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Eine jüdische Biographie zwischen Orient und Okzident

Das Leben des 1810 im böhmischen Chrast geborenen und 1894 in Wien verstorbenen Ludwig August Frankl war ungeheuer vielfältig und gerade vor dem zeithistorischen Hintergrund des 19. Jahrhunderts, das seine Lebensspanne nahezu vollständig umfasst, spannend und aufschlussreich. Er gehörte zur ersten Generation akademisch gebildeter Juden in der Habsburger Monarchie. Als Akteur der Revolution von 1848 blieb er vor allem als Autor des Gedichts „Die Universität“, das gewissermaßen als Hymne der Revolution gehandelt wurde, im Gedächtnis der Nachwelt erhalten…

Rezension von Monika Halbinger

Biographisch war die Revolution insofern für Frankl bedeutsam, als er nicht mehr – wie in Zeit des Neoabsolutismus – als böhmischer Jude von der Ausweisung bedroht war. Und so nahm er auch ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts im Wiener Geistes- und Kulturleben eine exponierte Rolle ein, vor allem als Literat und Zeitungsherausgeber. Er zählte zu den herausragenden Persönlichkeiten seiner Zeit, war umfassend gebildet und sah sich als Kosmopolit den Werten der Aufklärung und Toleranz verbunden. Für jüdische Belange setzte er sich vor allem in seiner Position als Sekretär der Wiener Judenschaft bzw. der Wiener jüdischen Gemeinde ein. Seine Reise nach Jerusalem im Jahre 1856 – im Zuge seiner vielfältigen philanthropischen Aktivitäten – und die literarische Verarbeitung derselben bescherten ihm den Ruf eines Orientexperten. Für seine vielfältigen Verdienste verlieh ihm Kaiser Franz Joseph I. den „Orden der Eisernen Krone“ und erhob ihn in den erblichen Adelsstand mit dem Prädikat „von Hochwart“.

Vorliegende, von Louise Hecht herausgegebene Biographie geht zurück auf eine Konferenz, die anlässlich des 200. Geburtstags Ludwig August Frankls im Dezember 2010 vom Kurt-und-Ursula-Schubert-Zentrum for Jewish Studies und dem Lehrstuhl für Germanistik der Palacký  Universität in Olomouc unter der Schirmherrschaft der Israelischen Botschaft in der Tschechischen Republik veranstaltet wurde.

Der Begriff „Biographie“ mag hier für manchen ein wenig irreführend erscheinen, analysieren doch gleich 15 AutorInnen Frankls Lebenswerk an den Schnittstellen seiner mannigfaltigen Mehrfachidentitäten. Dazu werden sozial- und ideengeschichtliche, aber auch literatur- und kulturgeschichtliche Methoden kombiniert, um – wie Louise Hecht es in der Einleitung beschreibt – eine „polyphone Biographie zu erschaffen, in der Frankls historisches Leben und Wirken mit dem Bild kontrastiert wird, das er selbst hinterließ“ (S. 45). Mit der thematischen Strukturierung der kollektiv verfassten Biographie, die keine durchgehende Chronologie aufweist, soll zudem betont werden, „dass Biographien keinen kohärenten Zusammenhang, keine Linearität besitzen (müssen).“ (Ebd.) Ein Ansatz, der durchaus überzeugt, da er stärker auch die einer jeden Biographie inhärenten Gegensätze und Widersprüche betont und auch nicht der Gefahr erliegt, das Leben des Protagonisten als Entwicklungsroman zu konzipieren. Gleichwohl können so aber auch nur bestimmte Aspekte, dafür aber sehr vertiefend, aus Frankls Leben behandelt werden, während andere nur angedeutet bleiben. Das Buch wird mit einer biographischen Zeittafel, dem Stammbaum der Familie Frankl und einer chronologischen Auswahlbibliographie Frankls neben Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Personenregister komplettiert. 50 Abbildungen illustrieren das wechselvolle Leben Frankls, der sich immer als gesamtösterreichischer Patriot verstand, eindrucksvoll.

Im ersten Themenblock, der sich der biographischen Welt Frankls widmet, beschreibt Dieter J. Hecht die Rolle des familiären Frauennetzwerks im Leben von Frankl, das seine Karriere als Schriftsteller enorm förderte, was in der bisherigen Forschung aber kaum Beachtung fand. Georg Gaugusch zeigt die Genealogie des vermutlich aus Fürth stammenden Zweigs der Familie Frankl auf, dem Ludwig August Frankl angehörte.

