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„Die Deutschen kümmern sich mit großer Vorliebe um die toten Juden“

Anfang Mai erschien das Buch „Gabersee und Attel: Wartesäle zur Emigration ­– Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946–50“. Nicolas Rotter sprach mit dem Autor Jim G. Tobias über sein aktuelles Werk, das Leben entwurzelter Juden und der heutige Umgang mit ihnen…

NICOLAS ROTTER: Anfang des Monats ist Ihr neues Buch mit dem Titel „Gabersee und Attel: Wartesäle zur Emigration“ erschienen. Was ist damit gemeint?

JIM G. TOBIAS: Die Mehrheit der jüdischen Überlebenden des Holocaust wollte natürlich nicht in Deutschland leben, nachdem was passiert war. Die Konzentrationslager hatten nur ganz wenige Juden überlebt. Dennoch gab es nach Kriegsende etwa 200.000 jüdische Überlebende in Deutschland. Sie sind das Resultat einer neuen Flüchtlingswelle, die antisemitische Gewalttaten in Polen hervorbrachte. Diese schwappte Richtung Westen und dann kam es zur irrwitzigen Situation, dass die jüdischen Überlebenden nach Deutschland flüchten mussten. Jedoch wollten die meisten nicht im Land der Täter bleiben. Ihr bevorzugtes Ziel war Palästina, um dort einen eigenen jüdischen Staat zu gründen. Da allerdings die Briten, denen das Mandat für Palästina übertragen worden war, keine jüdische Zuwanderung wollten, war es den Überlebenden nicht möglich dorthin zu ziehen. Daher mussten sie in den sogenannten Displaced Person-Camps in Deutschland ausharren. Zwei dieser Auffanglager befanden sich in der kleinen oberbayerischen Stadt Wasserburg. Das heißt, was ursprünglich als Wartesaal, als kurzer Zwischenaufenthalt, auf der Reise nach Palästina gedacht war, zog sich über Jahre hin.

Wenn ich an Wartesäle denke, habe ich immer die ungemütlichen Räume in den Bahnhöfen von vorgestern vor Augen. War es in diesen DP-Camps denn lebenswert?

Dort konnte sich endlich ein normales Familienleben entwickeln, da es Sicherheit gab und ein Leben in Normalität zustande kam. Es gab sogar in nahezu allen größeren Camps eigene Theaterbühnen mit Stücken in jiddischer Sprache. Das war damals wie Volkstheater, nur literarisch natürlich ein bisschen höher angesiedelt. Darunter waren Stücke wie Yidl mitn Fidl oder Tewje der Milchmann. Daneben gab es durch die amerikanischen Hilfsorganisationen in jedem Camp regelmäßige Filmvorführungen. Dort wurden dann Filme in jiddischer Sprache gezeigt. Aber die DP-Camps brachten auch jiddische Schriftsteller hervor. Man hat sogar versucht, Verlage zu gründen. So gab es eine Anzahl von jiddischen Büchern, die direkt in den Camps gedruckt wurden. Nicht vergessen darf man die Zeitungen. Neben Wochenzeitungen fand man außerdem gewisse Spezialzeitungen, wie zum Beispiel eine Fachzeitschrift mit dem Namen Landwirtschaftlicher Wegweiser. Darin fanden sich dann Tipps zu Feld-, Ackerbau oder Viehzucht.

Spielte denn neben der Kultur und Wirtschaft auch die Politik und Religion eine Rolle im Leben der jüdischen Überlebenden?

Jedes DP-Camp verfügte über eine weitgehende Autonomie. Einmal im Jahr wählten die Bewohner ihre Selbstverwaltung. Die Administration war ähnlich wie eine Gemeinde organisiert. Der Komitee-Vorsitzende übte quasi das Amt eines Bürgermeisters aus, dem zahlreiche Fachreferenten etwa für Arbeit, Kultur, Soziales, Religion oder Medizin zur Seite standen. Es gab politische Theaterstücke und auch Parteizeitungen konnte man finden. Somit entwickelte sich ein politisches Leben, wie es vor der Shoa (Anm.: hebräischer Begriff für den Holocaust) in Osteuropa gegeben hat. Das heißt, es existierten alle politischen Parteien von links nach rechts. Diese konkurrierten miteinander, zum Beispiel um die Sitze in der Selbstverwaltung. Zusätzlich gab es allerdings auch eine Art Religiöse Renaissance. Gleichwohl hatten viele Überlebende einen gewissen Zweifel an der Existenz Gottes. Sie fragten sich: Als wir in Auschwitz waren, wo war da Gott? Dennoch war es für eine nicht übersehbare Minderheit wichtig, ihre Religion wieder ausüben zu können. Sie konnten Synagogen besuchen, koscher essen und ihre männlichen Kinder beschneiden lassen.

