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Wider die Barbarei früherer Zeiten

Christian Wilhelm Dohm über Flüchtlinge, Juden, Deutsche und die Glückseligkeit im Staat…

Von Galina Hristeva
Zuerst erschienen bei: literaturkritik.de, 08.03.2016

In vielen Staaten von Europa bemüht man sich itzt die Zahl der Einwohner durch Colonisten zu vermehren. Bey weitem der grössre Theil sind itzt (da die Religionsverfolgung seltner noch nützliche Bürger verbannt) Leute, die nicht Fleiß oder Fähigkeiten genug besitzen, um sich im Vaterlande zu nähren; Unwissende, die einen fremden Himmel blauer, und unter demselben glückliche Tage ohne Arbeit sich träumen, oder auch Verbrecher, die in fremden Landen Zuflucht für der [sic] Strafe suchen. Auch die bessern dieser neuen Ankömmlinge sind gewöhnlich ohne Vermögen, sind, welches noch mehr ist, des Bodens, der Lebensart, der Gebräuche und Cultur ihres neuen Vaterlands ungewohnt, versuchen in demselben auf eine ungeschickte Art die gewohnten Weisen anzuwenden, leben mit den alten Einwohnern des Landes im Mißverständniß, das durch gegenseitigen Neid unterhalten wird. Aus allen diesen Gründen wird man finden, dass die meisten Kolonisten gewöhnlich sehr schlechte Bürger sind, und dem Staat weit mehr Kosten verursachen, als sie ihm nach genauer Untersuchung werth seyn dürften.

Der preußische Staatswissenschaftler Christian Wilhelm Dohm (1751–1820), von dem diese Aussage stammt, rät nicht generell zur Ab- beziehungsweise Ausweisung der „Colonisten“, dennoch mahnt er hier zu äußerster Vorsicht. Er empfiehlt, lieber die mehr Erfolg versprechende Eingliederung der Juden voranzutreiben, da sie „schon mehr eingebürgert“ seien, „kein andres Vaterland“ kennen würden und „keine rohe und verwilderte Zigeuner, keine unwissende und ungesittete Flüchtlinge“ seien. Dohms gut durchdachtes und rhetorisch klug präsentiertes Projekt zur Integration der Juden erschien unter dem Titel „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden“ in Berlin im Jahr 1781. Ein zweiter Teil der Schrift wurde 1783 veröffentlicht. Nun hat der Wallstein Verlag diese im ersten Band der geplanten mehrbändigen Sammelausgabe der Werke Dohms veröffentlicht (Christian Wilhelm Dohm: Ausgewählte Schriften. Hg. von Heinrich Detering und Wolf Christoph Seifert). Der zweite, ebenfalls bereits vorliegende Band, enthält den Kommentar des Herausgebers Seifert zu Dohms Traktat.

Dohm versteht seine Verteidigung der Juden als Teil des Kampfes der Aufklärung gegen die Barbarei früherer Zeiten. Die Juden, denen bürgerliche Rechte zu verleihen sind, sind meist unschuldige Opfer dieser Barbarei: „Nie hat eine Nation während einem so langen Zeitraum so grausame und unmenschliche Verfolgungen erdulden müssen.“ Dagegen zählt der Autor in seiner Schrift viele positive Eigenschaften der Juden auf, die ihren hohen moralischen Wert belegen: ihre „vorzügliche Klugheit, Scharfsinn, Fleiß, Betriebsamkeit“ und – im Falle ihres Glaubens – die „treue Befolgung der Grundsätze, die man für wahr hält“.

Die Juden sind den Christen in vielerlei Hinsicht sogar überlegen:

An keinem Orte fallen die Armen der Juden dem Staat zur Last, sie werden allein von den Vermögenden versorgt, und die ganze Gemeine [sic] nimmt sich der Angelegenheiten des Einzelnen an. Des Glücks des häuslichen Lebens scheinen die Juden mit mehr Simplicität zu geniessen, als es wenigstens in grossen Städten izt gewöhnlich ist. Sie sind meistens gute Ehemänner und Hausväter. Der Luxus ist bey ihnen noch lange nicht so weit gestiegen, als bey den Christen von gleichem Vermögen. Der Ehestand ist bey ihnen unbefleckter, und die Vergehungen der Unkeuschheit, besonders die unnatürlichen Laster, sind bey ihnen weit seltner. Fast nie hat man ein Beyspiel einer von einem Juden begangnen Verrätherey oder Vergehung wider den Staat bemerkt.

