Peter-Finkelgruen-2001

Das Flüchtlingskind und der Ochsenfrosch

Peter Finkelgruen – Von Shanghai über Prag und Israel nach Köln. Lebensstationen eines Journalisten und Schriftstellers…

Von Roland Kaufhold

Köln, März 2012: Ein kalter Vor-Frühlingstag. 70 Menschen haben sich auf dem Grünstreifen neben der Straßenbahn versammelt, inmitten des belebten Sülzgürtels. Der Journalist und Schriftsteller Peter Finkelgruen schaufelt Erde auf die gerade eingepflanzte junge Linde, seine Frau Gertrud begießt die Triebe. Rechts und links davon sind am Tag zuvor zwei schwere Steinfindlinge plaziert worden. Einer trägt eine von der Stadt Köln gestiftete Plakette: Dieser Baum wurde anlässlich des 70. Geburtstages von Peter Finkelgruen gepflanzt – „in Erinnerung an seinen im Kleinen Lager Theresienstadt ermordeten Großvater Martin Finkelgrün“. Für ihn hat sich ein Kreis geschlossen: Ein Leben, das 1942 als Flüchtlingskind in Shanghai begann.

Von ihrem gemütlichen Wohnzimmer aus blicken die Finkelgruens nun auf den Baum und den Stein – zugleich ein „Grab“ für seinen 1944 in Theresienstadt ermordeten Großvater.

Als Flüchtlingskind in Shanghai

Peter Finkelgruen wird am 9.3.1942 im Ghetto Shanghai geboren. Dorthin waren seine Mutter und seine Großmutter mit ihm geflohen. Sein Vater Hans Leo ist, in Folge der nationalsozialistischen Verfolgung, kurz nach Peters Geburt verstorben. Shanghai war für viele jüdische Flüchtlinge ein Zufluchtsort. 20.000 Juden flohen in die ihnen unbekannte Stadt, der wohl bekannteste ist Michael Blumenthal, langjährige Leiter des jüdischen Museums von Berlin. Die Flüchtlinge bauen eine kleine Infrastruktur auf, der Psychoanalytiker Adolf Josef Storfer gründet 1939 die Exilzeitschrift „Gelbe Post“. Die Lebenssituation ist von Armut, Kälte und Krankheiten geprägt. Im November 1942 beginnt, unter dem Druck des Deutschen Reiches, die Ghettoisierung der Juden.

Seine Eltern betreiben in Shanghai einen kleinen Laden für Handschuhe und Lederwaren. Einige Erinnerungen sind Finkelgruen geblieben: „Heute ist manches in mir zurückgekommen, wir drei in einem kleinen Zimmer, Gerüche, Laute, fette, große Ratten. Ich habe eine wahnsinnige Rattenphobie.“ Von Shanghai aus schreibt seine schwer kranke Mutter  an die in Palästina lebende Schwester ihres Mannes einen dringlichen Brief: „Ich möchte Euch Peterle nochmals ans Herz legen. Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, dass er dann zu Euch soll.“

Zu Besuch in seiner Geburtsstadt Shanghai – Peter Finkelgruen, Foto: aus einem Film von Dietrich Schubert
Zu Besuch in seiner Geburtsstadt Shanghai – Peter Finkelgruen, Foto: aus einem Film von Dietrich Schubert

Bei seinen jahrelangen Recherchen über seine ihm zuvor weitestgehend unbekannte Kindheit und über die Ermordung seines Großvater Martin – dokumentiert in seinen Büchern Haus Deutschland und Erlkönigs Reich – eignet er sich seine eigene, ihm verborgen gehaltene Lebensgeschichte mühsam an. Ein schwieriges deutsch-jüdisches Erbe, angefüllt mit Ängsten. Als der Filmemacher Dietrich Schubert 1997 den Dokumentarfilm Unterwegs als sicherer Ort über Finkelgruens außergewöhnliche Vita dreht findet ein Teil der Dreharbeiten in  Shanghai statt. Eine aufwühlende Wiederbegegnung. Und soeben ist Peter Finkelgruen von einer Shanghaireise zurückgekehrt, die er gemeinsam mit seinem 25-jährigen Enkelsohn unternommen hat.

Jugend in Prag und Israel

Ende 1946 geht der vierjährige Peter mit seiner Großmutter und seiner schwerkranken Mutter nach Prag. Knapp fünf Jahre lebt er dort, besucht eine Grundschule, eignet sich noch eine neue Sprache an. Schmunzelnd erinnert er sich: „Das waren eigentlich die beinahe einzigen ordentlichen Schuljahre meines Lebens.“

Im kommunistischen Prag weiß Peter nur wenig über Westdeutschland. „West-Deutschland, das hatte ich erfahren, war der Quell alles Bösen. Überhaupt war alles, was westlich war, gefährlich, dunkel und drohend“, erinnert er sich.

