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Spiel auf Zeit

Reportagen in Text und Bild über NS-Verfolgte und ihre Kämpfe um Anerkennung und Entschädigung…

»Die deutsche Politik muss sich mit den Opfern als Menschen beschäftigen. Wir sind kein Abstraktum«, sagt Argyris Sfountouris, Überlebender des SS-Massakers vom 10. Juni 1944 in Distomo, Griechenland. »Würden Opfer entschädigt, würden sich Kriege nicht mehr lohnen.«

Die Politik der Bundesrepublik gilt in der öffentlichen Wahrnehmung weltweit als Modell einer gelungenen Entschädigung für die Opfer von Kriegsverbrechen und Verfolgung. Tatsächlich hat die Mehrheit der mehr als 20 Millionen NS-Verfolgten nie eine Entschädigung erhalten. Andauernde Auseinandersetzungen zur Verfolgung während des Zweiten Weltkriegs bestimmen weiterhin den Alltag vieler überlebender NS-Verfolgter und prägen die Beziehungen Deutschlands zu anderen Ländern. Das Buch belegt an zahlreichen Beispielen, dass die sogenannte Wiedergutmachung mehr einem Mythos als einem Modell gleicht.

Die letzten überlebenden NS-Verfolgten sterben und es stellt sich die Frage, wie die Erinnerung an ihre Erfahrungen und an die NS-Verbrechen weiterhin lebendig gehalten werden soll. Das Buch soll dazu einen Beitrag leisten und aufzeigen, dass Deutschland eine historische Verantwortung trägt – entgegen aller Schlussstrichdebatten.

SaZ_Einband_rz.inddAn biografischen Beispielen ausgegrenzter NS-Verfolgter, die für unaufgearbeitete Verbrechen, für »offene Rechnungen« der Geschichte stehen, schildern die eindringlichen Reportagen ihre bis heute andauernden Kämpfe um Anerkennung und Entschädigung und wie sie ihre Geschichte durch juristische und politische Arbeit vor dem Vergessen bewahren wollen. Die Perspektive der Verfolgten steht dabei immer im Vordergrund.

Ausführliches Inhaltsverzeichnis als PDF unter diesem Link.

Nina Schulz und Elisabeth Mena Urbitsch: Spiel auf Zeit. NS-Verfolgte und ihre Kämpfe um Anerkennung und Entschädigung. Reportagen in Text und Bild, Assoziation A Verlag 2016, 368 S., Euro 24,00, Bestellen?

Buchpremiere am 26. Mai, 1930, FABRIQUE im Gängeviertel, Valentinskamp 34a, Hamburg

Leseprobe, mit freundlicher Genehmigung von Autoren und Verlag:

Vorwort

Das Unsägliche geht, leise gesagt, übers Land.
Ingeborg Bachmann

»Why don’t you write about fashion? – Warum schreiben Sie nicht über Mode?«, fragte uns Uri Chanoch während eines längeren Telefonats vor unserer Recherchereise nach Israel. Das war 2009. Es ging um die hohe Ablehnungsquote von Ghettorente-Anträgen. Uri Chanoch, selbst Überlebender des Holocaust, hat – neben anderen – das Center of Organizations of Holocaust Survivors in Israel in der Auseinandersetzung um die Renten vertreten. Seine Frage stand am Ende einer Reihe anderer Fragen: »Wer interessiert sich schon dafür? Und können Sie mit solchen Themen Ihren Lebensunterhalt verdienen?« Sie war solidarisch gemeint. Und verwies gleichzeitig darauf, wie wenig Beachtung das Thema in der Öffentlichkeit fand.

Die Ghettorenten bildeten den Auftakt für unsere Beschäftigung mit dem Thema. So entstanden unsere Reportagen. In ihnen schildern ausgegrenzte NS-Verfolgte, wie sie bis heute um Anerkennung und Entschädigung kämpfen.

Dabei war unser Anliegen, die Perspektiven von NS-Verfolgten in den Mittelpunkt zu stellen und ihre politische und juristische Arbeit, ihre Versuche, ihre Geschichten vor dem Vergessen zu bewahren, zu skizzieren. Uns geht es darum, die Vielfalt der Verfolgungsgeschichten und der daraus resultierenden Verletzungen zu dokumentieren. Einen Anspruch auf Vollständigkeit können und wollen wir dabei nicht erheben. Aber mit jeder neuen Begegnung, mit jeder neuen Geschichte kristallisierte sich für uns zunehmend ein Muster heraus: eine Systematik, mit der bestimmte NS-Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit weder anerkannt noch entschädigt werden.

