Buchpräsentation_Jüdischer Friedhof

Der Jüdische Friedhof Köln-Bocklemünd

Der Jüdische Friedhof in Köln-Bocklemünd wurde 1918 eröffnet, nahezu gleichzeitig mit dem benachbarten städtischen Westfriedhof. Er ist der größte jüdische Friedhof in Köln und wird bis heute genutzt. Barbara Becker-Jákli hat erstmalig die Geschichte und die damit verbundenen Biografien in ihrem Buch aufgearbeitet. Ein ehrgeiziges Projekt, mit dem sich die Autorin viele Jahre beschäftigt hat. Das Ergebnis: ein Standardwerk, 400 Seiten stark, üppig bebildert und gespickt mit Informationen. Vergangene Woche stellte sie ihr Buch im Gespräch mit Abraham Lehrer von der Synagogen-Gemeinde Köln in der Friedhofshalle vor…

koeln-bocklemuendDas Buch gibt einen Überblick über den ganzen Friedhof– und damit über seine fast hundertjährige Geschichte, die vom ersten auf dem Friedhof angelegten Grab für die im Dezember 1918 verstorbene Fanny Stern bis zu den jüngsten Grabstätten reicht. Rund 100 der insgesamt 6.800 Grabstätten werden vorgestellt. Akribisch hat die Autorin die Geschichten der Familien erforscht, ist nach Israel, in die Niederlande und in die Schweiz gereist und Nachfahren vieler Verstorbener getroffen. Ihnen allen setzt Becker-Jákli mit ihrem beeindruckenden Buch ein Denkmal.

Die Autorin erzählt aber nicht nur von den Bestatteten, sondern auch von deren deportierten Angehörigen oder von Familienmitgliedern, die emigrierten und sich in der Ferne ein neues Leben aufbauen konnten. Sachkundig thematisiert Becker-Jákli auch kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Aspekte des jüdischen Lebens in Köln und erweist sich einmal mehr als Expertin über jüdisches Leben in Köln. Die rund 800 zum großen Teil bisher unveröffentlichte Abbildungen stellen verschiedene Aspekte des Friedhofs und der Grabkultur dar und illustrieren die Biografien eindrücklich.

Der Friedhof Bocklemünd ist nur ein kleines Gelände innerhalb der Stadt Köln, aber an ihm lässt sich die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Kölns und ihrer Stellung innerhalb der Gesamtgesellschaft ablesen.

„Unser Buch ist in erster Linie als Führer über den Friedhof gedacht, aber es kann auch unabhängig von einem realen Friedhofsrundgang als Lesebuch zur Kölner jüdischen Geschichte gelesen werden. Es richtet sich an eine breit gefächerte Leserschaft. Zunächst ganz generell an alle Bürgerinnen und Bürger Kölns, die sich für die Geschichte der Stadt interessieren. Ebenso an alle jüdischen und nichtjüdischen Besucher der Stadt. In besonderer Weise ist es für die Synagogen-Gemeinde Köln, ihre Mitglieder und andere jüdische Kölnerinnen und Kölner gedacht. Das NS-Regime hat mit der Ermordung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung die Kontinuität jüdischer Geschichte zerrissen und die Kontinuität der in Köln lebenden jüdischen Familien zerstört, so dass die heutigen jüdischen Einwohner Kölns kaum direkte Verbindungen oder Erinnerungen an die Generationen vor 1945 haben. Unser Buch möchte zur Überwindung des gewaltsamen Bruchs beitragen, es möchte an die fast verlorene Tradition erinnern und damit Beziehungen zwischen der Zeit der Verfolgung und den Entwicklungen seither sichtbar machen.

Viele Familien von Emigrierten haben eine Verbindung zu Köln. Nachkommen – Kindern, Enkeln und Urenkeln – ist die Herkunft aus Köln bewusst, allerdings häufig nur noch recht vage. Die zahlreichen Angehörigen der Bestatteten, die jedes Jahr aus allen Erdteilen kommen, um die Gräber ihrer Verwandten zu besuchen, zeigen aber, dass diese Beziehung existiert. Der Friedhof ist daher ein Ort, der Verbindungen zur Vergangenheit aufrechterhält und eine Verbindung zum heutigen Köln schaffen kann.“

Aus der Einleitung

Prof. Deganit Stern Schocken, Israel, am Grab ihres Großonkels Willy Stern, 2014
Prof. Deganit Stern Schocken, Israel, am Grab ihres Großonkels Willy Stern, 2014

Barbara Becker-Jákli ist deutschungarischer Herkunft und lebt seit ihrer Kindheit in Köln. Sie promovierte über die Geschichte der Protestanten in Köln und veröffentlichte u.a. zur jüdischen Geschichte. Seit 1988 ist sie als Historikerin am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln tätig.

Barbara Becker-Jákli, Der Jüdische Friedhof Köln-Bocklemünd. Geschichte, Architektur und Biografien. Unter Mitarbeit von Aaron Knappstein, hrausgegeben vom NS-Dokumentationszentrum Köln. Mit ca. 80 Schwarz-Weiß- und Farbabbildungen, Emons Verlag 2016, 392 S., Euro 18,95, Bestellen?