Eine prägende Jugend in Israel

Juni 1951 – ein erneute Zäsur. Gemeinsam mit seiner Oma Anna – seine Mutter ist inzwischen verstorben – gehen sie in den ihnen völlig unvertrauten, drei Jahre zuvor gegründeten jungen jüdischen Staat. Einzige Anlaufstation sind die Tante und der Onkel. Peter muss erneut eine neue Sprache lernen, er gerät in immer neue Sprach- und Seelenverwirrungen. Als Anna einmal mit Peter deutsch spricht wird sie von einem Überlebenden der Shoah geschlagen. Deutsch war die Sprache der Massenmörder. Der Neunjährige vermag all dies nicht einzuordnen. Und er hat niemanden, der mit ihm hierüber spricht.

Anfangs leben sie im Kibbuz Kfar Hammakabi. Die Sicherheitszäune im bedrohten Kibbuz lösen in Anna Ängste aus. Nach kurzer Zeit verlassen sie den Kibbuz und ziehen in ein in der Nähe von Haifa gelegenes arabisches Dorf. Von einem Ziegenhirt holt er regelmäßig Milch. Israel, welches er mit 17 Jahren wieder verlassen sollte, bleibt seine prägendste Lebenserfahrung. In Haifa besucht er eine von französischen Patres betriebene Schule. Der Unterricht findet in französisch und arabisch statt: „Ich verstand noch weniger als in Ivrith. Ich wurde krank, bin tagelang abgehauen, kannte Haifa von oben bis unten. Ich ging in Antiquariate statt zur Schule. Jerry-Cotton-Hefte, Zeitschriften wie Stern und Kristall, nach und nach deutsche Bücher. Dann kam ich in ein schottisches Internat. Der anglikanische Pfarrer dort war eine Lichtgestalt für mich, eine Art Vaterersatz. Alle Jungen mochten ihn, und alle mit problematischem Hintergrund. Auf der Schule gab es Christen, Mohammedaner, Juden.“

Ein Leben in Deutschland

Nach dem Abitur ist Peter Finkelgruen in einer schwierigen Lebenssituation: Er hat kein Geld, möchte studieren, was ihm in Israel nicht möglich ist. Er reist nach Deutschland, studiert Soziologie und Geschichte. Dennoch: Seine Ängste im Land der Täter nehmen zu: „Ich hatte Herzklopfen und Ängste, als ich nach Deutschland kam. Ich musste Techniken entwickeln, mich gegen diese Angst zu wappnen. Deutschland war das Land, das mich ausgestoßen hatte, noch ehe ich überhaupt auf der Welt war.“

1963 beginnt er in Köln als Rundfunkredakteur bei der Deutschen Welle. 1979 gibt er gemeinsam mit seinem Freund Henryk M. Broder für 18 Monate die „Freie jüdische Stimme“ heraus – es war das erste unabhängige, linke jüdische Magazin.

Von 1981 bis 1988 dann seine spannendste Zeit: Er wird Israelkorrespondent in Jerusalem. Diese Jahre waren in Israel mit großen Hoffnungen auf einen Friedensprozess erfüllt.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland beginnt seine schwerste Auseinandersetzung: Durch Zufall erfährt er den Namen des Mörders seines Großvaters, Malloth. Dieser lebt gut betucht in einem bayrischen Altersheim. 13 Jahre lang führt er einen Kampf gegen die deutsche Justiz. Eine zermürbende Erfahrung, die er in zwei Büchern dokumentiert. Seinem Kölner Freund Ralph Giordano reißt irgendwann der Geduldsfaden. Als der verantwortliche Staatsanwalt nun Peter Finkelgruen verklagt – und nicht den Mörder – tituliert er diesen öffentlich in der Frankfurter Rundschau als einen „emotionslosen Ochsenfrosch“. Der Staatsanwalt will daraufhin Giordano anklagen – und nicht den Mörder. Peter Finkelgruen erlebt weitere Unterstützung – in Israel: Der Dramatiker Joshua Sobol verfasst 1994 in Israel ein Theaterstück über Finkelgruens einsamen Kampf. Dieser reist mit seiner gesamten Familie zur Uraufführung. 2001 wird Malloth für den Mord doch noch verurteilt.

Ein Kinderbuch

Nach seiner Pensionierung versucht er seine Geschichte an die neue Generation weiterzugeben. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Gertrud Seehaus verfasst er das Kinderbuch Opa und Oma hatten kein Fahrrad. In kindgemäßer Weise erzählen sie hierin über ihre sehr unterschiedlichen Lebenswege.

Das Schicksal der Flüchtlinge, die Zuflucht in Europa suchen, bestürzt ihn. Er fühlt sich ihnen nahe. Die Erinnerungen an seine eigenen Fluchten, der Zufall seines Überlebens in Shanghai, teilt er mit ihnen. Der Blick auf seinen Baum, seinen Gedenkstein, berührt Peter Finkelgruen auch heute noch.

Diese biografische Studie ist zuvor erschienen in der Jüdischen Rundschau, 4.12.2015.