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Erloschenes Burschentum in der Bukowina

Anfang 2016 veröffentlichte Professor Harald Seewann aus Graz – neben Thomas Schindler, M.A. aus Haßfurt der einzige deutschsprachige Spezialist für jüdische Verbindungen – eine neue Dokumentation, die sich mit der inzwischen nicht mehr existierenden schlagenden jüdischen Verbindung Hebronia Czernowitz intensiv befasst…

Von Israel Schwierz

Nach einer äußerst interessanten und tiefschürfenden Vorbemerkung, aus der hervorgeht, dass anders, wie oft angenommen, Czernowitz im Osten der Donaumonarchie keineswegs für den größten Teil seiner Einwohner eine „Insel der Seligen“ war und dem vollständigen Bundeslied der Hebronia befasst sich der erste Teil der Dokumentation mit der Zeit in Czernowitz. Es wird dem interessierten Leser sehr schnell klar, dass – besonders hier, wo deutsche, österreich-ungarische, rumänische, ukrainische, polnische und jüdische Studenten und „normale“ Einwohner eng zusammenlebten, und keine der Ethnien die Mehrheit besaß – der Antisemitismus auch Blüten trug. Grund dafür – besonders für das Zusammenleben und –wirken zwischen der nichtjüdischen und jüdischen Studenten und ihren zahlreichen Verbindungen – war auch das aus Wien importierte „Waidhofener Prinzip“, das Juden für ehrlos erklärte, ihnen die Satisfaktion mit der Waffe verweigerte und sie damit zu Studierenden und Verbindungen zweiter Klasse degradierte.

Die jüdische Antwort auf diese Beleidigung (die auch ein fruchtbarer Boden für den späteren Nationalsozialismus war!) ließ nicht auf sich warten: die Mehrzahl der jüdischen Verbindungen lehnte jegliche Assimilation vollkommen ab und forderte zudem auch die Einführung der jüdischen Nationalität an der Universität. Das führte zu starken Spannungen mit der Mehrzahl der nichtjüdischen Studenten und deren Verbindungen, besonders natürlich mit den deutsch-nationalen – aber sogar zu Zwistigkeiten zwischen einzelnen jüdischen Bünden. So wurde Hebronia, 1900 als jüdisch-nationale Verbindung gegründet, die Wortführerin der jüdischen Forderungen gegenüber Universität und Staat. Sehr deutlich zeigte sich diese Haltung auch durch die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Verbindung an Zeev Jabotinsky, dem Begründer des nationalistischen und insbesondere revisionistischen Zionismus.

1918 ging mit dem Ende des I. Weltkrieges auch das Ende der deutschsprachigen Universität in Czernowitz einher: die Stadt gehörte jetzt zu Rumänien, Rumänisch war die Staatssprache. Das führte auch zu massiven Veränderungen in den studentischen Verbindungen: so wurde beim Studentenkommers der Hebronia 1920 die Rede in Iwrith gehalten, nicht mehr in Deutsch! Ab 1933 – mit dem Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und ihrer Bewunderung durch Rumänien – richtete sich das Denken in den jüdischen Verbindungen naturgemäß gegen fast alles, was mit dem Deutschtum in Verbindung gebracht werden konnte: die deutsche Couleur (Mütze und Band) wurden ebenso abgelehnt wie die Pflichtmensuren – „ Los vom Deutschtum“ war der Haupttenor bei der Jüdisch-Nationalen Akademischen Verbindung Hebronia, die bis zu ihrer Auflösung 1936 die Ideen des linken Zionismus und die Einwanderung und Besiedlung der jüdischen Heimstatt in Palästina, dem späteren Israel , vehement vertrat.

Der zweite Teil der außergewöhnlichen Dokumentation stellt Hebronia sehr anschaulich ab 1929 als Teil des Altherrenverbandes im Ring der Altherrenverbände der zionistisch-akademischen Verbindungen (IGUL) vor. Der Festkommers anlässlich des 100-semestrigen Bestehens der Hebronia 1950 in Tel Aviv wird hier ebenso lebendig und gut verständlich dargestellt wie die unermüdlichen Bemühungen des Verbandes um Einführung eines Lehrstuhls für Zionismus an der Hebräischen Universität in Jerusalem, aber auch einer Faches „Zionismus“ für alle Schule in Israel . Gerne hätten die Alten Herren der verschiedenen Verbindungen im IGUL wohl auch neue jüdische Verbindungen an den verschiedenen Universitäten und Hochschulen in Israel gesehen, aber dieser Wunsch blieb nur ein Traum.

114 Anmerkungen ( Quellenangaben und auch sehr gut verständliche Erklärungen der Dokumentation), etliche Photokopien von Vertretern der JNAV Hebronia, zahlreiche Photokopien von Zeitungsmeldungen, die diversen Aktivitäten von Hebronia betreffend ( angefangen von der Erklärung des Waidhofener Programms, das blutige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Verbindungstudenten zur Folge hatte bis zu den Statuten der Verbindung in Rumänisch und Deutsch sowie einer Einladung zu einem Vortragsabend in Hebräisch und Deutsch und einer Einladung zum 150-Semester-Kommers 1975 in Netania sowie zwei Farbfotos des Altherrenverbandes der JNAV Hebronia aus den Jahren 1985 und 1988) runden diese einmalige Dokumentation harmonisch ab.

