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Wolfgang Gedeon und die „Protokolle der Weisen von Zion“

Der AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon aus Baden-Württemberg schätzt und verteidigt die antisemitische Fälschung „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Dies macht jedenfalls ein Blick auf zwei seiner früheren Buchveröffentlichungen deutlich. Man darf gespannt sein, wie die Parteiführung auf derartige Hinweise reagiert oder nicht reagiert…

Von Armin Pfahl-Traughber

Die „Protokolle der Weisen von Zion“ dürften die am weitesten verbreitete antisemitische Schrift sein. Der je nach Druckform mal mehr oder weniger als 80 Seiten starke Text legt nahe, dass es sich um Aufzeichnungen einer Geheimkonferenz von Juden handelt, worin Pläne und Strategien zur Erlangung der Weltherrschaft entwickelt wurden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fanden die „Protokolle“ in nahezu allen Ländern der Welt große Verbreitung. Auch die Nationalsozialisten stützten sich in ihrer Propaganda auf den Text. Dabei störte die Anhänger bis in die Gegenwart hinein nicht, dass bereits 1921 eine Artikelserie in der „Times“ die Fälschung dieses „Kronzeugendokuments“ belegt hatte. Greift man zu der von dem französischen Publizisten Maurice Joly 1864 verfassten Schrift „Gespräche in der Unterwelt“ und sieht sich dabei die Machiavelli zugeschriebenen Passagen an, so offenbart sich der Ursprungstext der „Protokolle“. Denn die Fälscher hatten dort abgeschrieben und die Inhalte um antisemitische Textpassagen ergänzt.

Gegenwärtig finden die „Protokollen“ insbesondere bei den Israelhassern im Nahen Osten publizistische Verbreitung. Es gibt aber auch einen Landtagsabgeordneten in Deutschland, der diese Schrift schätzt und verteidigt. Dabei handelt es sich nicht um einen Mandatsträger der NPD, die noch in Mecklenburg-Vorpommern im Parlament sitzt. Gemeint ist vielmehr Wolfgang Gedeon, Jahrgang 1947, ein früherer Arzt für Allgemeinmedizin, der seit März 2016 für die „Alternative für Deutschland“ in Baden-Württemberg im Landtag sitzt. 2009 veröffentlichte er als „W. G. Meister“ die dreibändige Monographie „Christlich-europäische Leitkultur. Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam“ mit über 1.500 Seiten. Dem schloss sich 2012 ein Buch unter seinem eigentlichen Namen mit dem Titel „Der grüne Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten. Eine Kritik des westlichen Zeitgeistes“. Beide Monographien erschienen im kleinen R. G. Fischer-Verlag in Frankfurt/M., der gegen Bezahlung durch die Autoren deren Bücher druckt.

41znF9EOpsL._SX348_BO1,204,203,200_Der zweite Band von „Christlich-europäische Leitkultur“ trägt den Titel „Über Geschichte, Zionismus und Verschwörungspolitik“ und enthält mehrere Abschnitte zu den „Protokollen der Weisen von Zion“. Darin heißt es gleich zu Beginn: „Die Protokolle sind mutmaßlich keine Fälschung“ (S. 466), wobei Gedeon den durch einfachen Textvergleich nachweisbaren Tatbestand des Plagiats leugnet. Er listet im Literaturverzeichnis übrigens weder eine Originalausgabe der „Protokolle“ noch die Schrift von Joly auf. Auch ignoriert er bis auf ein kleines Buch komplett den umangreichen Forschungsstand zum Thema. Dafür schreibt der jetzige AfD-Landtagsabgeordnete: „Ich halte die Beurteilung Fleischhauers … für plausibel. Danach handelt es sich um die Mitschrift einer Geheimtagung …“ (S. 466) Bei der gemeinten Person handelte es sich um Ulrich Fleischhauer, den Leiter des „Weltdienstes“. Diese formal private und unabhängige Einrichtung wurde von Goebbels’ Propagandaministerium bei ihrem judenfeindlichen Wirken finanziell unterstützt.