Der zweite Themenblock verhandelt die öffentliche Welt des Ludwig August Frankl, sein Engagement in der Literatur wie auch in der Revolution von 1848.

Gertraud Marinelli-König zählt Frankl, der ab 1828 mit der Veröffentlichung von Kurztexten begann, „zu den einflussreichsten Persönlichkeiten des vormärzlichen Wiens“ (S. 220). Sein 1832 erschienenes Habsburglied, ein Gedichtzyklus über das Herrscherhaus, zeuge von „Mut und Geschick“ (Ebd.) und trug ihm große Popularität ein. In der Folge erschienen weitere patriotische Balladen, später bearbeitete Frankl auch orientalische Themen und es erschienen Gedichte wie „Die Sprüche des Koran“ (1834). Ab den 1840er Jahren wandte er sich auch zunehmend journalistischen Gebrauchstexten wie z.B. Porträtskizzen, Betrachtungen, Rezensionen und Theaterkritiken zu. In seinen ab Neujahr 1842 als eigene Wochenschrift verlegten „Sonntagsblättern“ erschienen nicht nur Frankls Weggefährten, mit denen ihn das Engagement für die deutsche Kultur, aber auch der Einsatz für Pressefreiheit verband, sondern auch jüngere böhmische Autoren, für die er sich gewissermaßen als Mäzen einsetzte. So hatte er enge Kontakte zu böhmischen Dichtern (z.B. Moritz Hartmann, Sigmund Engländer, Siegfried Kapper, und Leopold Kompert). Ganz im Geiste der „vaterländischen Ideologie“ pflegte er ebenso Kontakte zu den Wiener Serben, wie Marinelli-König ausführt.

Auch Musik spielte in den Sonntagsblättern wie auch in Frankls Leben eine nicht unbedeutende Rolle, was zwei Aufsätze thematisieren. Stefan Schmidl widmet sich den Vertonungen von Frankls Gedichten, hier vor allem der „Universität“, die aber durch die Niederschlagung der Revolution keinen dauerhaften Platz im öffentlichen Bewusstsein einnehmen konnte. Barbara Boisits betont die Bedeutung der Sonntagsblätter für die Entwicklung einer ernsthaften Musikkritik in Wien.

Von 1842 bis März 1848 waren die Sonntagsblätter vorwiegend eine kulturelle Zeitschrift. Mit Ausbruch der Revolution verwandelte Frankl sie in ein kulturelles und politisches Organ, das für Pressefreiheit, Demokratie und Emanzipation der Juden kämpfte. Ernst Wangermann, der in seinem Beitrag die Bedeutung Frankls in der Revolution von 1848 untersucht, hebt Frankls Anliegen hervor, die verschiedenen Völker des Habsburgerreiches einander näher zu bringen, was sich schon in den Ausführungen von Gertraud Marinelli-König zeigte. Frankls Interesse und Engagement für die nicht-deutschsprachigen Völker der Monarchie brachte ihm gar den Vorwurf der Augsburger Allgemeinen ein, er huldige dem „Slavismus“. Laut Wangermann stand Frankl unbeirrt auf Seiten der Revolution, die für ihn ein möglicher Weg war, das Habsburgerreich in eine konstitutionell-demokratische Monarchie überzuführen.

Aus dem literarischen Kanon der österreichischen Literatur ist Frankl heute verschwunden. Jörg Krappmann kreiert für ihn den Terminus des „Mitgenannten“ und reiht ihn so innerhalb der Forschung zur literaturgeschichtlichen Marginalisierung von Autoren der deutschböhmischen bzw. deutschmährischen Literatur neben die Kategorien der Vernachlässigten, Vergessenen und Verschollenen. Frankls literarisches Werk stehe „zwischen biedermeierlicher Weltschmerzdichtung und revolutionärem Vormärz“ (S.135), was die Rolle als Mitgenannter erkläre.