Für die jüdische „Liebe des Gewinns“ hingegen macht Dohm die Christen und die Gesetzgebung der europäischen Staaten verantwortlich. Die „bisherige Drückung“ und die „eingeschränkte Beschäftigung“ der Juden sind „die wahre Quelle ihrer Verderbtheit“; die Beseitigung dieser Faktoren ist das Mittel, um die Juden „zu bessern Menschen und nützlichen Bürgern zu bilden“. Somit wird Dohms Modell von Wolf Christoph Seifert zu Recht als „deterministisch-sozialpsychologisch“ eingestuft. Und somit sind auch die angenommenen moralischen Mängel der Juden reversibel beziehungsweise heilbar. Eine Verkürzung nimmt Dohm jedoch vor: Er reduziert die Geschichte der Juden auf die Geschichte ihrer Unterdrückung durch die Christen.

Wer Dohms Emanzipationsplädoyer jedoch lediglich als ein Projekt zur Gleichberechtigung der Juden liest, verkennt die Intention des Autors. Auch wenn er von Moses Mendelssohn angeregt wurde, stellt der Text des preußischen Staatsbeamten Dohm letztendlich ein umfassendes Reformprojekt zur Verbesserung und Konsolidierung des preußischen Staats und der preußischen Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert dar. Neben der Gleichberechtigung der Juden fordert dieses Projekt die sittliche Verbesserung sowohl der Juden als auch der Christen. Auch sonst ist der Titel doppeldeutig, wie der Herausgeber Seifert zeigt: „Fraglich ist demnach, ob Dohm mit seiner Bürgerlichen Verbesserung eine Verbesserung der moralisch depravierten Juden selbst – zumal für die ökonomischen Zwecke des Staates – anstrebe oder ob Dohms Verbesserung vor allem eine ‚humanitäre‘ Verbesserung der Lebensumstände der Juden Im Blick habe“. Notwendig für diese Verbesserung sind darüber hinaus „ein erhabener Monarch“ und fähige „Regierer“ des Staates, ebenso wie einsichtige „Lehrer der Religion“, die diesen Entwicklungen keine Steine in den Weg legen. Der Katalog der konkreten politischen Forderungen Dohms ist umfangreich: Er beruht unter anderem auf der Kritik am traditionellen jüdischen Unterricht in Cheder und Talmud-Thoraschule, auf der Anprangerung der „rabbinischen Sophistereyen“ und schließt die Forderung nach mehr staatlicher Kontrolle im Schulwesen ein.

Der Zustand der Juden ist nicht per se, nur den Juden zuliebe aufgrund ihres berechtigten, fundamentalen menschlichen Gleichberechtigungsanspruchs zu verbessern, sondern auch aus Nützlichkeitserwägungen heraus. Die „Sicherung der ökonomischen Wohlfahrt des Staats und seiner Bürger“ ist ein Leitprinzip Dohms, so Seifert. Dohm weist nach, dass Staaten ein Interesse am Bevölkerungszuwachs haben, nur ist genau abzuwägen, wer zum Wohlergehen des Staats beitragen kann. Weitere Prinzipien der „aufgeklärten Politik“, deren Postulate hier festgehalten werden, sind die „Menschlichkeit und Gerechtigkeit“, die „Gleichheit“ aufgrund der „allgemein gleichen Beschaffenheit der menschlichen Natur“ sowie die „Glückseligkeit“ im Staate. Dohms machtpolitisch fundiertem Umerziehungsprogramm für alle – Juden und Christen – liegt ein genaues Kalkül über Kosten und Nutzen für den preußischen Staat zugrunde. „Brauchbare Glieder“ der Gesellschaft, „treue und dankbare Unterthanen“ heranzuziehen, die „auf gleich unpartheyische Liebe und Vorsorge des Staats“ Anspruch haben, auf diese Ziele läuft Dohms Argumentation hinaus.

