big_jikeli

„Antisemiten fühlen sich ermutigt durch antisemitische Taten“

Der Historiker Günther Jikeli ist Permanent Fellow am Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam und am Institut Groupe Sociétés, Religions, Laïcités am Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Paris. Zur Zeit lehrt er als Gastprofessor an der Indiana University in den USA. Von 2011 bis 2012 war er Berater zur Bekämpfung von Antisemitismus für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)…

Interview: Karl Pfeifer
Jungle World v. 7. April 2016

Sie haben sich intensiv mit dem Thema Antisemitismus und Muslime auseinandergesetzt. In Frankreich erschien bereits 2002 eine Studie über Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit an Schulen mit einem hohem Anteil muslimischer Schüler. 2012 hat Mohammed Merah in Toulouse in einer Schule jüdische Kinder ermordet. Doch es gab in Frankreich kaum Reaktionen auf Ihren Bericht und kaum öffentliche Empörung wegen des Mordes an den Kindern. Was ist da geschehen?

Es ist erstaunlich, wie lange es gedauert hat, bis Politik und Medien das Thema Antisemitismus seit dem sprunghaften Anstieg im neuen Jahrhundert ernstgenommen haben. Mit dem Thema Antisemitismus und auch Sexismus unter Menschen mit muslimischem Hintergrund tun sich die allermeisten immer noch schwer. Angeblich können Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens diskriminiert werden, nicht antisemitisch sein und schon gar nicht darf es einen spezifisch muslimischen Antisemitismus geben. So werden Gründe gesucht, warum Muslime legitimerweise Juden hassen. Angeführt wird dann der Nahost-Konflikt, der als Grund herhalten soll für Judenhass, der Jüdinnen und Juden in Deutschland trifft. Eine andere Variante ist, die Ursachen für Judenhass in Diskriminierungserfahrungen zu suchen. Doch warum sollte jemand, der von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert wird, deswegen Juden hassen? Das ergibt nur Sinn, wenn in verschwörungstheoretischer Weise die Gesellschaft als von Juden gesteuert gesehen wird und das hieße, Antisemitismus mit Antisemitismus zu erklären. Auch empirisch ist die These nicht haltbar. Gruppen, die besonders von Diskriminierung betroffen sind, beispielsweise Roma, Sinti und Schwarze, zeigen keinen ausgeprägten Antisemitismus.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Ein internationaler Vergleich mag ebenfalls hilfreich sein. Alle der über ein Dutzend Umfragen aus verschiedenen europäischen Ländern, die differenzieren zwischen muslimischer und nichtmuslimischer Bevölkerung, stellen übereinstimmend fest, dass Antisemitismus in der muslimischen Bevölkerung weiter verbreitet ist als in der nichtmuslimischen – und zwar um den Faktor zwei bis fünf, je nach Fragestellung. Dies gilt übrigens auch, wenn man Faktoren wie Einkommen, Bildungshintergrund und Migrationshintergrund herausrechnet. Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen ist ein Problem, aber der Antisemitismus heute kann sicher nicht darauf reduziert werden. Er ist verbreitet in allen Schichten, wie die jüngsten Forschungsarbeiten von Monika Schwarz-Friesel sehr deutlich zeigen. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich heute Jüdinnen und Juden von der allgemeinen Bevölkerung im Stich gelassen fühlen. Antisemitismus von Menschen mit muslimischem Hintergrund wird unter anderem auch deswegen verharmlost, weil einige der Ressentiments geteilt werden, nur werden diese anders geäußert, beispielsweise in einer angeblichen Kritik an Israel, die aber tatsächlich oft einer dämonisierenden Pauschalverurteilung gleichkommt. In Deutschland werden dann am liebsten völlig realitätsferne Nazi-Vergleiche gezogen.

Kann man nach den Anschlägen in Paris vom 13. November 2015 den islamistischen Terror und das Erstarken des Antisemitismus als Reaktion auf den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern sehen, so wie die schwedische Außenministerin Margot Wallström es tat?

Das kann man offensichtlich und es kommt nicht nur in Schweden gut an, Israel oder gleich »den Juden« auch für den Antisemitismus die Schuld zu geben. Man rationalisiert damit aber den irrationalen Antisemitismus und leugnet dann faktisch Antisemitismus. Empirisch zeigt sich, dass es zwar seit Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 einen enormen Anstieg von antisemitischer Gewalt gegeben hat, dass das Niveau dieser Gewalt seitdem aber generell hoch war, auch in Jahren, in denen der Nahost-Konflikt nicht sonderlich akut war. Einen Anstieg hat es auch bei Ausbruch des Irak-Krieges oder nach antisemitischen Anschlägen wie am 11. September 2001 oder den kaltblütigen Morden in Toulouse 2012 gegeben. Antisemiten fühlen sich ermutigt durch antisemitische Taten. Sartre hat das schon richtig erkannt, dass der Antisemit den Tod von Jüdinnen und Juden wünscht. Das mag ein Grund sein, weshalb Hamas und Hizbollah, die sich explizit dem Mord an Jüdinnen und Juden in Israel und aller Welt verschrieben haben, von deutschen Antisemiten von links und rechts wenig kritisiert werden und Verständnis geäußert wird für Selbstmordattentäter und Messerstecher von Zivilisten in Israel.