Laut Václav Petrbok gehört Ludwig August Frankl „zu jenen Personen […], die man am ehesten ‚Österreicher böhmischer Herkunft, akkulturiert in der deutschen Kulturnation‘ nennen mag; nämlich diejenigen Persönlichkeiten, die neben den Deutschböhmen und Tschechen aus dem jüdisch-deutschsprachigen kulturellen Kontext stammten“ (S. 118). Dass Frankl als glühender Patriot für Habsburg und Österreich bei einem Treffen mit Kardinal Mezzofanti im Jahr 1837 „Tschechisch“ als seine Muttersprache bezeichnete, ist ein Beleg, dass er sich aufgrund seiner liberalen Geisteshaltung einer nationalen Einordnung seitens des Kardinals vehement verweigerte, gerade auch vor dem Hintergrund der explosiven, politischen Loyalitätsdiskussionen im Hinblick auf die kulturelle Zugehörigkeit der böhmischen Juden. Vielmehr wählte der multilinguale Frankl die von ihm verwendete Sprache  situationsabhänig-funktional.

Viele seiner Zeitgenossen waren Frankl aber nicht nur wohlgesonnen, sondern standen ihm durchaus feindlich gegenüber. Hubert Lengauer beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit Ferdinand Kürnberger, einem der größten Widersacher Frankls. Zwar verband Frankl mit Kürnberger in den Anfängen eine enge Beziehung, die aber bald in Feindschaft seitens Kürnberger umkippte. In seinen Angriffen bediente sich Kürnberger des Antisemitismus, der ab den 1870er Jahren Teil der politisch-gesellschaftlichen Normalität wurde. Lengauer sieht die Gründe für Kürnbergers Antisemitismus, über den viele Nachgeborene wie z.B. auch Ingeborg Bachmann hinweggesehen haben, im Kontext komplexer historischer Zusammenhänge und Entwicklungen. Als persönliches Motiv darf sicher die narzisstische Kränkung Kürnbergers, der es nie zum Theaterdichter gebracht hatte, angenommen werden. Doch unterschiedliche Entwicklungen in der politischen Einstellung spielten mit dem Auflösen der 1848er Traditionen eine entscheidende Rolle. Kürnberger schlug eine deutschnationale Ausrichtung ein, die eng verbunden war mit antisemitischen und rassistischen Einstellungen und Argumentationen. Die deutsche Reichsgründung 1870/71 radikalisierte Kürnberger weiter: Die imaginierte Bedrohung, durch die slawischen Teile der Monarchie überstimmt zu werden, evozierte bei Kürnberger einen manifesten Rassismus: Slawen und Juden wurden den „Deutschen“ gegenübergestellt. Dass es im Vielvölkerstaat zu keiner Staatenbildung gekommen sei, schreibt er – ganz der rassistischen Diktion gemäß – dem „asiatisch-slavischen Geist“ (S. 152) zu.

Der dritte große Themenblock der Biographie schildert die jüdische Welt Frankls, die er sich – neben seiner Tätigkeit als Funktionär für die Wiener jüdische Gemeinde, über die man im Buch als LeserIn gerne umfassender erfahren hätte – auch literarisch erschlossen hat. Marie Krappmann ordnet Frankls zweibändigen Reisebericht „Nach Jerusalem“ in den Kontext der zeitgenössischen orientalischen Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts ein. Bekanntermaßen haben Reisebeschreibungen mehr mit dem Berichtenden selbst zu tun als mit der dargestellten „fremden“ Gesellschaft. Die Reiseliteratur über den nahen Orient im 19. Jahrhundert hatte immer wieder kehrende Stereotypen und Leitmotive hervorgebracht, bei denen sich Aufklärungsdiskurs und romantisierender Exotismus vermischten. Krappmann arbeitet sehr akribisch die widersprüchlichen Beschreibungen Frankls heraus. So wechselte die Vorstellung vom ungezwungenen natürlichen Menschen des Orient mit abwertenden Beschreibungen orientalischer Schmutzigkeit, die er interessanterweise mit „typisch aschkenasischen“ Verhalten assoziierte: „Als ich die russisch-polnischen Glaubensgenossen auf den unsagbaren Schmutz aufmerksam machte, verstanden sie mich nicht, hier haben die sumpfigen Ströme polnischer und orientalischer Unreinlichkeit sich vereinigt“. (S. 248) Zugleich war Frankl darauf bedacht die Rolle des Orients als Ursprungsregion des Judentums hervorzuheben Sein Bild des Orientalen als Fremden maß er nicht an der europäischen, sondern jüdischen Identität, was dazu führte, dass eher Gemeinsamkeiten hervorgehoben wurden. Frankls kritische Einstellung, die Krappmann fest verankert im philanthropischen Diskurs verortet, wurde von Nichtjuden häufig als objektiv gelobt, gleichzeitig aber auch missbraucht, um antijüdische Stereotype von jüdischer Seite bestätigt zu sehen. Krappmann kommt zu dem Schluss, dass die zahlreichen widersprüchlichen Beschreibungen gerade durch das Infragestellen des Autors erst zustande kommen: „Hinter der Maske des Poeten versteckt sich ein reflektierender Schriftsteller, der den Schreibprozess und die darin auftauchenden Topoi stets als solche markiert und demontiert, wodurch er Teile seiner Berichterstattung implizit selbst anzweifelt.“ (S. 255)