2013 haben wir mit der Arbeit an diesem Buch begonnen, in das Begegnungen eingewoben sind, die bis 2009 zurückdatieren. Wir sind in acht Länder, in persönliche Erinnerungslandschaften und Auseinandersetzungsorte, zu Befreiungsfeierlichkeiten und Gedenkstätten und in Wohnzimmer gereist, um mit den Menschen zu sein.

Wir haben biografische Interviews geführt, in denen Zeit ausschlaggebend war. Nicht nur in ihrer Endlich-, sondern auch in ihrer Großzügigkeit. Die Zeit, die sich unsere Protagonistinnen und Protagonisten für uns genommen haben. Dass wir unsererseits mehr Zeit mitbrachten als nur für einen Kaffee, erstaunte einige unserer Interviewten. In den Details der persönlichen Schilderungen offenbarte sich, wie sich Verfolgungsstrukturen im Alltag und Ausnahmezustand auswirkten und bis heute wirken. So sind Porträts von außergewöhnlichen Menschen entstanden.

Darin spielen die Fotografien eine tragende Rolle und öffnen eine weitere Perspektive, in der die Verfolgten im Vordergrund stehen. Die Fotografien sind inmitten unserer Begegnungen entstanden. Sie porträtieren Überlebende an unterschiedlichen Orten als Protagonisten und Protagonistinnen: als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Aktivistinnen und Aktivisten, Experten und Expertinnen. So bieten die Fotografien eine parallele Erzählung an und sind gleichzeitig eng mit dem Text verwoben.

(…)

Protagonisten und Protagonistinnen

Der Umgang mit Forderungen zu Entschädigungen und Anerkennungen von NS-Unrecht ist immer eine Geschichte des Ein- und des Ausschlusses und mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach wie vor ein umstrittenes politisches Thema. Es geht nicht nur um die Summe der einzelnen juristischen Verfahren, es bleibt ein gesamtgesellschaftliches Verfahren. Eine politische und menschliche Frage und Herausforderung. Es geht um Aktion und gesellschaftliche Rezeption. NS-Verfolgte traten und treten darin als Protagonistinnen und Protagonisten der Geschichte auf. Sie fordern hegemoniale Erinnerungs-, Entschädigungs-, Anerkennungs- und Strafverfolgungspolitiken heraus. Sie fordern die Deutung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft heraus und hinterfragen einen Sprachgebrauch, der oftmals darüber entscheidet, was überhaupt als Leid und wessen Leid wahrgenommen, anerkannt und entschädigt wird. Sie weisen auf Kontinuitäten in der Verfolgung hin. Sie demonstrieren die Vielfältigkeit der Erinnerungen, statt ihre verschiedenen Schicksale in einer kollektiven Identität zu vereinheitlichen.

Argyris Sfountouris, Überlebender des SS-Massakers vom 10. Juni 1944 in Distomo, Griechenland sagt: »Die deutsche Politik muss sich mit den Opfern als Menschen beschäftigen. Wir sind kein Abstraktum.« Am 11. Juni 2010 steht der damals 69-Jährige in der Mittagshitze vor der Deutschen Botschaft in Athen zwischen zwei Transparenten. Auf denen steht: »Keine Staatenimmunität für Nazi-Kriegsverbrechen« und »Sofortige Entschädigung aller griechischen Opfer des Nazismus«. Erwartungen hat Argyris Sfountouris nicht mehr viele. »Deutschlands Schlussstrichmentalität lässt meine Hoffnungen sehr gering ausfallen. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren«, erläutert er und reckt dabei das Kinn gen Himmel. »Ich kann jedenfalls nicht damit leben, nichts zu tun.« Er schließt mit dem Satz: »Würden Opfer entschädigt, würden sich Kriege nicht mehr lohnen.« (Vgl. Kapitel 8.)