Dennoch lässt sich ein Zusammenhang feststellen zwischen dem Nahost-Konflikt und Antisemitismus oder genauer, zwischen der Wahrnehmung des Nahost-Konflikts und antisemitischen Taten. Wenn der Nahostkonflikt vor einer antisemitischen Schwarz-weiß-Schablone gesehen wird, dann werden die im Konflikt getöteten Kinder zu absichtlich von »den Israelis« oder »den Juden« ermordeten unschuldigen Kindern. Wer gezielt unschuldige Kinder tötet, muss abgrundtief böse sein. Es ist also kein Wunder, dass Antisemiten durch den so wahrgenommenen Nahost-Konflikt emotionalisiert werden und sich animiert fühlen, zur antisemitischen Tat zu schreiten. Die Verbindungen zwischen Antizionismus und Antisemitismus sind komplex, auch wenn Antizionismus ein deutlicher Hinweis ist, dass antisemitische Ressentiments wahrscheinlich vorhanden sind. Warum sonst sollte man für die Auflösung Israels als jüdischem Staat plädieren und einen potentiellen Genozid an der heute in diesem Staat lebenden Bevölkerung in Kauf nehmen? Das wäre, unter den gegebenen Verhältnissen in den Nachbarstaaten, ein nicht unwahrscheinliches Ergebnis, sollte die israelische Armee aufgelöst werden.

Ariel Muzicant, der Vizepräsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, berichtet, »die jüdische Gemeinde in Malmö, die vor einigen Jahren noch 2 000 Mitglieder hatte, steht heute bei unter 800 und wird sich in den nächsten Jahren auflösen. Eine jüdische Gemeinde kann dort nicht mehr überleben, weil die Stimmung in Malmö durch die muslimische Zuwanderung so antisemitisch ist.«

In der Tat, physische antisemitische Gewalt, zum allergrößten Teil seitens muslimischer junger Männer, hat in Malmö innerhalb kurzer Zeit Ausmaße angenommen, die jüdisches Leben nur versteckt, unter Schutz und unter permanenter Bedrohung möglich machten und zu einer starken Auswanderungen geführt hat. Der ehemalige Bürgermeister von Malmö, Ilmar Reepalu, hat dazu beigetragen, dass der vorhandene Antisemitismus nicht verurteilt und eingedämmt, sondern geleugnet und entschuldigt wird. Antisemiten fühlen sich dadurch ermutigt. 2009 gab es tätliche antisemitische Angriffe seitens muslimischer Migrantinnen und Migranten im Rahmen von Demonstrationen zum Gaza-Konflikt, bei denen eine pogromartige Stimmung herrschte. Ein Jahr danach behauptete Reepalu, es gebe keine antisemitischen Übergriffe in Malmö, und sagte: »wir akzeptieren hier weder Antisemitismus noch Zionismus.« Der jüdischen Gemeinde in Malmö warf er vor, sich nicht genügend von Israel zu distanzieren.

In Ungarn und Polen scheint sich das Rad der Zeit zurückzudrehen. Wie sehen Sie die Lage in Europa?

Jüdinnen und Juden stehen unter Generalverdacht, mit einem dämonisierten Staat zu sympathisieren. Dabei ist es egal, welche politischen Positionen sie vertreten. Sie werden aufgefordert, sich permanent zu rechtfertigen für eine Verbindung, die ihnen unterstellt wird, und sie werden genötigt, sich nicht nur von dem imaginären teuflischen Staat, sondern von dem ganz realen jüdischen Staat zu distanzieren.

In Polen und Ungarn spielte bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion der Antizionismus eine vom Staat verordnete Rolle. Heute ist er marginal und vornehmlich in der ganz extremen Rechten und radikalen Linken zu finden. In beiden Ländern ist der Antisemitismus aber weit verbreitet, auch wenn die Zahl der Jüdinnen und Juden heute verschwindend gering ist. In Polen sind es um die 5 000, in Ungarn etwas mehr als 10 000. Neben traditionellem christlichen Antisemitismus, der insbesondere in Polen noch weit verbreitet ist, zeigt sich der Antisemitismus im Geschichtsrevisionismus, ganz besonders in Ungarn.

Bild oben: Günther Jikeli, Historiker (Foto: Karl Pfeifer)