Was haben die Bewohner denn in ihrer Freizeit gemacht? Gab es sportliche Aktivitäten?

Die jüdischen DPs hatten eigene Fußball-Ligen gegründet. Das muss man sich so vorstellen, wie die Bundesliga. Es gab eine erste Liga und darunter gab es mehrere Regionalligen. Darüber wurde auch ausführlich berichtet, zum Beispiel in der Jidisze Sport Cajtung, einer Art jüdischer Kicker. Da gab es zum Beispiel die Mannschaft Ichud Landsberg, die man in etwa mit dem FC Bayern München vergleichen konnte. Die kauften von überall die guten Leute, haben immer gewonnen und sind jedes Mal Meister geworden. So fand das Endspiel um die jüdische Fußballmeisterschaft am 29. November 1947 im Grünwalder Stadion in München statt. Das war ein ganz besonderes Datum, weil damals die Vereinten Nationen den Teilungsbeschluss für das britische Mandatsgebiet in Palästina bekannt gaben. Im Stadion waren etwa 5000 Zuschauer, die auch aus weitentfernten Camps mit Bussen angereist waren. Das war nicht einfach, da viele Straßen und auch die Eisenbahnlinien zerstört waren. Gewonnen hat natürlich Ichud Landsberg, welche die Mannschaft aus Frankfurt mit 3:0 abfertigte. In den jüdischen Zeitungen konnte man das alles nachlesen. In der Süddeutschen Zeitung, die damals schon eine Lizenz hatte, war von diesem Großereignis in München jedoch kein Wort zu lesen.

Damals wie heute nimmt die Öffentlichkeit kaum Notiz von diesem Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sollte man mehr darüber erfahren, beispielsweise in den Schulen?

Es ist zwar nur eine Fußnote in der Geschichte, aber wie ich finde, ein sehr wichtiges und interessantes Kapitel. Es zeigt einfach, dass ein jüdischer Neubeginn in Deutschland stattgefunden hat. Vorher hat man die deutschen Juden zu Hunderttausenden umgebracht, etwa 300.000 konnten in die Emigration flüchten und plötzlich lebten dann wieder 200.000 in Deutschland – die meisten stammten jedoch aus Osteuropa. Sie entwickelten Lebensmut, nahmen ihre Geschicke in die Hand und führten ein selbstbestimmtes Leben. Heutzutage meinen es viele Menschen sicherlich nur gut, wenn sie hier und dort einen Stolperstein verlegen und daneben noch einen jüdischen Friedhof instand setzen. Die Deutschen kümmern sich mit großer Vorliebe um die toten Juden. Die können nicht mehr widersprechen. Aber bei meinen Themen geht es um lebendige Juden. Das wird heutzutage kaum thematisiert. Diese Überlebenden waren nicht nur Opfer. Sie hatten Ziele und Wünsche, wollten ihr Leben gestalten und einen Staat aufbauen. Darüber sollte man vielleicht mal nachdenken. „Es war wirklich ein Wunder, dass diese Menschen, die so viel durchgemacht hatten, wieder neuen Lebensmut entwickelt haben“,  erzählte mir eine Zeitzeugin, die jahrelang in den DP-Camps ausharren musste, dann endlich nach Israel einwandern durfte und tatkräftig am Aufbau des Landes mitwirkte. „Das waren diese Skelette, die Sie aus den Filmen kennen.“

Jim G. Tobias / Nicole Grom, Gabersee und Attel: Wartesäle zur Emigration, Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946–50, Antogo Verlag 2016, 174 Seiten, 14,90 €, Bestellen?

Nicolas Rotter (21) studiert Kommunikationwissenschaft an der Universität Salzburg. Im Rahmen seines Studiums beschäftigt er sich hauptsächlich mit dem Thema Journalistik, zunehmend aber auch mit den Problemstellungen der gesellschaftlichen Kommunikation. Neben der Moderation einer kleinen Radiosendung beim ORF Salzburg, veröffentlichte er im Sommer dieses Jahres seinen ersten Kurzfilm als Drehbuchautor und Regisseur.