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Zum fünften Jahrestag der Atomkatastrophe von Fukushima

Der ehemalige japanische Regierungschef Naoto Kan hat ein Buch über seine schlimmsten Erlebnisse im Amt verfasst. Es trägt den Titel „Als Premierminister während der Fukushima-Krise“, erschien Ende letzten Jahres in deutscher Übersetzung und ist besonders den Entscheidungsträgern in Politik, Verwaltung und Wirtschaft zur Lektüre zu empfehlen…

Von Detlef zum Winkel

Auf 150 Seiten erhalten sie seltene Einblicke in das, was einem passieren kann, wenn man das Pech hat, während eines Atomunfalls einen verantwortlichen Posten zu bekleiden. Kan fühlt sich verpflichtet, sein Regierungshandeln vom März 2011 zu protokollieren; daraus ergibt sich beinah von selbst, warum er heute ein prominenter Atomkraftgegner ist und für erneuerbare Energien wirbt. Seine politischen Widersacher, allen voran der aktuelle Premier Shinzo Abe, unterstellen ihm, er wolle sich nachträglich rechtfertigen und seine eigene Rolle in ein günstiges Licht rücken. Das mag schon sein – aber das Buch ist kein Beleg für diese Behauptung. Es zeugt von einem Mann, der noch heute von der schweren Last seiner Erkenntnis niedergedrückt wird, dass Japan seine weitere Existenz nur einigen glücklichen Umständen verdankt.

Mit dieser Botschaft reist Naoto Kan durch die Lande, hält Vorträge, besucht Konferenzen, gibt Interviews oder gesellt sich zu den Demonstranten vor den Werkstoren, wenn in Japan ein Atomkraftwerk wieder hochgefahren wird. Seinen Zuhörern stockt der Atem, wenn er berichtet, dass er damals kurz davor gestanden habe, eine Evakuierung des Großraums Tokio mit 50 Millionen Einwohnern vorbereiten zu lassen. Das wäre der Zusammenbruch Japans gewesen, erklärt Kan, und man hat nicht den Eindruck, dass er nach Effekten hascht. Zwei Extremsituationen habe es in der Woche nach dem Erdbeben und dem Tsunami gegeben, in denen aus seiner Sicht das Schicksal des gesamten Landes auf dem Spiel stand. Dabei geht es einmal um den Block 2 der insgesamt sechs Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima I. In diesem Meiler fiel die bis dahin halbwegs funktionierende Notkühlung am Mittag des 14. März aus, möglicherweise in Folge von Schäden, die eine Explosion im benachbarten Block 3 verursachte. Der Reaktor erhitzte sich unaufhaltsam und verlor immer mehr Kühlmittel, bis die Brennelemente gegen Abend freigelegt waren und eine Kernschmelze einsetzte, der gleiche Prozess, der in den Reaktoren 1 und 3 an den Vortagen passiert war.  Gleichzeitig stieg der Druck im Reaktorsicherheitsbehälter immer mehr an, um bis Mitternacht einen dramatischen Höchstwert zu erreichen.

Bei den Reaktoren 1 und 3 hatte man darauf mit einem sogenannten „Venting“ reagiert, d.h. man hatte Sicherheitsventile geöffnet, um Wasserdampf und heiße Gase aus dem Reaktorinneren abzuleiten. Das Verfahren war schon 1979 beim GAU des Reaktors „Three Mile Island“ in Harrisburg, Pennsylvania, angewandt worden. Eine Wasserstoffexplosion war damals die Folge, und genauso passierte es in Fukushima. Am 12. und 14. März zerstörten Explosionen, die im TV zu sehen waren, die Gebäude der Reaktoren 1 und 3. Dabei kam es zu massiven Freisetzungen von Radioaktivität. Trotzdem gingen die Werksleitung und das Krisenmanagement davon aus, dass sich die Explosionen in dem Raum zwischen dem Containement und den Außenwänden des Reaktorgebäudes ereignet hätten – also nicht im Inneren des Containements -, so dass der Sicherheitsbehälter nicht allzu stark beschädigt und der größte Teil des radioaktiven Inventars noch darin enthalten wäre. Doch im Reaktor 2 gelang das Venting nicht. Dort klemmten die Ventile oder schlossen sich nach Öffnungsversuchen sofort wieder von selbst. Eine Druckentlastung war nicht möglich, der Reaktor drohte zu explodieren. Dann hätte er sein gesamtes Inventar in die Umgebung geschleudert.

