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Symbolischer Auftakt

Israelisches Ensemble spielt in türkischem Theaterhaus in Nürnberg für Muslime…

Von Gerhard K. Nagel

Seit mehr als zwei Jahren hat sich in Nürnberg ein sich intensivierender Kontakt zwischen der Begegnungsstätte Medina e.V. und der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg (IKGN) entwickelt. Man besucht sich gegenseitig in Synagoge und Moschee, lernt Religion und Traditionen des je anderen kennen, hatte sich im Juni 2015 an der Radtour „Weg der Religionen“ durch Nürnberg“, welche Moschee, Kirchen und eine Synagoge miteinander verbanden, beteiligt, reiste zusammen im Juli 2015 nach Israel, um Land und Leute zu erleben, Vorurteile zu hinterfragen und abzubauen und feierte im Dezember 2015 ein Interreligiöses Fest.

Wer dachte, nach so viel interessanten Aktivitäten sei kaum noch eine Steigerung möglich, hatte sich gründlich geirrt. Am Sonntag, den 13. März 2016 gab es in Nürnberg ein Highlight, das seinesgleichen sucht. Die Veranstaltung nannte sich „Juden singen für Muslime“. Initiiert wurde sie vom israelischen Generalkonsul Dr. Dan Shaham in einem Telefonat mit dem Sprecher der Begegnungsstätte Medina, Ali-Nihat Koc. Das war 10 Tage vor der dem ins Auge gefassten und auch realisierten Veranstaltungstermin. Nach dem Telefonat kam es wegen des geringen zeitlichen Vorlaufs zu einer regelrechten Blitzaktion. Die IKGN wurde umgehend einbezogen. Die konkrete Organisation vor Ort übernahm die Begegnungsstätte Medina. Das Türkische Kunst-, Kultur- und Theaterhaus Objektif stellte kostenlos den Saal zur Verfügung, Helfer engagierten sich, die Veranstaltung wurde bekannt gemacht. Bei den Veranstaltern herrschte aber, trotz der intensiven Vorbereitungsarbeit, völlige Unsicherheit in Hinsicht auf die Frage, ob es überhaupt gelingen würde, den als zu groß eingeschätzten Saal auch nur näherungsweise  zu füllen…..

Den Kern des trotz des kurzen Vorlaufs sehr gut organisierten Events bildete das israelische Ensemble Faran, das orientalische Musik auf traditionellen iranischen Instrumenten präsentierte. Das Ensemble besteht aus Gad Tidhar (Oud) , Roy Smila (Kamancheh) und Rafael Ben-Zichri (Percussions). Da den Musikern daran liegt, mit ihren Darbietungen einen Beitrag zum friedlichen Miteinander von Juden und Muslimen zu leisten, hatten sie auf eine Gage verzichtet.

Auf meine Frage hin, verdeutlichte Ali-Nihat Koc kurz vor Veranstaltungsbeginn in einem persönlichen Gespräch seine und die Intention der Veranstalter: “Im Saal sind ja nicht nur Muslime, sondern Juden, Christen, Muslime, Andersgläubige. Es ist einfach ein symbolischer Auftakt. Wir wollen zeigen, dass wir Freunde sind, die gemeinsam singen, Freundschaften schließen und auf Reisen gehen können. Ungeachtet der politischen Situation weltweit, wollen wir ein Zeichen setzen: Wir brauchen keine Hetzer, wir brauchen keine Scharfmacher, wie Pegida und AfD. Wir wollen dieses multikulturelle, das bunte Leben hier erhalten und dazu soll diese Veranstaltung heute dienen.”

Die noch vor Beginn der Veranstaltung vorhandene Skepsis, ob der Saal gefüllt werden könnte, verflog rasch. Es kamen immer mehr Besucher. Schließlich hatten sich  überschlägig etwa 330 Interessierte, überwiegend Muslime, darunter sehr viele Flüchtlinge, eingefunden. Die 250 Sitzplätze reichten nicht aus. Viele mussten sich mit einem Stehplatz begnügen.

Der Abend wurde durch Ali-Nihat Koc eröffnet. Er führte unter anderem aus: „Der heutige Tag zeigt, dass die Begegnung, die wir mit der israelitischen Kultusgemeinde begonnen haben, gefruchtet hat. Wir haben eine ganz tolle Freundschaft aufgebaut.” Er bedankte sich bei Generalkonsul Dr. Dan Shaham für die Initiative zu dieser Verranstaltung und für das Sponsoring.

Cemalettin Özdemir, Leiter der Begegnungsstätte Medina bemerkte: “Wir haben wegen der Veranstaltung wieder Kritik bekommen….. Warum der israelische Staat? Ob es mir egal sei, was da vorkommt und so. Ich habe darauf geantwortet: Der israelische Staat ist hier bei uns. Ich möchte auch mal einen arabischen Staat hier sehen und dass wir was zusammen machen.”