Mit der Konzipierung und Veröffentlichung der vorliegenden Dokumentation hat deren Herausgeber Professor Harald Seewann aus Graz nicht nur der inzwischen durch das Ableben ihrer Mitglieder nicht mehr existierenden Jüdisch-Nationalen Akademischen Verbindung Hebronia Czernowitz ein bleibendes und ewiges Gedenken geschaffen, sondern eigentlich allen jüdischen Verbindungen in ganz Europa , die inzwischen nicht mehr existieren. Dafür gebührt ihm Anerkennung, Respekt und Dank aller, denen der ehrliche Umgang mit der Geschichte ein Herzensanliegen ist.

Die äußerst gut leserliche, sehr interessante, informative und äußerst empfehlenswerte Dokumentation kann gegen eine Gebühr von EUR 18.– plus Porto direkt beim Verfasser unter der folgenden Anschrift erworben werden: Professor Harald Seewann, Resselgasse 26, A-8020 Graz, Austria

Harald Seewann, Erloschenes Burschentum in der Bukowina. Streiflichter aus das Leben und Wirlen der jüdisch-nationalen akademischen Verbindung Hebronia Czernowitz (1900 – 1936)

NACHTRAG:

HOHE EHRUNG FÜR PROF. HARALD SEEWANN AUS GRAZ

 

Unter den neuen Ehrenbürgern der Stadt Graz befindet sich auch der Grazer Journalist, Verlagskaufmann und Historiker Prof. Harald Seewann, der 1977 in seiner Freizeit mit der Bearbeitung der österreichischen StudentInnengeschichte begann und 1979 den steirischen StudentInnenhistorikerverein gründete. 1995 eröffnete er zudem das Archiv „ Historia academica Judaica“, das einmalig ist und sich mit der Erforschung der Geschichte und der Sammlung von Unterlagen aus der inzwischen versunkenen Welt des jüdisch-nationalen Korporationswesens beschäftigt. Zusammen mit dem Hassfurter Archivar Thomas Schindler M.A.  und dem Schweizer Rechtsanwalt lic.iur. Peter Platzer aus Riedholz ist Prof. Seewann aufgrund seiner Kenntnisse eine Institution im Bezug auf StudenInnengeschichte im In- wie auch im Ausland: die drei Herren, die selber schlagenden nationalen Studentenverbindungen angehören (Prof. Seewann ist Mitglied der nicht mehr bestehenden Münchener Burschenschaft Marcomannia und der Grazer akad. Burschenschaft Marko-Germania, außerdem ist er noch Ehrenmitglied im „Ring der Alt-Herren-Verbände der zion.- akad. Verbindungen und Vereine (IGUL)“, Thomas Schindler gehört der Landsmannschaft Teutonia im CC zu Würzburg an) sind in der Tat die einzigen Experten für die inzwischen nicht mehr existierenden jüdischen Studentenverbindungen im gesamten deutschsprachigen Raum. Zudem haben sie eine ganze Reihe von äußerst interessanten Dokumentationen über die genannten jüdischen Korporationen herausgegen, so ist Prof Seewann u.a. der Autor der hier nur auszugsweise vorgestellten Dokumentationen, die in der Tat einmalig und äußerst beeindruckend sind: „Zirkel und Zionsstern. Bilder und Dokumente aus der versunkenen Welt des jüdischen nationalen Korporationsstudententums. Ein Beitrag zur Geschichte des Zionismus auf akademischem Boden“, „Theodor Herzl und die akademische Jugend““, „J.A.V. Charitas Graz (1897-1938)“, „Erloschenes Burschentum in der Bukowina. Streiflichter auf das<Leben und Wirken der Jüdisch-nationalen akademischen Verbindung Hebronia Czernowitz (1900-1936)“, „Licaria München (1895-1933). Eine Verbindung deutscher Studenten jüdischen Glaubens im waffenstudentischen Spannungsfeld“, „Jüdisches Burschentum im Baltikum. Der Couleurcomment der Verbindung Jüdischer Studenten Hasmonea Dorpat“, „Jüdische Verbindungen und Vereine in der Schweiz“, u.v.a.m.

Mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde hat die Stadt Graz mit Prof. Harald Seewann wirklich eine ganz herausragende Persönlichkeit für ihr exzellentes und in seiner Art einmaliges Engagement geehrt. Alle, die den bescheidenen Historiker kennen und schätzen sprechen ihm zu dieser Ehrung die herzlichsten Glückwünsche und die allerhöchste Hochachtung aus. Sie hoffen ebenfalls, dass er sein segensreiches Schaffen auch weiterhin in voller Gesundheit fortsetzen möge.