haggada

Die erste Pessach-Nacht

Diese Geschichte, die 1902 in der Zeitschrift “Ost und West” erschien, wurde von Berthold Feiwel aus dem Jiddischen übersetzt. Feiwel, der zusammen mit Martin Buber und anderen den Jüdischen Verlag gründete und Werke zahlreicher jüdischer Autoren aus Osteuropa übersetzte, brachte damit dem westjüdischen Publikum genau jene Stimmung nahe, der sich die Zeitschrift verschrieben hatte, eine jüdische Renaissance, die die Erlösung bringen würde …

Die erste Pessach-Nacht

Aus dem Jüdischen des Sch. Rosenfeld übersetzt von Berthold Feiwel
Ost und West Heft 4, 1902

Der Seder ist vorüber.

Pessach-Nacht. Oben in der Stube schlafen, sie schon längst. Das Licht auf meinem Nachttisch ist erloschen. Eine geraume Zeit ist es wohl her, dass die Uhr die dritte Stunde geschlagen hat. Auf der Strasse ist der Widerhall der Schritte erstorben.

Und noch bin ich wach. Hundert schwere Gedanken halten mich gefangen, und unsagbar schmerzliche Gefühle lasten mir auf der Seele. Mein alter Wirt im weissen Sterbekittel, die tote Hagada mit ihren alten, alten Fragen und den verkehrten und ungereimten Antworten, diese Midraschim und Piutim, die unbeholfenen Verse — an das alles muss ich denken und daran, wie diese Dinge so ganz im Widerspruch stehen zum Wesen des Pessach und alle Erinnerungen wecken, nur die nicht, die das Fest der Ueberschreitung wecken müsste.

In der Zeit des Grünens, im jungen Frühling, feiern wir den Geburtstag unseres tausendjährigen Volkes. Wir feiern die Zeit, da die Volksseele den Eispanzer, der sie umschloss, sprengte und lenzhaft erblühte. Wir feiern den Tag, da das Volk, aus tiefster Knechtschaft die Freiheit ersehnend, den vollen Fleischtopf der Fremde von sich warf und Leib und Leben darbot, einen Streifen eigenen Landes sich zu erwerben. Und wir feiern ein Volk, das sein „Heute“ einem ungewissen, weiten „Morgen“ willig opferte und todbereit um der Freiheit willen sich der Meeresflut preisgab….

Wir feiern ?

All das Grosse, Frühlingsfrohe und Schlicht-Natürliche, wie haben wir es doch klein und herbstlich-traurig gemacht und künstlich verzerrt! „Gehirn“ und „Vernunft“ haben die Blüten mit Nachttau vergiftet, über die Schönheit haben sich Golus-Wolken gelagert, das Starke haben wir durch kranke Phantasien gefesselt. Dunst und Rauch, Klügelei und Mystik, – – – was ist von unserem Pessach geblieben!

Gross war unser Volk, da es ein Kind war, heute, da es gross an Jahren ist, ist es zum Kind geworden.

Das grosse Frühlingsfest der Nation begehen sie in Sterbekitteln, und aus dem fröhlichen Geburtstag ist ein Trauertag geworden. Als hiesse es, „Jahrzeit“ zu halten für unser Volk.
Was anderen eine Quelle der Lebensfreudigkeit ist, ist uns ein Born tiefster Schmerzen. Was haben wir von unserem Frühlingsfest‘?

Die Alten haben grosse Sorge damit, dass nur ja kein Bröckelchen des „Gesäuerten“ sich in ein geheimes Winkelchen der Speisekammer verkrieche, dass die „Mazzoth“ nur ja nicht im Wasser erweicht werden, — und noch etwas haben sie vom Pessach: Ihr „Chad-gadjah“. .