Das „helle Licht der Vernunft“ der Aufklärung wird also von utilitaristischen Prinzipien geleitet. Dazu wird es auch im Kampf zwischen säkularem Staat und Religion, zur Etablierung der staatsbürgerlichen vor der religiösen Identität eingesetzt. Das zeitgenössische Staatswesen reformieren heißt für Dohm die „grosse Harmonie des Staates“ durchsetzen – oft auf Kosten individueller, religiöser oder sonstiger partikularer Interessen, ohne diese jedoch ausdrücklich gegeneinander auszuspielen. Dohms Perspektive ist eher vermittelnd-versöhnlich: „Beydes [nur eine einzige oder keine Religion zu akzeptieren] ist nach der itzigen Lage der Welt nicht thunlich, beydes würde dem wahren Wohl des Staats widersprechen, und ein Eingriff in die natürlichen Rechte des Menschen seyn“. Dass die entstandenen Spannungen zuweilen rhetorisch kaschiert werden, macht einen der Reize dieser Schrift aus.

„Die bürgerliche Verbesserung“ ist tatsächlich ein „wichtiges und sehr wohlgeschriebenes Buch“, wie schon der damalige, sonst sehr kritische Rezensent Johann David Michaelis bemerkte. Es erlebte schnell eine zweite Auflage. Der erste, hier publizierte Band enthält neben Dohms Traktat mehrere Rezensionen, die damals eine hitzige Debatte auslösten. Besonders wichtig: die antijüdische Stereotype bemühende Rezension des benannten Michaelis (er hatte die ,Unverbesserlichkeit‘ der Juden bereits in einer Rezension über Lessings Lustspiel „Die Juden“ betont). Das „Mémoire sur lʼ état des Juifs en Alsace“ sowie Briefe und Kommentare Dohms ergänzen sinnvoll den ersten Band. Der zweite, von Seifert herausgegebene Band dokumentiert die Rezeption, beleuchtet den historischen Kontext, bietet einen textkritischen Apparat und einen informativen Kommentar zu Dohms Schrift und zu den Aussagen seiner Kritiker. Hier begründet der Herausgeber Wolf Christoph Seifert die Notwendigkeit, die Entwicklung der Dohmʼschen Schrift historisch zu verfolgen und verweist auf aussagekräftige Änderungen und Überarbeitungen, auf Varianten und Eingriffe. Abgerundet wird der Kommentar durch Seiferts Analyse der rhetorischen Strategien Dohms.

Materialreich, vielschichtig, historisch aufschlussreich, da wichtige Prozesse sowie das politische, soziale und geistig-ideologische Klima der Aufklärung erhellend (die Judendebatten, die preußische Judengesetzgebung, Migrationsprozesse, Religionskritik, Staatstheorien, Reformbestrebungen et cetera), tiefgründig und hervorragend kommentiert – so kommt die vorliegende, sehr elegante Edition der Dohmʼschen Werke daher. Ihr (wohl zu bescheiden formuliertes) Ziel – „den Bekanntheitsgrad eines politischen Essays der Aufklärung und seines Autors zu steigern“ – wird dieses sehr lesens- und empfehlenswerte Werk sicherlich erreichen. Und dies nicht zuletzt infolge der politischen Brisanz und der Aktualität der darin aufgeworfenen Themen und Probleme.

Christian Wilhelm Dohm: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Kritische und kommentierte Studienausgabe. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, 634 S., Bestellen?

Ein Kommentar zu “Wider die Barbarei früherer Zeiten

  1. Brav wird das Zitat in Anführungszeichen gesetzt, dass Juden „keine rohe und verwilderte Zigeuner, keine unwissende und ungesittete Flüchtlinge“ seien. Doch ist es wohldurchdacht, im Jahre 2016 daraus schon im nächsten Satz ganz ohne Ironie oder Reflektion festzustellen, das sei «Dohms gut durchdachtes und rhetorisch klug präsentiertes Projekt zur Integration der Juden»? Fusst also die Integration der Juden auf der Verwilderung der Zigeuner? Irritiert eine solche Verbalinjurie auf „literaturkritik.de“, mutiert sie auf haGalil zur verstörenden Verunsicherung über das Weltbild der das weiterverbreitenden Redaktion.

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