lessing

Theodor Lessing: Tod in Marienbad

Im Sommer 1933 schrieb Theodor Lessing in seinem Marienbader Exil das Essay mit dem ironischen Titel „Mein Kopf“. In der Nacht vom 30. auf den 31. August 1933 wurde er in seiner Marienbader Wohnung in der „Villa Edelweiß“ ermordet…

Von Karl W. Schubsky

Professor Dr. Theodor Lessing hatte sich zusammen mit seiner Frau Ada Lessing in den scheinbaren Schutz des westböhmischen Kurorts geflüchtet. Ihm war die Stadt als Rückzugs- und Schutzraum erschienen, denn die Nähe der Grenze brachte auch nach Marienbad jeden Sommer zahlreiche jüdische Kurgäste, die sich hierher in die freie und geschützte Atmosphäre flüchteten, um sich von der wachsenden Unsicherheit und Diskriminierung im „Reich“ zu erholen. In vielen deutschen Kurorten herrschte bereits seit Sommer 1933 eine aggressive antijüdische Politik. 1935 gab es kaum noch deutsche Badeorte für jüdische Kurgäste und ab Sommer 1937 durften sie nur noch in wenigen Kurorten zu beschränkten Zeiten ausgewiesene Badehäuser besuchen.

Theodor Lessing wurde am 8. Februar 1872 der Familie eines jüdischen Arztes in Hannover geboren. Als Junge absolvierte er unter schwierigen Umständen das Gymnasium und studierte auf Wunsch seines Vaters Medizin, Philosophie und Naturwissenschaft in Freiburg und Bonn und schloss 1899 an der Universität Erlangen mit dem Doktor der Philosophie ab.

„Ich war von ganzer Seele Arzt, mit ungeteiltem Herzen Lehrer, mit voller Hingabe Psychologe, mit ganzer Kraft Philosoph“, schreibt Theodor Lessing 1925. Er war eine der wenigen universellen geistigen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Lessing war Arzt, Psychologe, Philosoph, Journalist, Hochschullehrer und Mitbegründer der Universität Hannover im Jahr 1919. „Wir lösen Widersprüche immer nur dadurch, dass wir sind.“ Er war auch ein Mann der Gegensätze: In Hannover gründete er beispielsweise einen skurrilen „Anti-Lärm-Verein“. Als Autor des Buches über den „Jüdischen Selbsthass“ und einer Studie über den Massenmörder Fritz Haarmann scheute er keine Kontroverse und war doch von der eigenen Wirkungslosigkeit überzeugt.

Weil ihm ein Ordinariat versagt blieb, war Lessing zu einer Existenz als publizistischer Vielschreiber genötigt. 1924 verfolgte er den Prozess gegen den Serienmörder Fritz Haarmann. Er war fasziniert von den Abgründen der menschlichen Triebnatur, die sich hier offenbarten. Seine berühmte Satire „Haarmann: die Geschichte eines Werwolfs“ empörte die Rechten nicht weniger als sein satirisches Hindenburg-Porträt von 1925. Organisierte Proteste zwangen Lessing, seine öffentliche Lehrtätigkeit aufzugeben.

Schon frühzeitig erkannte er die vom Nationalsozialismus ausgehende tödliche Gefahr. Bei den Bücherverbrennung nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wurden auch Lessings Bücher verbrannt. In Deutschland verbreiteten die Nationalsozialisten Lessings Fotos mit der Unterschrift „Bisher noch nicht gehängt!“ Daraufhin flüchtet Lessing am 1. März 1933 in die Tschechoslowakei, zunächst nach Prag, danach nach Marienbad, wo er unter Polizeischutz lebte. – Während seines Aufenthalts in Marienbad arbeitete Lessing u. a. an einer Publikation, in der erstmals die Verbrechen und die Rassenpolitik der Nazis enthüllt wurden. Der Hass seiner Gegner verfolgte ihn bis ins Marienbader Exil: Auch hier ließen ihn seine Verfolger nicht aus den Augen und setzen sogar eine Belohnung auf seinen Kopf aus. Dieser Aufruf wurde auch in der „Marienbader Zeitung“ abgedruckt, die infolge des Anschlags danach für ein halbes Jahr mit einem Erscheinungsverbot belegt wurde.

Von Handlangern des NS-Regimes wurde er schließlich ermordet. Die Täter waren Einheimische, stammten aus der Nachbarschaft und standen der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP) nahe. Hinter dem Anschlag soll Joseph Goebbels als Auftraggeber gestanden haben soll, er war vermutlich von langer Hand geplant. Der Verdacht fiel auf zwei Männer, den Dieb und Wilderer Rudolf Eckert aus Schanz und den Kraftfahrer Rudolf Zischka aus Auschowitz. Die Handlanger setzten sich über die nahe Grenze nach Bayern ab, wo sie neue Identitäten und Dokumente erhielten.