Yochai Ben-Ghedalia deutet in seinem Beitrag[1] Frankls Reisebericht als Versuch in der Nachfolge des mittelalterlichen jüdischen Dichters Yehuda Halevy „Zionslieder“ in neuem Gewande zu verfassen. Während Halevy, der sich im muslimischen Spanien befand, die Distanz zu Jerusalem unter der Herrschaft der Kreuzfahrer beklagte und sich nach „dem Osten“ sehnte, war Frankls Kluft eher kulturell als geographisch zu interpretieren. Selbst als er sich in Jerusalem befand, war sein Wünschen und Wirken auf „den Westen“, auf Europa, ausgerichtet.

Auch bei der im 19. Jahrhundert so beliebten Geschichte vom Schicksal der Marranen war die Beschäftigung mit der leidvoll-heroischen Vergangenheit der Conversos meist nur ein Mittel, um zeitgenössische Anliegen zu diskutieren. Carsten Wilke analysiert die von Frankl verfasste Marranengeschichte, die in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums am 11. Dezember 1854 erschien, im literaturgeschichtlichen Kontext und sieht Frankl als eigentlichen Begründer des Genres des Marranenepos, was bisher aufgrund der starken Konzentration auf die deutsch-jüdische Literatur übersehen wurde. Auch Frankl projizierte die Widersprüche der jüdischen, modernen Identität auf eine heldenhafte, romantisch verklärte Vergangenheit. Denn rudimentäre Erinnerungen an hebräische Gebete und jüdische Riten hatten mehr mit dem Geistes- und Kulturzustand der zeitgenössischen assimilierten bürgerlichen Juden zu tun als mit den in den Erzählungen idealisierten jüdischen Konvertiten der iberischen Halbinsel vergangener Jahrhunderte.

Der vierte Themenabschnitt fokussiert auf die patriotische Welt des Ludwig August Frankl. Louise Hecht wendet in ihrem Beitrag eine der Kulturanthropologie entlehnte Methodik an und analysiert die in der Wohnung ausgestellten Gegenstände zur Charakterisierung des Besitzers. Frankl inszenierte in seiner Wohnung am Opernring, in die er nach seiner Pensionierung als Sekretär der Israelitischen Kultusgemeinde 1882 übersiedelt war, zahlreiche emotional aufgeladene Objekte, die seine Betätigungsfelder bezeugten. Seine Beteiligung an der Revolution von 1848 belegten z.B. ein Ehrenschwert, aber auch zahlreiche Bücher und Dokumente. Außerdem war er darauf bedacht, seine persönlichen Beziehungen zu Prominenten durch passende Kunstgegenstände zu dokumentieren, wie z.B. Porträts und ähnliches. Hecht stellt aber auch fest, dass er jüdische Identität als sozial gegeben verstand und deshalb diese nicht speziell zu inszenieren gedachte. Hecht thematisiert auch ausführlich Frankls zweifelhafte Unternehmungen, welche beispielhaft sind für die zeitgenössische, rassistisch grundierte Sicht von Österreichern auf den Orient. So übernahm Frankl den Auftrag, während seines Jerusalem-Aufenthalts „Raceschädel“  aus dem Orient für die Österreichische Akademie der Wissenschaften zu erwerben. Aufkommende Zweifel hinsichtlich der Pietät gegenüber den Toten ordnete Frankl dabei einem vermeintlich rational-wissenschaftlichem Weltbild unter.

