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Nur die Ruhe

Neue Koalitionsverhandlungen sowohl mit der Arbeitspartei wie auch mit Avigdor Liebermans Israel Beiteinu erregen derzeit die Gemüter in Israel. Netanyahu versucht damit seine nur hauchdünne Mehrheit in der Knesset zu stabilisieren. Während die Verhandlungen mit der Arbeitspartei scheiterten, scheint sich ein Abkommen mit Lieberman abzuzeichnen. Lieberman soll danach neuer Verteidigungsminister werden. Der bisherige Verteidigungsminister Moshe Ya’alon kam der endgültigen Entscheidung im Geschacher um die Posten zuvor und teilte am Freitag morgen seinen Rücktritt und einen Rückzug aus dem politischen Leben mit…

Ein Kommentar von Yoel Marcus, Haaretz, 20.05.2016
Übersetzung von Daniela Marcus 

Derjenige, der hier die Entscheidungen trifft, ist nicht der Verteidigungsminister, sondern der Premierminister und seine Familienjuwelen – selbst was Themen der Verteidigung angeht. Als Moshe Arens im Büro des Verteidigungsministerium saß und plante, Saddam Husseins Irak zu bombardieren, rief ihn der damalige Premierminister Yitzhak Shamir an und übermittelte ihm die unerfreuliche Nachricht: „Ich bin derjenige, der entscheidet, nicht du.“

Shamir hatte Lehi, eine vorstaatliche Miliz, kommandiert. Arens war Leutnant in der US-amerikanischen Armee. Die brillante Operation wurde abgebrochen.

Arens, der fließend amerikanisches Englisch spricht, ist derjenige, der Benjamin Netanyahu auf den Weg schickte, unser Premierminister zu werden als „Bibi“ gerade dabei war, ein US-amerikanischer Bürger zu werden. Seitdem steckt Netanyahu in uns wie ein Nagel ohne Kopf.

Während seiner Anfänge in der Politik war Avigdor Lieberman Netanyahus rechte und linke Hand – derjenige, der in Habachtstellung stand, wenn der Staatsführer den Raum betrat. Sie tranken zusammen und rauchten gemeinsam kubanische Zigarren. Diese Woche wiederholten sie diesen Brauch zu Ehren der alten Zeiten und der Zukunft, die sie erwartet. Fernseh-Koryphäen nannten dies einen „Überlebensplan“.

Aber warum ist da dieser Druck? Warum die Panik? Wir haben hier eine Demokratie mit all ihren schönen und hässlichen Seiten. Und grundsätzlich gilt, dass wichtige (und unwichtige) Entscheidungen nicht von einem allein getroffen werden.

Nur die Ruhe! Wir werden Ägyptens Assuan-Staudamm nicht bombardieren nur weil Lieberman das zu Zeiten, als er Netanyahu kritisierte, versprochen hat. Der Verteidigungsminister ist nicht allmächtig. In Wirklichkeit entscheidet er weitaus weniger als die meisten Menschen denken.

Benny Begin, Likud-Knessetmitglied und früherer Minister, denkt, Liebermans Ernennung ist verrückt. Warum? Es ist vernünftig anzunehmen, dass Lieberman uns nicht in einen blutigen Krieg wie den ersten Libanonkrieg von 1982, den Begins Vater über uns brachte, verwickeln wird. Auch sind Liebermans Stiefel nicht höher als die des früheren Generalstabschefs und gegenwärtigen Verteidigungsministers Moshe Yaalon, der einst sagte, hohe Stiefel seien nötig, um die Schlangen im Hauptquartier des israelischen Verteidigungsministeriums in Tel Aviv zu überleben. Yaalon merkt gerade, dass die Schlangen in Jerusalem sogar noch giftiger sind.

Es ist wahr, Lieberman versteht nicht wirklich etwas von militärischen Themen. Doch wenn er als Außenminister dienen konnte, warum nicht auch als Verteidigungsminister? Ist er weniger geeignet als Isaac Herzog, unser süßer kleiner Oppositionsführer, der von seiner Parteikollegin Shelly Yachimovitch zum Frühstück verspeist wird?

Bereitet euch also auf das neue Lied über Yaalon vor, der Netanyahu verärgerte, mit Lieberman flirtete und sich vor dem ägyptischen Präsidenten Abdel-Fattah al-Sissi fürchtete. Wie sagte es einst ein früherer Finanzminister, der nicht mehr weiter wusste: Kommt von den Dächern, ihr Verrückten.

Foto: Avigdor Lieberman 2011, (C) Michael Thaidigsmann