Prof. Dr. Theodor Lessing wurde am 3. September 1933 auf dem jüdischen Friedhof von Marienbad zu seiner letzten Ruhe gebettet. Da man Unruhen befürchtete, wurde die Beisetzung nicht offiziell angekündigt. Sie fand im Beisein seiner Familie, nächsten Freunden und unter starker Polizeipräsenz statt. Während der Trauerfeier in Marienbader Tempel kündigte Rabbiner Dr. Jakob Diamant an, dass die Jüdische Gemeinde Marienbad zum Andenken an Professor Lessing ein Heim errichten wolle, das allen Flüchtlingen offen stehen und den Namen des Ermordeten tragen werde. Es kam aber nicht dazu. Das Geld, das in einen eigens zum Zecke der Einrichtung des Heims ins Leben gerufenen „Theodor Lessing Gedächtnis-Fonds“ floss, reichte kaum zur Finanzierung des Grabsteins. Dies war der erste politische Mord in der Tschechoslowakei und schockierte die gesamte demokratische Welt. Zahlreiche Kurgäste verließen in der Folge die Stadt und der dadurch entstandene wirtschaftliche Verlust war enorm. Der letzte Versuch, die Atmosphäre zu beruhigen, war der im Jahre 1937 veranstaltete Weltkongress der Agudas Isroel.

Nach der Kristallnacht im November 1938 wurde das Grab Lessings sowie der ganze jüdische Friedhof zur Zielscheibe von Vandalen. Erst nach dem Kriege wurde der Grabstein wieder aufgestellt, 1958 an der ehemaligen Villa Edelweiß (heute Haus Lokarno) eine Gedenktafel enthüllt, die an den Mord vom 30. August 1933 erinnert.

Theodor Lessing wird als „ein Mann zwischen allen Stühlen“ bezeichnet. Am 8. Februar 1872 wurde Lessing in Hannover geboren. Seine Jugend war von dem demütigenden Bewusstsein geprägt, das Kind einer Zweckehe zu sein. Und obwohl die Religion im assimilierten Elternhaus keine Bedeutung besaß, empfand Lessing seine jüdische Abkunft lange Zeit als Makel. Der Außenseiter kultivierte ein „schwärmerisch-überhöhtes Deutschtum“. Lessing war davon überzeugt, dass das Bewusstsein eine Art Sündenfall sei. 1899 kam es zum Bruch der Freundschaft mit seinem früheren Mitschüler Ludwig Klages und diesem wurde der scharfe Verstand des jüdischen Gefährten zum Inbegriff jenes Geistes, in dem er den „Widersacher des Lebens“ sah. Vier Jahre zuvor hatte er Lessing in München mit dem Kreis um Stefan George bekannt gemacht, aber auch hier blieb der angehende Dichter vor allem ein Parteigänger seiner selbst. Lessing mokierte sich über den herrischen „Weihe-Stefan“, der noch hinter dem Bierkrug eine würdevolle Pose einnahm. Das Goethe-Epigonentum der Klassizisten um Paul Heyse stieß ihn ebenso ab wie die Wissenschaftsgläubigkeit der Naturalisten. Der Nietzscheaner Lessing hatte längst den Glauben an die Systeme verloren und begriff in Schwabing, dass er nicht zum Dichter berufen war.

Nach einem dreijährigen Intermezzo als Pädagoge im Landerziehungsheim Haubinda habilitierte Lessing 1907 über Kants Ethik. Dass es mit seiner akademischen Karriere nicht recht voranging, hatte gewiss mit der jüdischen Herkunft zu tun. Als der Philosoph in Königsberg das Grab Kants besuchen wollte, wurde er auf offener Straße angerempelt. „Dies gab mir doch das Bewusstsein, nicht dazuzugehören“, notierte Lessing. Bereits 1900 war der Konvertit zum Judentum zurückgekehrt, dennoch blieb der lebenslange Konflikt „zwischen dem sich Deutsch-Fühlen und dem Jude-Sein“ deutlich. Die jüdische Abkunft begriff Lessing als ontologisches Faktum, sie war „das Untilgbare“. Die kulturelle Identität als Deutscher blieb etwas Hinzugekommenes.

Lessings lebensphilosophische Kritik an Moderne und Zivilisation galt übrigens auch der Assimilation. Von hier laufen Verbindungslinien zu seiner Schrift „Der jüdische Selbsthass“ aus dem Jahr 1930. Assimilation erschien Lessing als ein Zeichen der Selbstverleugnung, sein entschiedenes Bekenntnis zum Zionismus war ein Versuch der Selbstbewahrung.

Wie viele „Stigmatisierte“ besaß Lessing ein sicheres Gespür für die Stigmata anderer. Das lässt gut erkennen an der schrillen Kontroverse, die Lessing mit Thomas Mann ausgefochten hat. Der Philosoph hatte 1910 die „Unmännlichkeit“ Manns satirisiert und das „Bürger-Prinzchen“ später zum Duell gefordert. Der Dichter kniff und ließ sich zu einer antisemitischen Replik hinreißen, in der er Lessing als „Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse“ karikierte. Die unselige Fehde ruinierte Lessings Karrierechancen im Kaiserreich. Wenig später machte ihn der Weltkrieg endgültig zum Geschichtspessimisten. Sein Buch über die „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ verabschiedet die Historiographie als interessengeleitete „Nicht-Wissenschaft“.

Der Beitrag erschien zuerst auf dem deutsch-tschechischen Nachrichtenmagazin NachbarnKennen.

Foto: Theodor Lessing zwischen 1925 und 1930 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid