serloth

„Höchstens, dass man den Juden etwas tut“

Wie Antisemitismus die Zweite Republik mitbegründete…

Rezension von Karl Pfeifer

Barbara Serloth arbeitet im österreichischen Parlament als Politologin und beschreibt – was vielen jungen Österreichern nicht bekannt ist – wie der Antisemitismus die Zweite Republik 1945 mitbegründete. In ihrem Vorwort stellt sie fest, „dass wir in Europa gegenwärtig mit einer Zunahme an antisemitischen Feindseligkeiten und Taten konfrontiert sind.“ Allerdings ist Österreich „weit weniger antisemitisch als zu Beginn der Zweiten Republik“, was auch daran deutlich wird, dass die meisten gebildeten österreichischen Antisemiten von links und rechts in der Regel wissen, wie man heute das Ressentiment kaschiert.

Die Autorin stützt sich auf die stenographischen Protokolle des Nationalrates und auf Sekundärliteratur. Sie bringt nach ihrer Einleitung eine Abhandlung über den Begriff „Antisemitismus“ aus politikwissenschaftlicher Sicht, den die meisten Leser überblättern werden. Es folgt das Kapitel über den Opfermythos Österreich. Interessant ist die Erklärung der „Stunde null“ und „Österreichs Anspruch eines Neubeginns inklusive einer Absolution“. Diese erteilte sich die politische Elite selbst und Serloth erinnert an manche heute peinlich klingenden Aussagen von Politikern, zum Beispiel von Leopold Kunschak (ÖVP), der sich sogar nach 1945 stolz zu seinem Antisemitismus bekannte und Karl Renner (SPÖ), der am 29. August 1945 zur „Nazifrage“ erklärte, „…dass alle diese kleinen Beamten, diese kleinen Bürger und Geschäftsleute bei dem seinerzeitigen Anschluss an die Nazi gar nicht weittragende Absichten gehabt haben – höchstens, dass man den Juden etwas tut – vor allem aber nicht daran gedacht haben, einen Weltkrieg zu provozieren.“

Im Kapitel Staatsvertrag und das (Verschweigen) macht sie einen Exkurs und erwähnt Qualtinger/Merz, Bernhard/Peymann und Ringel. Schade, dass der Skandal Kreisky-Peter gegen Wiesenthal nicht thematisiert wurde und dass sie sich nicht mit Margit Reiters ausgezeichnetem Buch „Unter Antisemitismus-Verdacht/ Die österreichische Linke und Israel nach der Shoah“ (2001) auseinandergesetzt hat.

In ihrem Kapitel über Rückgabe und Rückkehrende hält sie fest, mit welcher Energie und Entschlossenheit die politische Elite, eine restlose Rückgabe und faire Entschädigung verhinderte und dafür sorgte, dass nur ganz wenige Vertriebene zurückkehrten. Serloth dokumentiert, wie die Zweite Republik Juden ausgrenzte und diskriminierte und veröffentlicht dazu auch bisher unbekanntes Material. Bis heute haben ÖVP und SPÖ den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen nach 1945 nicht aufgearbeitet, wenn auch beide Parteien bereit sind, sich gelegentlich mit dem Antisemitismus der anderen Partei zu beschäftigen.

Leider beinhaltet dieses interessante und durchaus lesenswerte Buch kein Personenverzeichnis. Trotzdem ist es ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der Geschichte Österreichs, zu dem hoffentlich viele Leser greifen werden.

Barbara Serloth: Von Opfern, Tätern und jenen dazwischen. Wie Antisemitismus die Zweite Republik mitbegründete, Mandelbaum kritik & utopie, wien 2016, 301 S., Bestellen?

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