Gabriele Kohlbauer-Fritz berichtet vom Nachwirken Frankls in den Sammlungen und Ausstellungen des Jüdischen Museums Wien[2] und setzt die Artefakte in den biographischen Kontext. Einige Objekte gehen auf Frankls Reise nach Jerusalem zurück, z.B. seine Reisetagebücher. So war der Zweck seiner Jerusalemexkursion 1856 die Errichtung einer Schule im Auftrag von Elisa Herz, geborene Edle von Lämel. Trotz aller Widerstände vor Ort, vor allem von einigen orthodoxen Kreisen, die jegliche säkulare Bildung ablehnten, konnte Frankl seinen Auftrag zu Ende bringen. Bestände aus dem von Frankl errichteten jüdischen Blindeninstitut auf der Hohen Warte finden sich ebenfalls in der Sammlung des Jüdischen Museums, so z.B. ein Toravorhang für die Haussynagoge. Frankl gelang es, für die Stiftung führende Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde Wien zu gewinnen. Er schafft es sogar, christliche Sponsoren für sein Projekt zu begeistern, die damals üblicherweise nur für christliche Einrichtungen zu spenden bereit waren. Auch das österreichische Kaiserhaus, der Landesmarschall von Niederösterreich und der Bürgermeister von Wien gehörten zu den Unterstützern des Projekts. Dies zeugt von Frankls umfassendem Ansehen. Seine Erhebung in den Adelsstand mit dem Namenszusatz „von Hochwart“ nahm direkten Bezug auf die Adresse der Erziehungs- und Ausbildungseinrichtung.

Herlinde Aichner würdigt Frankl als „Politiker der Erinnerung“, dessen eigene Wirkungsgeschichte aber eine „Chronologie des Vergessens“ sei. Der außergewöhnlichste Aspekt der Erinnerungsarbeit Frankls war sicherlich das Errichten von Denkmälern, das ihm viel Kritik einbrachte, u. a. von dem schon erwähnten Friedrich Kürnberger, der Frankl vorwarf, sich mit seinem Engagement nur selbst ein Denkmal setzen zu wollen. Generell muss die Denkmalsetzung in dieser Periode in den Kontext bürgerlicher und nationaler Selbstvergewisserung gestellt werden. Juden ermöglichte der Einsatz für die Repräsentanten deutscher Kultur, wie z.B. im Falle des Schillerdenkmals, für das sich Frankl leidenschaftlich einsetzte und das schließlich 1876 an der Ringstraße eingeweiht wurde, eine Möglichkeit der Loyalitätsbekundung für die kulturellen Werte der Mehrheitsgesellschaft. Aichner betont, dass Frankls patriotisches Engagement auf dem Feld der Erinnerung mit seiner jüdischen Identität gut vereinbar war, da ihm der österreichische Patriotismus ermöglichte, diese als Normalität zu leben. Juden hatten gerade in den Vielvölkerstaaten die besten Entfaltungsmöglichkeiten, bis dann die Nationalisierungsprozesse, bei denen der Antisemitismus eine entscheidende Rolle spielte, das Ende dieser Staaten und damit auch der Habsburgermonarchie heraufbeschworen.

Vorliegende Biographie ist nicht nur eine gelungene, differenzierte Würdigung von Frankls facettenreichem Leben und Wirken sowie ein wertvoller Beitrag zur Geistes –und Kulturgeschichte Wiens im 19. Jahrhundert, sondern bietet auch interessante Anknüpfungspunkte für die Gegenwart. Frankls hybride Identität jenseits nationaler Definitionen ist gerade für das Verständnis eines postnationalen Europas, das derzeit stark gefährdet ist und angesichts aktueller Krisen auf nationale Interessenverteidigungen zurückgeworfen scheint, bedeutsam, war aber auch schon am Ende seines Lebens von der Realität überholt. Nur ein Jahr nach Frankls Tod wurde Karl Lueger  zum Wiener Bürgermeister gewählt und jüdisch-österreichische Identität wurde angesichts des verbreiteten Nationalismus und Antisemitismus zusehends unsicher. Herausgeberin Louise Hecht stellt ganz richtig fest, dass „die weitgehende Auslöschung“ Frankls aus dem zeitgenössischen kulturellen Diskurs „die fortdauernde Wirkungsmacht dieser monokausalen Weltbilder“ bezeuge. (S. 45)

Louise Hecht (Hrsg.): Ludwig August Frankl (1810-1894). Eine jüdische Biographie zwischen Orient und Okzident, Böhlau Verlag Köln/Weimar/Wien 2016.

[1] Ben-Ghedalias Beitrag ist der einzig englischsprachige Aufsatz neben der Übersetzung der Einleitung von Herausgeberin Louise Hecht ins Englische, die unter dem Titel „A Biographcial Sketch als Epilog aufgeführt wird.
[2] arüber hinaus befindet sich der Großteil des schriftlichen Nachlasses Frankls in der Handschriftenabteilung der Wienbibliothek. Ferner besitzt auch das Wienmuseum einige Objekte.