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Eine Wiedererinnerung an Bruno Asch

„Aus der aktiven Politik bin ich nun als Sozialdemokrat ausgeschaltet, aber auch als Jude,“ notiert Bruno Asch im April 1933 in seinem Tagebuch. Wenige Wochen später flieht der 1890 in Posen geborene Wirtschaftswissenschaftler und jüdische Sozialist nach Amsterdam. Dies half Asch, der sich in seiner Studienzeit leidenschaftlich mit zionistischen Themen beschäftigt hatte, nichts: Der bekannte Frankfurter und Berliner Stadtkämmerer nahm sich am 15.5.1940, als die Niederlande vor den Nazis kapitulierte, voller Verzweiflung das Leben. Er wurde nur 49 Jahre alt…

Von Roland Kaufhold

Bruno Asch ist als Industrieller und als Politiker früh erfolgreich. Als national bewusster Deutscher zieht er in den Ersten Weltkrieg. An der Front In Russland begegnet er dem ostgalizischen Judentum. Eine neue Welt entsteht für ihn, die jüdische Frage beschäftigt ihn sehr. Im Juli 1916 notiert der 26-jährige in seinem Tagebuch: „Von den gesandten zionistischen Schriften las ich das Buch von Herzl. (…)  Jedenfalls kommt mir die Wirksamkeit für den Zionismus immer näher. Ich lerne hier eigentlich erst vollkommen fühlen und verstehen, wie eng das Verbundensein zwischen allen Juden ist und bleibt.“

Ende 1918 steht Bruno Asch, für ihn selbst unerwartet, an der Spitze des „Großen Soldatenrants Kowno“. Nach dem Krieg studiert er Wirtschaftswissenschaften, baut in Berlin eine eigene Firma auf. Nebenbei schreibt er als Journalist und engagiert sich bei der USPD, später bei der SPD.

Dann, Bruno Asch ist erst 33 Jahre alt, ergreift er höhere politische Ämter: Von 1923 bis 1925 ist er  Bürgermeister von Höchst, von 1925 bis 1931 Stadtkämmerer in Frankfurt und von 1931 Kämmerer in Berlin. Als Sozialist und Industrieller ist er maßgeblich am Aufbau des sozialen Wohnungsbaus beteiligt.

Unmittelbar nach der Niederlage der Sozialdemokraten und Kommunisten im Frühjahr 1933 wird der 43-Jährige ohne Pensionsanspruch entlassen und emigriert sogleich mit seiner Frau und seinen drei Töchtern nach Amsterdam. „Aus der aktiven Politik bin ich nun als Sozialdemokrat ausgeschaltet, aber auch als Jude“, notiert er.  Für einen „Menschen meiner Abstammung und Vergangenheit“ seien seine Chancen für einen beruflichen Neuanfang „ungünstig“.

Es gelingt ihm dank seiner guten Ausbildung, sich eine neue Existenz als ökonomischer Berater aufzubauen. Er ist seiner neuen demokratischen Heimat dankbar für den Schutz, die Liberalität, und spürt doch die Gefahr. „Ein Verbleib in Deutschland“ sei ihm „unmöglich“ gewesen, „weil ich den Kindern das Aufwachsen in der verlogenen und von maßlosen Ressentiments gegen die Juden erfüllten Atmosphäre des Dritten Reiches ersparen wollte“, bemerkt er. 1935 reisen die Aschs vom Amsterdamer Exil aus für sechs Wochen nach Palästina, besuchen dort Freunde, sind begeistert. Die Emigration wird erwogen, aber immer wieder verworfen. Im Mai 1938 notiert Asch – der seit ihrer Gründung Mitglied der Jewish Agency for Palestine war – in seinem Tagebuch: „Ich habe oft das Empfinden, dass der einzige vernünftige Ausweg, der mir bleibt, die Übersiedlung nach Palästina wäre und meine Bereitwilligkeit, meine Kraft dort öffentlichen Aufgaben zur Verfügung zu stellen.“ Asch bleibt in Amsterdam, seine Lage wird zunehmend prekär. Seine drei Töchter werden glühende Zionisten, jedoch nur seine älteste Tochter Mirjam geht im Juli 1939 nach Palästina – und überlebt als einzige der Familie. Sie trug auch maßgeblich zum Erscheinen dieses Buches über ihren Vater bei.

Ganz selten findet er noch Kraft, sein Tagebuch fortzuführen. Wenn er auch noch innerhalb Europas zu reisen vermag, so nimmt seine Verzweiflung dennoch zu. Im November 1937 notiert er: „Hier schwere geschäftliche Sorgen infolge des großen Börsenkrachs. (…) In Deutschland ganz unübersichtliche Entwicklung. (…) Ständige Verschlechterung des Judenschicksals! Verhaftung von Dr. Elsas. (…) Wohin wird es gehen?“ Immer wieder erwägt er eine Übersiedlung nach Palästina. Er tauscht Briefe mit Freunden in Palästina aus. Dann ist es zu spät. Sein Pass liegt bei einer Behörde zur Verlängerung. Mitte Mai 1940 kapitulieren die Niederlande vor dem übermächtigen Nazireich. Am gleichen Abend nimmt  sich Bruno Asch das Leben. Allein in Amsterdam begehen fast 300 Menschen Selbstmord. Seine Frau, seine zwei Kinder und weitere Verwandte verenden 1943, 1944 in Sobibor und Auschwitz.

aschMit seinem frühen Tod war die Erinnerung an Bruno Asch weitestgehend ausgelöscht. Es erschien nur ein hebräischsprachiger Nachruf – im damaligen Palästina: Im Juni 1940 veröffentlichte die hebräischsprachige Zeitung „Davar“ eine einfühlsame Erinnerung: „Es ist aus Amsterdam eine traurige Nachricht eingetroffen. Bruno Asch hat Hand an sich gelegt. (…) Bruno Asch war schon immer ein Jude mit einem ausgeprägten nationalgesinnten Bewusstsein. Er war ein Förderer und Freund des sich im Aufbau befindlichen Eretz Israel“, hieß es dort.

Verfasst hat diesen Nachruf Aschs Freund und Kollege Perez (Fritz) Naphtali. Naphtali war ein bekannter Wirtschaftswissenschaftler. In den 20er Jahren hatten sie sich in Deutschland kennengelernt, blieben auch nach Naphtalis Einwanderung nach Palästina in Kontakt. Dort wurde Naphtali sehr erfolgreich, leitete Ende der 30er Jahre die Bank Hapoalim und hatte als Sozialist im jungen jüdischen Staat mehrere Ministerämter inne – eine Möglichkeit, die auch Bruno Asch gehabt hätte.

Die Frankfurter Historikerin Helga Krohn hat eine würdevolle Erinnerung an einen weitgehend Vergessenen vorgelegt.

Helga Krohn: Bruno Asch. Sozialist. Kommunalpolitiker. Deutscher Jude 1890-1940. Frankfurt/M.: Brandes & Apsel 2015, 280 S., 22,90 Euro, Bestellen?