Aber auch Fleischhauers „Gutachten“ in dieser Frage kennt Gedeon ausweislich des Literaturverzeichnisses seiner Triologie nicht. Er beruft sich bei all seinen Aussagen aus zweiter Hand auf einen Johannes Rothkranz, einen katholischen Fundamentalisten, der durch verschwörungsideologische Publikationen mit antisemitischen Tendenzen bekannt geworden ist. Fleischhauers Auffassung zitiert der heutige AfD-Landtagsabgeordnete auf ganzen vier Seiten aus dessen Schrift. Als Ausdruck seiner Wertschätzung für die „Protokolle“ bemerkt Gedeon: „Wer die Geschichte und Politik der letzten 100 Jahre betrachtet, muss konzedieren, dass viele der in den Protokollen aufgeführten Elemente und Praktiken schon tatsächlich umgesetzt wurden“ (S. 480). Diese Einschätzung kann man kaum anders interpretieren, als dass er von Existenz einer jüdischen Weltverschwörung ausgeht. In seiner Literaturliste finden sich denn auch noch Nachdrucke weiterer verschwörungsideologischer Schriften wie denen von Erich und Mathilde Ludendorff oder von Friedrich Wicht.

Dass es sich bei den erwähnten Ausführungen nicht um einen „Ausrutscher“ handelte, macht das drei Jahre später erschienene Buch „Der grüne Kommunismus“ deutlich. Auch darin gibt es einen kurzen Abschnitt zu den „Protokollen“, worin es heißt: „Es wird aber nirgendwo ersichtlich, dass die Urheber der Protokolle, die auch auf dem Baseler Zionistenkongress von 1897 nicht offen, sondern nur in einer geheimen Parallelveranstaltung aufgetreten sind, in irgendeiner Weise repräsentativ für das jüdische Weltkollektiv wären“ (S. 277f.) Demnach meint Gedeon zunächst, die eigentlich Autoren der „Protokolle“ zu kennen, wofür er aber keinen einzigen Beleg liefert. Sodann differenziert er scheinbar zwischen Juden und Zionisten, spricht aber gleichzeitig von einem „jüdischen Weltkollektiv“, was es nur in der Phantasie von Antisemiten gibt. Außerdem meint Gedeon in diesem Buch, dass es Parallelen zwischen den Ausführungen in den „Protokollen“ zu „Strategie und Taktik und zum Beispiel den politischen Methoden der Brüsseler EU“ (S. 278) geben würde.

Die Ausführungen von Gedeon machen deutlich, dass mit ihm ein Anhänger von antisemitischen Verschwörungsauffassungen im Landtag von Baden-Württemberg sitzt. Denn angesichts des klaren judenfeindlichen Charakters der „Protokolle“ ist eine scheinbare Differenzierung von „Juden“ und „Zionisten“ hier nicht besonders glaubwürdig. Auch der Blick auf andere Ausführungen in den genannten Büchern macht deutlich, dass der AfD-Landtagsabgeordnete von rechtsextremistischen Publikationen zu den unterschiedlichsten Themenfelder geprägt ist. Es gibt etwa in dem erwähnten zweiten Band von „Christlich-europäische Leitkultur“ einen Abschnitt über „Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg“, wo nur „Über den Luftkrieg und den Kriegsverbrecher Winston Churchill“ (S. 206-212) und „Ilja Ehrenburg“ (212-214) als Themen vorkommen. Was darüber hinaus über den Holocaust geschrieben wird, wäre noch eine gesonderte Abhandlung wert. Es ist demnach durchaus interessant, was AfD-Mandatsträger so meinen und schreiben.

Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Politikwissenschaftler und Soziologe, ist hauptamtlich Lehrender an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl und gibt ebendort das „Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung“ heraus.

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