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Gabersee und Attel: Wartesäle zur Emigration

Die jüdischen Displaced Persons Camps in Wasserburg 1946–50…

Zwischen 1946 und 1950 lebten in Gabersee und Attel (heute zur Stadt Wasserburg gehörig) bis weit über 2.000 Juden aus Polen, Ungarn, Rumänien und der Tschechoslowakei. Dieses Kapitel der lokalen Geschichte wurde bislang nicht wissenschaftlich erforscht und dokumentiert. Die ehemaligen Heil- und Pflegeanstalten Attel und Gabersee, die in das verbrecherische Euthanasieprogramm verstrickt waren, boten sich als Orte der NS-Täter für eine Nutzung durch die Opfer des Nationalsozialismus an, weil diese Einrichtungen über ausreichend Platz und die notwendige Infrastruktur zur Unterbringung von Hunderten Menschen verfügten. Es gab Betten und Zweckräume, wie etwa Großküchen, und die Raumstrukturen eigneten sich zur Massenunterbringung.

Anfangs befanden sich die Juden in einer schwierigen physischen und psychischen Verfassung: „Wir waren aus den Fängen des Todes befreit, hatten keine Todesangst mehr, aber wir waren nicht frei, ohne Angst zu leben“, erinnert sich die jüdische Ärztin und Shoa-Überlebende Hadassah Bimko Rosensaft. Dennoch machten die Überlebenden sehr schnell einen Prozess der emotionalen und kollektiven Rehabilitation durch, die sich in ihrer kulturellen, sozialen und politischen Wiedergeburt manifestierte. Sie begriffen den Aufenthalt in den als „Wartesälen“ aufgefassten Lagern als Fortsetzung ihres Überlebenskampfes. Sie sahen sich nicht nur als Opfer, sondern verstanden sich als Träger eines politischen Willens, der eng mit der Idee eines jüdischen Staates in Palästina verknüpft war.

Die Lager unterstanden zwar offiziell der Verwaltung der UN-Hilfsorganisation United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), doch erlaubte die US-Militärregierung den Bewohnern eine weitgehende Autonomie. Jedes Jahr wählten die Bewohner ihre Selbstverwaltung. Die Administration war ähnlich wie eine Gemeinde organisiert. Der Komitee-Vorsitzende übte quasi das Amt eines Bürgermeisters aus, dem zahlreiche Fachreferenten etwa für Arbeit, Kultur, Soziales, Religion oder Medizin zur Seite standen.

Zionistische Jugendgruppe in Gabersee. Am unteren Bildrand ist zu erkennen, dass der Rasen in Form eines Davidsterns geschnitten wurde. Foto: nurinst-archiv
Zionistische Jugendgruppe in Gabersee. Am unteren Bildrand ist zu erkennen, dass der Rasen in Form eines Davidsterns geschnitten wurde. Foto: nurinst-archiv

Attel und Gabersee verfügten über eigene Bildungseinrichtungen, wie Volksschulen und berufskundliche Lehrgänge. Die Gläubigen konnten endlich wieder nach den Gesetzen ihrer lange Zeit verbotenen Religion leben: Der Lagerrabbiner sorgte dafür, dass eine Synagoge, eine Jeschiwa (Jüdische Religionshochschule), eine Mikwe (Ritualbad) und eine koschere Küche eingerichtet wurden.

Die Freizeit verbrachten die Menschen in der lagereigenen Bibliothek oder im Sportverein, beim Boxen, Tischtennis- oder Fußballspielen. Die Elf von Hakoach Gabersee kickte in der 1. Jüdischen Fußball-Liga in der US-Zone um die Meisterschaft, während Makabi Attel in der 2. Liga, im Bezirk München, etwa mit Bar Kochba Ainring und Hapoel Bad Reichenhall, um den Aufstieg ins Fußballoberhaus wetteiferte.

Im Jahr 1950 schlossen die „Wartesäle“ ihre Pforten. Viele Juden fanden nach Staatsgründung, im Mai 1948, in Israel eine neue Heimat, andere wanderten in die USA, nach Kanada oder Australien aus. Die letzten verbliebenen Bewohner, die aufgrund von körperlichen oder seelischen Erkrankungen keine Emigrationsmöglichkeiten hatten, kamen in noch bestehenden Lagern in Feldafing, Lechfeld und Föhrenwald unter. Föhrenwald existierte bis Februar 1957. Die letzten etwa 800 Bewohner wurden nun auf neun jüdische Gemeinden Deutschlands verteilt, wobei München über die Hälfte der Personen aufnahm.

Um die Geschichte der beiden jüdischen Enklaven in der Stadt Wasserburg erzählen zu können, war es nötig, die Unterlagen der Lager-Verwaltung, die Akten der Militärregierung und der UN-Hilfsorganisationen sowie das Schriftgut der verschiedenen jüdischen Wohlfahrtsverbände auszuwerten. Diese Dokumente befinden sich zumeist in US-amerikanischen Archiven und geben einen wechselvollen Einblick in den facettenreichen Alltag der Shoa-Überlebenden. Nach Auswertung dieser Unterlagen gelang es den Autoren, erstmals die vergessene und verdrängte Geschichte der jüdischen „Wartesäle“ in Wasserburg zu rekonstruieren.

Buchvorstellung mit Michael Kölbl (1. Bürgermeister von Wasserburg am Inn), Jim G. Tobias und Matthias Haupt (Stadtarchivar)

wo: im Sparkassensaal in der Rosenheimer Straße 2 in Wasserburg am Inn
wann: Montag, 02.05.2016, 18.00 Uhr