»Wehe, mein Vater hatte kein Hasenbrot mitgebracht«, erzählt Elisabeth Bornstein schmunzelnd. »Für seine gewerkschaftliche Arbeit war er viel unterwegs. Wenn er nach Hause kam, interessierten mich sein Hasenbrot und seine Geschichten.« Es ist ein sonniger Augusttag in Berlin 2013. Geschäftig gleiten Züge in den Bahnhof Friedrichstraße ein und aus. Gemächlich tuckern Ausflugsschiffe auf der Spree vorbei. Am Horizont schimmert der Schriftzug der Charité. Der Ausblick begeistert Elisabeth Bornstein. Wenn sie zurückblickt, ist sie jedoch betrübt. »Ich erinnere mich in letzter Zeit so genau. Die Bilder von damals sind ganz deutlich wieder da.« Damals – das ist ihre Jugend im Nationalsozialismus. »Ich bin nicht normal aufgewachsen«, erklärt die 86-Jährige. Ihr Vater Max Rothhand, Gewerkschafter und SPD-Mitglied, wird 1941 im Rahmen des nationalsozialistischen »Euthanasie«-Programms ermordet. »Euthanasie«-Geschädigte leben immer noch mit dem Stigma, das die nationalsozialistische Verfolgung mit sich brachte. Elisabeth Bornstein kämpft bis heute um Anerkennung und Entschädigung. (Vgl. Kapitel 7.)

Auseinandersetzungen

Im Gegensatz zu den Ansichten der Protagonistinnen und Protagonisten sind die wechselnden Bundesregierungen der Meinung, dass die Thematik der Entschädigung für NS-Verbrechen schon lange abgeschlossen sei. Dabei hat die Mehrheit der mehr als 20 Millionen NS-Verfolgten nie eine Entschädigung erhalten. Die Realität rüttelt am Bild einer Bundesrepublik, deren Entschädigung für die Opfer von Kriegsverbrechen und Verfolgung weltweit als Modell gilt. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich dieses Modell eher als Mythos.

Die Auseinandersetzung um Anerkennung und Entschädigung ist von der andauernden politischen und juristischen Arbeit von Überlebenden, Verfolgtenverbänden und politischen Solidaritätsgruppen geprägt, die sich in Tagungen, Demonstrationen, Prozessen, Entschädigungsklagen in- und außerhalb Deutschlands, in Kleinen und Großen Anfragen im Bundestag oder dem Schriftwechsel mit der Bundesregierung und eigenen Publikationen Ausdruck verschafft.

In der Vielfalt der Auseinandersetzungen ist es notwendig, die Stimmen der NS-Verfolgten und Verfolgtenverbände im In- und Ausland wahrzunehmen, zu verstärken, aus der Vereinzelung zu einem gesamtgesellschaftlichen Anliegen zusammenzuführen, ohne sie zu vereinheitlichen. Wir plädieren dafür, sowohl die Entschädigungsfrage zu internationalisieren und somit die Trennung in inländische und ausländische Verfolgte aufzuheben als auch den NS-Verfolgtenbegriff grundsätzlich zu erweitern, jenseits von nationalsozialistisch willkürlich definierten Gruppenzuschreibungen.

All das bedeutet eine neue, grundsätzliche und dynamische Auseinandersetzung mit der Komplexität der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen, ihrer Vielschichtigkeit, ihrer Kontinuitäten, den daraus resultierenden gesellschaftlichen Ausschlüssen von NS-Verfolgten und den daraus resultierenden entschädigungsrechtlichen Konsequenzen. Verfolgung zu verstehen müsste bedeuten sie anzuerkennen. Nicht nur symbolisch und politisch, sondern auch rechtlich und materiell. Denn während es manchmal eine späte, öffentliche Anerkennung gibt, fehlt es häufig an materieller Entschädigung. So enden offizielle moralische Schuldbekenntnisse meistens mit der Abweisung von Entschädigungsansprüchen. Eine Einbettung in größere gesellschaftliche Kampagnen zum Umgang mit NS-Verfolgten vor dem Hintergrund einer transnationalen Perspektive findet nur vereinzelt statt. Das sollte sich ändern.

Die Zeit drängt

Vielleicht ist die Frage der Anerkennung von NS-Verfolgten und ihrer Entschädigung heute nicht mehr in Mode. Unserer Meinung nach gehört sie aber dringend auf die Tagesordnung aktueller Politiken. Die NS-Verfolgten sterben und es stellt sich die Frage, wie Erinnerungen an ihre Erfahrungen und an NS-Verbrechen weiterhin lebendig gehalten werden sollen – insbesondere jene an die ausgegrenzten Opfer. Unser Buch Spiel auf Zeit soll dazu einen Beitrag leisten, die Debatte in eine breitere Öffentlichkeit tragen und unaufgearbeitete Verbrechen, »offene Rechnungen« der Geschichte in die Gegenwart katapultieren. Die Zeit drängt.

(…)

Nina Schulz und Elisabeth Mena Urbitsch: Spiel auf Zeit. NS-Verfolgte und ihre Kämpfe um Anerkennung und Entschädigung. Reportagen in Text und Bild, Assoziation A Verlag 2016, 368 S., Euro 24,00, Bestellen?