Die Jungen? Die stehlen den „Aphikomen“ und erhaschen sich Nüsse. Die Mütter? Auch die haben ihre Sorge: Dass man beileibe nicht ein Gerstenkorn in der Suppe finde und dass die „Pessach-Knödelchen“ wohl geraten. Und die Töchter: Die haben zu Pessach — neue Hüte. Doch was noch, was noch? Leset in der Hagadah: Es sitzen mitsammen Rabbi Akiba, Rabbi Elieser, Rabbi Joschuah und Rabbi Tarphon. Sie sitzen die ganze Nacht und reden wegen der Erlösung ihres Volkes — da es Morgen wird, ruft man sie, — es sei Zeit, beten zu gehen. Und eine andere Menge sitzt da und beschäftigt sich mit Zahlenspielereien. Durch allerhand Kunststückchen gelingt es ihnen, aus den zehn Plagen hundert, aus den hundert zwei¬hundert zu machen. Wie das sie glücklich macht! Rabbi Jehuda ist sogar so zufrieden mit den Plagen, dass er eigene Bezeichnungen für sie ersinnt. Und die „Geulah“, die Erlösung des Volkes? Da ist einer, der genug für sie gethan zu haben glaubt, wenn er sich vorstellt, er sei mit dem Urahn aus Aegypten gezogen. Wahrhaftig, bei soviel Schwärmerei ist auch das „Chad-gadjah“ ein poetisches Kunstwerk – – –

Es war einmal — da fühlte man zu Pessach das Nahen einer köstlichen Zeit: Sieben Wochen frischen Lebens, sieben Wochen froher Arbeit. Freude und Sang auf Feldern und Hängen, unter Gottes reinem Himmel, in der freien Natur.

Jetzt fühlt man am ersten Tage Pessach das Nahen von sieben Trauertagen und sieben Wochen voll Thränen. Man darf um Himmelswillen nicht froh sein, nicht einmal eine fröhliche Miene machen — dazu diese Welt voll Geheimnis, Spekulation und Kabbalistik. Und das Zeichen, das vor einem steht: Für den Tag der Woche, an den der Beginn des Pessach fällt, ist zugleich der Tischa-beab festgesetzt.

Wie weit, wie weit sind wir von der Frische und Kraft des einfachen, schlichten Lebens!

Wir sollen wachsen, wir wollen leben — und man balsamiert uns ein mit „Mizwoth“, mit dumpfer Pietät und kalter Tradition.

* * *

Alles schläft. Hört man irgendein Geräusch, so ist es der schwere Atemzug eines Tod-schläfrigen oder das Rascheln, wenn sich einer von der einen Seite nach der anderen dreht, um bequemer zu liegen.

Alles schläft. Und ich fühle, dass nun die Müdigkeit auch mein Zimmer erfüllt. Doch es ist eine wunderbar süsse Mattigkeit, die mich einschläfert. Mir ist, als zöge ein wonniger Hauch an mir vorüber. Und langsam schliessen sich meine Augen —

Strahlender Lichtschein erfüllt mit einem Male das Zimmer, so stark, dass er meine erstaunten Augen blendet. Und mit dem Leuchten vermengt sich ein köstlicher Duft. Ein wunderbar weiches Wehen streicht mir übers Haar und kost es, wie eine zarte Mädchenhand . . . Nun kann ich die Augen wieder öffnen.

Und sieh: Aus dem schimmernden Licht strahlt ein noch helleres. Das ist ein weisses Antlitz voll unendlicher Güte und doch wieder voll Wehmut. In den schwarzen, seelentiefen, guten Augen brennt ein Feuer, das das Feuer des Geistes ist, der Jugend und doch auch des Schmerzes. Das lichte Antlitz ist prächtig umwallt von schneeweissem Haar.

Und indes die Augen mich still und sanft anblickten, sprach zu mir eine Stimme, die weich und strenge zugleich war:

,,Die alten Bücher haben Stickluft um Dich herum verbreitet und rauben Dir den Atem. Frische, würzige Luft und Frühlingsleben thut Dir not. Was Du fühlst, ist gut — doch Du hast nicht gut verstanden. Willst Du etwas verstehen, so musst Du wissen, warum es ist.

Willst Du in öder Wildnis blühende Pflanzen suchen? Willst Du in Mumien lebendigen Herzschlag hören? Willst Du, dass die Entarteten und Zerrütteten klaren Sinnes seien?

