche gestanden hätte, hätte ich ihn dort weggejagt“. Er sei kein Politiker und kein Archivar, so der sozial engagierte Armen-Pfarrer. Nun schlägt er „einen runden Tisch“ über diese kontroverse Frage vor. Davon sind Soénius, Beck, Lehrer, Finkelgruen und Wilhelm entsetzt: Seit mehr als zehn Jahren sei dies bereits Gegenstand von Öffentlichkeit und Wissenschaft. Das Thema sei durch.

Die antisemitische, über Jahre Hass und Feindseligkeiten evozierende Grundbotschaft der Papptafeln ist unbestritten. Ein solches Erbe gehört eindeutig nicht in das Kölnische Stadtmuseum oder in das Historische Museum. Wenn Teile der „linken“ Kölner Öffentlichkeit vulgären Antisemitismus als legitimen Teil einer Protestkultur betrachten so sollte dieses Erbe wissenschaftlich-archivarisch im Kontext von Forschungen zum ewigen Antisemitismus – von der Nazizeit bis heute – dokumentiert und gegebenenfalls auch exemplarisch ausgestellt werden. Der Ort für solche Forschungen in Köln ist das lokale NS-Museum.

Jürgen Wilhelm betont: Wenn überhaupt ein Museum in Betracht komme, so das städtische NS-Museum EL-DE Haus: Dort wären die Tafeln „in bester Gesellschaft“.

Eine stark gekürzte Version dieses Beitrages ist in der Jüdischen Allgemeinen, 28.7.2016 erschienen. Wir danken für die Nachdruckgenehmigung.