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Erweckungserlebnis im Sommer 1919?

Der Historiker Thomas Weber erklärt sich in seinem Buch „Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde. Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von ‚Mein Kampf’“ die Entwicklung des späteren Diktators zum Antisemiten und Rassisten aus der politischen Verarbeitung des Versailler Vertrages als Erweckungserlebnis. Auch wenn der Autor eng an den historischen Quellen arbeitet, ist er doch allzu sehr auf die Bestätigung seiner Deutung fixiert, was ihn sowohl zu einer einseitigen Darstellung motiviert wie ihn eine Gesamtinterpretation unterlassen lässt…

Rezension von Armin Pfahl-Traughber

Warum wurden ab Ende der 1920er Jahre immer mehr Deutsche Nazis? Diese Frage wird bis heute noch in Öffentlichkeit und Wissenschaft kontrovers diskutiert. Man kann aber auch eine andere und besondere Frage stellen: Warum wurde der Obernazi ein Nazi? Ihr geht der Historiker Thomas Weber, der an der University of Aberdeen lehrt, in seinem Buch „Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde. Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von ‚Mein Kampf’“ nach. Wie der Untertitel schon andeutet, folgt die Rekonstruktion eines Politisierungsprozesses. Denn wie man heute angesichts der Präsenz von Rechtsextremisten sagt „Niemand wird als Neonazi geboren“, gilt dies auch für Hitler selbst. Was machte aus ihm einen fanatischen Antisemiten und Rassisten? Der Autor, der durch sein Buch „Hitlers erster Krieg“ über die Soldatenzeit des späteren Diktators bekannt geworden ist, beschreibt darin dessen Entwicklung von 1918 bis 1926 anhand von historischen Quellen, wobei diese im Lichte des Erkenntnisinteresses und der Problemstellung gedeutet werden.

Bereits in der Einleitung heißt es bei Weber: „Adolf Hitlers Metamorphose zu einem Führer mit festen nationalsozialistischen Überzeugungen begann erst 1919“ (S. 8). Demnach sei er zuvor ein unbeschriebenes politisches Blatt, ja sogar eher dem linken Spektrum zurechenbar gewesen. Somit komme den Jahren in Wien keine Relevanz für Hitlers spätere Entwicklung zu. Die damit einhergehende Auffassung vom „unpolitischen Soldaten“, wie es im Untertitel heißt, betont Weber anhand von akribischen Beschreibungen jener Ereignisse am Ende des Ersten Weltkriegs im Übergang zur Weimarer Republik. Für das Jahr 1918 konstatiert Weber: „Er war ein Suchender, ja Opportunist gewesen, der sich schnell an die neuen revolutionären politischen Gegebenheiten angepasst hatte. In seinem Verhalten hatte nichts Gegenrevolutionäres gelegen“ (S. 29). Der Autor geht aber noch weiter und schreibt: „Hitler stand der SPD nahe …“ (S. 116). Eine später behauptete frühe Abneigung gehe auf eine falsche Deutung des überlieferten Quellenmaterials zurück.

Eine Frontstellung gegenüber der Partei sei erst am 9. Juli 1919 aufgekommen. An diesem Tag ratifizierte Deutschland den Versailler Vertrag, womit das ganze Ausmaß der Kriegsniederlage überdeutlich wurde. Dieses Ereignis hält Weber für das „Damaskuserlebnis“, das fortan Hitler zu einem Nationalsozialisten gemacht habe. Auch sein Antisemitismus sei erst in der Folge der Interpretation dieser Wirkung hervorgetreten. So betont Weber für den Sommer 1920: „Obwohl der Antisemitismus seit dem Sommer 1919 ein fester Bestandteil von Hitlers Weltbild war, hatten sich bisher nur zwei seiner Reden intensiv mit diesem Thema befasst“ (S. 266). Erst danach habe er als Agitator einen antikapitalistischen mit einem rassistischen Antisemitismus kombiniert. Gleichwohl sei damals noch nicht klar gewesen, auf welche Art von Antisemitismus Hitler sich im Sommer 1920 festgelegt habe. Dazu kam es nach Weber erst danach. Der spätere Diktator habe auch zunächst Büchern zur „Rassentheorie“ wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Da Weber eine Fülle von historischen Quellen präsentiert und sich auch mit deren Deutung reflektierend auseinandersetzt, beeindruckt seine Argumentation und Deutung zunächst. Gleichwohl neigt er allzu sehr dazu, die jeweils passenden Aspekte einseitig hervorzuheben. Manchmal wird es dabei auch falsch, so schreibt er über den Grundlagentext der NSDAP von 1920: „Merkwürdigerweise befasste sich das Programm kaum mit Juden“ (S. 247). Der Blick auf den Artikel 4 und die vielen Anspielungen darauf, hätten den Autor aber eigentlich vom Gegenteil überzeugen müssen. Hinzu kommt, dass lediglich historische Details referiert und als Unterstützung gedeutet werden. Eine Gesamteinschätzung fehlt, bricht doch das Buch abrupt nach einem Blick auf das Jahr 1926 mit der Fertigstellung von „Mein Kampf“ ab. Denn dass sich ein so fanatischer Judenhass mit weltanschaulicher Perspektive ohne latente Dispositionen binnen so kurzer Zeit entwickelt, widerspricht den Kenntnissen über Politisierungs- und Radikalisierungsprozesse nicht nur hinsichtlich der Judenfeindschaft.

Thomas Weber, Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde. Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von „Mein Kampf“, Berlin 2016 (Propyläen-Verlag), 528 S.