Du verlangst von der jüdischen Hagadah, was im jüdischen Leben nicht zu finden ist. Eine öde Wüstenei ist die Wohnstätte unseres Volkes, und gleich Mumien sind seine Menschen, entartet und zerrüttet.

Doch nicht darin liegt sein Unglück. Sein Unglück ist, dass es seinen Niedergang nicht fühlt, nicht ahnt, wie sehr es herabgekommen ist. , , .

Nicht hier ist der Ort, wo ein wahres Leben des Volkes beginnen kann. Unser Volk wird ein neues Fühlen lernen, wenn es aus der Wüste in sein grünendes Land ziehen wird.

Dann wird sein Leben lebendig sein, dann wird es im jungen Frühling jung sein und in der grossen, schönen Natur selbst ein Stück Natur werden. Mit helJen Augen werden sie die Natur beschauen und ihre starken Herzen werden lernen, sie lieben und in ihr und mit ihr zu leben.

Einst! Doch wann?

Wenn Menschen da wären!

Die Zeit ist gekommen. Die grosse Zeit ist da.

Doch sie ist gekommen für ein Geschlecht von Zwergen.

Lang und finster ist die Nacht.

Die Alten schlafen und die Jungen phantasieren.

Die Alten sind wieTote im Grabe, und ihr Reden ist gleich Stimmen aus Grüften. Die Jungen ziehen herum, versprengt und zerstreut. Auf allen krummen Wegen und gewundenen Pfaden magst Du sie finden.

Und wie könnte es anders sein?

Die Väter erkennen ihre Kinder nicht, die Brüder nicht ihre Schwestern. Wild fremde sind sie untereinander.

Sitzen im Elternhause an einem Tisch, und leben doch in einer ganz anderen lernen Welt. Die Eltern verstehen das nicht. Irrtümlich halten Sie ihre Kinder für solche, „die nicht zu fragen verstehen“. Mit Recht aber halten die Kinder ihre Eltern für die „Naiven“ und schweigen. Beide schweigen.

Mit Ungeduld erwarten die Kinder den Augenblick, wo sie sich von der Enge und Dumpfheit des Elternhauses losreissen können. Ist er da, dann stürzen sie hinaus, nackt und bloss, ohne ein Stückchen Judengefühl und Judengeist mitzunehmen, hinaus in die freie Welt und laufen, laufen, wohin sie ihr Blick leitet.

Fern vom Elternheim, zerbrochen und zerrüttet, seelisch zerrissen und zerzaust, machen die Flüchtigen Halt. Wenn sie dann erfahren, wer sie sind und wo sie sich befinden und dann wieder ihren Schritt zurücklenken zum heimatlichen Haus, und wenn sie nun in die Elternstube Luft und Leben hineintragen und von den alten Wänden der Baracke den Schimmel und die Fäulnis wegwaschen wollen — da fasst die Alten ein entsetzlicher Schrecken und einer um den anderen schreit: „Hakheh es schinow!“ „Mach’ seine Zähne stumpf!“ [Sinngemäße Übersetzung des vorstehenden Zurufes, der dem „Frevler“ gilt.]

Alte Gräber sind die Häuser. Reissen die Kinder die Gräber auf, wecken sie die Toten aus ihrem Schlaf, dann entsteht ein Aufruhr auf dem „Friedhof“. Mit Stimmen, die wie unterirdisch klingen, ruft man den Ruhestörern zu: „Stumpf mögen Eure Zähne werden!“ Und die Friedbofsdiener heben ein wildes Gelächter an, sie treiben und jagen die „Jungen“ und haben immer ein paar schlagfertige Gesellen bereit, die sie gegen sie hetzen. Sie müssen so thun, die Friedhofsdiener. Sie ziehen ja ihr Brot aus den Gräbern.

Die „Naiven“ und „die nicht zu fragen verstehen“, sind jetzt am besten daran: die Diener befehlen, alle sollen gleich fühlen, gleich denken. Noch besser, gar nichts fühlen, gar nichts denken.