In den frühen Morgenstunden des 15. März ereignete sich schließlich ein dumpfer Schlag in den tief gelegenen Bereichen des Reaktors 2, dort wo mit einer sogenannten Kondensationskammer eigentlich eine Systemkomponente vorhanden ist, die eine Druckentlastung ermöglichen soll. Der Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben. Danach stieg die Radioaktivität auf dem Kraftwerksgelände steil an, mit einem tödlichen Maximum am Untergeschoss von Reaktor 2, aber der Druck im Containement ging auf ungefährliche Werte zurück. Naoto Kan kann sich das Geschehen nicht erklären, aber über „das Loch“ in der Kondensationskammer ist er so froh, dass er es beinahe als göttliche Fügung ansieht. Dabei bedeutet eine Durchlöcherung des Containements das Ende seiner Schutzfunktion. Alle seitdem unternommenen Kühlungen des Reaktors hatten zur Folge, dass das eingespritzte Wasser radioaktiv kontaminiert in den Keller floss, um sich von dort allmählich weiter zu verteilen.

Das nächste Verhängnis, dem Japan nach Kans Sicht gerade noch entgehen konnte, begann kurz nach der Explosion in Block 2 des Kernkraftwerks. Auch in Block 4 ereignete sich nämlich eine Explosion mit einem anschließenden, ca. anderthalb Stunden dauernden Brand im Obergeschoss. Dieser Reaktor befand sich in Wartung; der Core war entladen, seine Brennelemente lagerten zusammen mit älteren Beständen im Abklingbecken. Entsprechend dem Design des in Fukushima eingesetzten Reaktortyps, eines Siedewasserreaktors, befinden sich die Abklingbecken im Obergeschoss des Reaktorgebäudes. Das bedeutete, dass ca. 1.300 hochradioaktive Brennelemente außerhalb des Containements lagen und nur durch das Dach und die Außenwände des Gebäudes von der Umwelt getrennt waren. Die anfängliche Beruhigung, dass wenigstens dieser Reaktor außer Betrieb war, wich einer umso stärkeren Alarmierung, als man sich klarmachte, dass hier ein Vielfaches des radioaktiven Inventars der anderen Reaktoren ungeschützt lagerte und sich langsam, aber unaufhörlich erhitzte. Denn auch an dieser Stelle war die Kühlung ausgefallen.

Der Brand, der das Obergeschoss von Reaktor 4 massiv beschädigte, legte die Vermutung nahe, dass die Brennelemente nicht mehr mit Wasser bedeckt waren, platzen könnten und weitere Explosionen verursachen würden. Spezialisten der US-amerikanischen Atomaufsicht NRC, die zur Unterstützung vor Ort eingetroffen waren, befürchteten eine gewaltige Freisetzung von Strahlung mit bis zu 200.000 Toten; Japan könne in zwei Hälften geteilt werden mit einem 50 km breiten Korridor dazwischen, der wegen der starken Strahlung auf Jahrzehnte hinaus nicht mehr zu betreten wäre. Die US-Berater drängten auf sofortige Maßnahmen, um das Abklingbecken behelfsmäßig zu kühlen. Doch das war nicht möglich. Radioaktive Trümmer in Folge der Wasserstoffexplosion im benachbarten Reaktor 3 versperrten den Zugang zu Reaktor 4. Wasserabwürfe per Hubschrauber verfehlten ihr Ziel. Es dauerte fünf weitere Tage, bis es gelang, Militärfahrzeuge so dicht an den Reaktor 4 zu bringen, dass ihr Löschwasser das Abklingbecken erreichte.