Nach Cemalettin Özdemir ergriff der Sprecher der IKGN, Jo-Achim Hamburger das Wort. Er zeigte sich überrascht und erfreut über die hohe Resonanz auf welche die Veranstaltung traf.  Hamburger zitierte die Definition von Toleranz aus dem Duden: Toleranz ist „das Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten“. Er stellte dazu fest: “Unsere Verbindung, die Verbindung von Medina und der Israelitischen Kultusgemeinde ist weit mehr. Sie beruht auf Respekt und Akzeptanz. Beides ist zwischen uns langsam und stetig gewachsen. Wir haben uns kennen gelernt und wer sich kennt, der diskutiert, auch manchmal konträr, aber er hasst nie wieder. Klar, dass wir auch bestimmte Risiken eingegangen sind, z.B. von unseren eigenen Leuten kritisiert zu werden. Um aber im richtigen Moment das Richtige zu tun, sollten wir alle manchmal Risiken eingehen, mehr über unseren eigenen Schatten springen und damit eventuell vorhandene Vorurteile in den Schubladen verschwinden lassen. Wir Juden zögern auch nicht, den Flüchtlingen die Hand  zu reichen. Unser Appell: Ergreift sie. Die heutige Veranstaltung zeigt: Risiken lohnen sich. Wir bedanken uns bei allen Menschen, die dies möglich gemacht haben und vor allem bei unseren Musikern Rafi, Gadi und Roy aus Israel. Viel Vergnügen heute Abend.”

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Danach sprach der Finanzreferent der Stadt Nürnberg,  Harry Riedel, in Vertretung des Oberbürgermeisters Ulrich Maly, der leider verhindert war. Harry Riedel bedanke sich bei Dr. Dan Shaham und den Veranstaltern dafür, dass sie in der sehr kurzen Zeit dem Projekt Leben eingerhaucht haben und “…..für den Dialog und die Freundschaft, die sich (zwischen der Begegnungsstätte Medina und der IKGN) in den letzten Jahren entwickelt hat”. Auch dafür, dass es den Veranstaltern gelungen ist syrische Flüchtlinge anzusprechen und auch zu initiieren, dass von Flüchtlingen das Essen für den Abend zubereitet wurde. Er sagte: es “ist ein starkes Zeichen weit über unsere Stadt hinaus, an einem politisch nicht ganz unwichtigen Abend, das wir heute in Nürnberg setzen, dass Menschen, die noch nicht lange bei uns sind, ganz schnell Teil unserer Gemeinschaft in dieser Stadt sind.”

Nach den Begrüssungen und Statements betrat das Ensemble Faran die Bühne, um ein musikalisches Feuerwerk zu zünden, welches dem Publikum wiederholten Anlass zu Beifallsstürmen gab. Auf gropße Resonanz stieß auch eine interessante Einlage. Der im Saal anwesende syrische Flüchtling Abu Dakka wurde auf die Bühne gebeten und spielte auf dem Oud traditionelle Weisen aus seiner Heimat, in die sich Roy Smila und Rafael Ben-Zichri von Faran musikalisch improvisierend hineinfühlten.

Über die Musik von Faran ließe sich viel schreiben. Aber das wäre blaß gegenüber dem, was der eigene Eindruck zu bieten vermag:

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Nach dem Konzert, von etwa 75 Minuten Dauer wurden den Gästen die von syrischen Flüchtlingen zubereiteten Köstlichkeiten kredenzt.

Unter den Gästen des Abends befanden sich unter anderem Generalkonsul Dr. Dan Shaham, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Rudi Ceslanski, sowie  der Vositzende der Deutsch Israelischen Gesellschaft Mittelfranken, André Freud.

Auf meine Bitte nach einer kleinen zusammenfassenden Einschätzung des Abends äußerte Jo-Achim Hamburger: “Ich denke, wir haben heute mir diesem Konzert Israelis auf der Bühne spielen für Muslime ein Zeichen gesetzt für Tolereanz, Akzeptanz, Miteinander und das sind die einzigen Wege, die man gehen kann, in einem Land, wo so viel Hass, Neid, Missgunst und Unverständnis herrscht im Moment.” Ob und wie die jüdisch-muslimische Zusammenarbeit in Nürnberg weiter gehen werde, hakte ich nach. Darauf Hamburger mit verschmitztem Lächeln: “Ich hoffe, dass es weiter geht. Es gibt auch Überlegungen, wie es weitergeht. Die kann ich aber im Moment noch nicht sagen. Die sind noch so geheim, dass wir selber noch nicht konkret wissen, wie das aussieht.”

Ich wünsche mir, dass die kleinen Geheimnisse bald in das Licht der Öffentlichkeit treten werden und dass sie genauso erfolgreich sein werden, wie die alten, die den Weg schon zurück gelegt haben.

Text und Fotos: © Gerhard K. Nagel