Die Eltern verstehen ihre Kinder nicht. Sie wissen nicht, dass nur diejenigen, welche fragen, ihre Kinder sind. Darum schreien sie in unsinnigem Chor: „Mach’ seine Zähne stumpf!“ Als wären es Wildfremde, um die es geht “

Die Stimme verstummte auf einige Augenblicke. Dann klang es wieder, doch mit verstärkter Wehmut: „Einst hab’ auch ich mich vom Geiste des Fluches: „Mach’ seine Zähne stumpf!“ treiben lassen. Ein Fell habe ich um meinen Leib gelegt und die härene Seite des Felles hab’ ich nach aussen gekehrt. Mit einem Ledergurt hab’ ich mich umgürtet, und es war ein Schrecken, mich anzusehen. Mit Donner und Blitz, mit Sturm und Feuer habe ich gewettert gegen meine Gegner. 450 Menschen hab’ ich an einem Tag hinschlachten lassen. Ich war der erste Eiferer. Dann aber hat Gott sich mir offenbart auf eine wunderbare Art. Es sprach zu mir der Ewige: Geh hinaus und stell dich auf den Berg vor den Herrn. Denn siehe: Gott gehet vorüber . . . Und ein grosser und starker Wind, der Berge zerriss und Felsen zersprengte, ging vor dem Ewigen her. Und der Herr war nicht in dem Winde. Und nach dem Winde kam ein Erdbeben. Und der Herr war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer. Und der Herr war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Säuseln. Und im sanften Windeswehen war der Herr …. Und ich fiel auf mein Antlitz. Und ich wendete mein härenes Gewand. Und ich gelobte, sanft und milde zu sein. Doch von dieser Stunde ab irre ich und kann meine Ruhe nicht finden.

Nach meinen Tagen hat der Geist des Eiferns, den ich gelehrt habe, viel fruchtbare Zweige vom jüdischen Baume gerissen und in fremde Gärten geworfen: Acher und Jischai, Ibn Esra und Acosta, Spinoza und Maimon — ob auch das Volk sich nicht scheut, sich ihrer zu rühmen.

Und nicht früher werde ich zur Ruhe kommen, als bis der Geist des Eiferns, der die Gegner verbrennt, erstorben sein wird unter den Juden.

Doch noch lebt er.

Sehr wenig grüne Zweige halten sich auf dem jüdischen Baum, und schneidet man auch die ab, dann muss der Baum endlich verdorren. Und doch — man schneidet und schneidet immerzu, und der Baum ist besät mit schwarzen und roten Flecken.

Und solange das nicht anders wird, muss ich rastlos umherirren!

Zu allen jüdischen Freudenfesten komme ich, um die Wehmut ihrer Freuden zu schlürfen. — Wehmut wird immer genug sein. An jeden Pessachtisch trete ich, um den Trauerbecher, der für mich bereit steht, zu leeren. —

Sie verstehen mich nicht.

Und das wird währen, bis das Lager der „Jungen“ grösser werden wird, bis sie jede Ichsucht bezähmend, sich von allen fremden Feldern und Gärten zusammenscharen und vereinen werden, erfüllt von Milde und Duldung, von Wissen und Glauben, von Treue und Liebe für ihr Volk. Und sich so heimwärts wenden werden, um sanft und milde die Schläfer zu wecken, die Schwachen zu stärken, die Kranken zu heilen, die Mutlosen aufzurichten und lebendigen Geist einzuhauchen den Erstarrten!

Dann will ich noch einmal den Schofar ergreifen, dann will ich zum letztenmale den Flug fliegen von einem Ende der Welt zum andern, und wo nur ein Jude ist, will ich verkünden:

„Der grosse Tag ist da, die Erlösung ist gekommen!“

Eine furchtbare Erregung erfasst mich. Mein Herz klopft in immer stärkeren Schlägen. Immer kürzer und hastiger wird mein Atem. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Meine letzte Kraft nehme ich zusammen, und rufe mit einer Stimme, die nicht die meine ist: Eliahu! — —

Da erwache ich. Alles verschwunden. Schlaf und Stille ringsum. Durchs Fenster aber dringen die ersten reinen Strahlen der jungen Morgensonne.