Anfang Mai aufgenommene Bilder zeigten das Abklingbecken und seine Brennelemente jedoch weitgehend intakt. Den überraschend glimpflichen Befund erklärt Naoto Kan mit einem weiteren glücklichen Umstand. Aus dem benachbarten Lagerbecken für unbenutzte Brennelemente sei über eine Rohrverbindung Wasser nachgeflossen, das die Verdampfungsverluste eine Zeitlang ersetzten konnte. Deshalb sei das Abklingbecken in den neun Tagen ohne Kühlung nicht ausgetrocknet.

Das Protokoll des ehemaligen Ministerpräsidenten endet mit dem 20. März. Da war die Halbwertszeit des öffentlichen Interesses auch schon überschritten. Irgendwann hält man die permanenten Katastrophenmeldungen nicht mehr aus und irgendwann kann man die immer gleichen Wiederholungen des gleichen Tatbestandes nicht mehr ertragen. Denn nach einiger Zeit hatte das „Atomdorf“, so Kans Bezeichnung der mächtigen japanischen Nuklearlobby, die Berichterstattung wieder im Griff. Es passierte offenbar auch nichts Neues. Die Situation schien sich zu stabilisieren. Das ist ein gravierender Irrtum.

In der letzten Märzwoche wurde man sich über die extrem hohe Belastung des Wassers bewußt, das sich in Folge der Kühlanstrengungen in den Turbinengebäuden der Reaktoren angesammelt hatte. Anfang April pumpte Tepco rund 10.000 Tonnen mit einer Gesamtaktivität von 150 Milliarden Bequerel ins Meer. China, Russland und Südkorea legten offiziell Protest ein. Einige Experten haben Auswertungen vorgelegt, wonach im April und Mai mehr Radioaktivität freigesetzt wurde als in den dramatischen Märztagen mit ihren Explosionen und Bränden. Schließlich wurde im August 2013 bekannt, dass die ganzen zwei Jahre über kontinuierlich radioaktiv kontaminiertes Wasser in den Ozean floss…

Ende 2011 – Naoto Kan war schon zum Rücktritt gezwungen worden – vernahm eine von der Regierung berufene unabhängige Untersuchungskommission 456 Personen, die an der Krise und ihrer Bewältigung beteiligt waren, vor allem Arbeiter und Angestellte, die in Fukushima eingesetzt waren. Gespräche mit einer Gesamtdauer von 700 Stunden wurden aufgezeichnet – eine einzigartige Gelegenheit der Aufarbeitung. Die Kommission verfasste einen kritischen Bericht ohne besonders aufregende Neuigkeiten. Die Transkripte behielt die Regierung unter Verschluß. Nachdem im Sommer 2014 einige Dokumente der Presse zugespielt worden waren, gab es eine teilweise Freigabe. Alle Aussagen, die die nationale Sicherheit Japans oder Belange Dritter betreffen, bleiben weiter unter Verschluß. Schon im Vorjahr hatte Premier Shinzo Abe eine Lex Fukushima durchs Parlament gebracht. Der „Verrat von Staatsgeheimnissen“ steht nun unter hoher Strafandrohung.

Zum 5. Jahrestag hat das Atomdorf einen Manga-Film lanciert, in dem Kinder die Trümmer von 3/11 bunt anmalen: irgendwie rührend. Es erinnert daran, wie die Reaktorruinen von Fukushima vor ihrer Zerstörung aussahen: sie hatten eine bunte Verkleidung mit einem weißen Wolkenmuster vor himmelblauem Hintergrund. Auf den Bildern, die um die Welt gingen und das Werk wie nach einem Bombenangriff zeigten, waren die teils zerfetzten, teils herunterhängenden weiß-blauen Fassadenteile noch deutlich zu erkennen.

Naoto Kan, „Als Premierminister während der Fukushima-Krise“, Übers. Frank Rövekamp, Iudicium Verlag, München, 2015

Foto: The Fukushima I Nuclear Power Plant after the 2011 Tōhoku earthquake and tsunami, (c) Earthquake and Tsunami damage-Dai Ichi Power Plant, Japan