salzborn

Selbstreflexiver Universalismus

Eine globale Geschichte politischer Theorien im Dienste der Aufklärung…

Von Stephan Grigat
Langfassung eines Beitrags, der am 20.2.2016 im Standard erschien

Samuel Salzborn hat eine globale Überblicksgeschichte politischer Ideen geschrieben, die sich postkolonialem Kulturrelativismus und postmoderner Beliebigkeit ebenso verweigert wie akademischer Scheinobjektivität und der „positivistischen Wendung“ der Kritischen Theorie durch Jürgen Habermas. Der Göttinger Professor für Politikwissenschaft liefert zum einen eine ebenso kurze wie gelungene, in der Darstellung stets Grundgedanken der Dialektik der Aufklärung reflektierende klassische Theoriehistorie. Zum anderen ruft er die blinden Flecken und die regionale Borniertheit der Mainstream-Politikwissenschaft in Erinnerung. Dagegen setzt er eine sowohl global orientierte als auch dezidiert wertende Darstellung politischer Ideengeschichte.

Die Abhandlung geht von der These aus, dass politische Theorien stets in der Absicht entstehen, politische Machtverhältnisse zu verändern oder vor Veränderungen zu bewahren: „Wenn politische Ordnungen nicht politisch in Frage gestellt werden… gibt es auch keine erwähnenswerten politischen Theorien.“ Das gilt keineswegs nur für Europa oder den Westen, sondern weltweit. Salzborn versteht seine Arbeit als ein „Plädoyer für einen aufgeklärten Universalismus, der begreift, dass Aufklärung und Emanzipation nicht allein ein westliches Projekt sind“, was aber zugleich bedeute, dass auch die Negation von Aufklärung und Emanzipation im globalen Maßstab in den Blick genommen werden muss.

Die Darstellung der klassischen Theorien zur Legitimation staatlicher Herrschaft  ergänzt er durch Exkurse zur anarchistischen Staatskritik etwa von Buenaventura Durruti und Gustav Landauer, und er ruft die in den Konjunkturen politischer Theoriegeschichtsforschung immer wieder aufs Neue in Vergessenheit geratenden feministischen Klassikerinnen wie Mary Wollstonecraft, Olympe de Gouges und Emmeline Pankhurst in Erinnerung. Neben einer Zusammenfassung zentraler Positionen der traditionellen Ausprägungen politischer Theorie, wie sie sich in den diversen Spielarten des Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus vor allem in Europa und Nordamerika artikuliert haben, legt Salzborn einen Schwerpunkt seiner Darstellung auf unterschiedliche Ausprägungen des Antikolonialismus und von Varianten antiemanzipatorischen Denkens außerhalb des westlichen Kontexts. Den sunnitischen Wahhabismus analysiert er als eine Form des „reaktionären Konservatismus“, wogegen er den Neokonfuzianismus in ostasiatischen Gesellschaften als „bewahrenden Konservatismus“ charakterisiert. Antiindividualismus und Opfermythologie nimmt er nicht nur bei europäischen faschistischen Denkern ins Visier, sondern auch beim hinduistischen Agitator Madhav Sadashiv Golwalkar (auf den sich der heutige indische Premierminister Narendra Modi explizit beruft), bei Vordenkern des maoistischen China und in bestimmten Ausprägungen des afrikanischen und lateinamerikanischen Antiimperialismus.

Ausgehend von dem Befund, dass „Rassismus und Antisemitismus auch integraler Bestandteil postkolonialer Gesellschaften sind“, formuliert Salzborn scharfe Kritik an postkolonialen Theorien wie jenen von Edward Said und Gayatri Chakravorty Spivak. Saids einflussreichem Werk Orientalism wirft er mit überzeugenden Argumenten vor, „jede noch so inhumane, barbarische und gegenaufklärerische Entwicklung im ‚Orient’ gegenüber Kritik“ zu imprägnieren. Saids Überlegungen dienten als „Einfallstor für soziale Bewegungen, die unter dem Banner des Antikolonialismus antiuniversalistische und antiaufklärerische Positionen proklamieren.“ Spivak attestiert Salzborn eine Abwehr von „Kritik an sexistischen Praktiken in postkolonialen Gesellschaften“, die letztlich der Argumentation westlicher Rassisten gleiche. Gegen derartige Kritikverbote hält er fest: „Das Problem ist nicht …, politische Theorien aus anderen als den westlichen Kontexten abzulehnen, das Problem ist, sie zu ignorieren.“

Salzborn unterscheidet drei stark differierende Spielarten des Postkolonialismus: Antirassistische und antikoloniale Protagonisten wie Martin Luther King jr. oder Nelson Mandela, die vor dem Hintergrund eines universalistischen Gleichheitspostulats argumentieren, grenzt er von Positionen wie jener Frantz Fanons ab, die zwischen Universalismus und identitären Positionen schwanken; und insbesondere von einem essentialistischen, völkischen und rassistischen Antikolonialismus, wie er sich in Reinform beim panafrikanischen Agitator Marcus Garvey findet, der Kontakte zum Ku-Klux-Klan pflegte und seine politischen Vorstellungen selbst als „Faschismus“ bezeichnete, den Mussolini dann lediglich „kopiert“ habe.

Salzborn wendet sich gegen jegliche Ausprägung des Kulturrelativismus. Der Anspruch seiner globalen Theoriengeschichte besteht darin, zwar „im empirischen Sinn kultursensibel, im normativen Sinn aber universalistisch“ zu sein, woraus sich für ihn eine eindeutige Parteilichkeit für jene wie auch immer beschränkten Freiheiten westlicher Gesellschaften ergibt, die jedoch in ihrer Beschränktheit weiterhin Gegenstand der Kritik sein müssten: „Es lohnt sich dafür zu kämpfen, dass allen Menschen in der Welt mindestens zunächst einmal das Niveau an Freiheit ermöglicht werden sollte, wie sie im Westen realisiert ist – ohne dabei zu übersehen, dass das westliche Versprechen der Freiheit ein ökonomisch halbiertes und dass das Inhumanitätspotenzial im westlichen Denken trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen groß ist.“

In seiner Überblicksdarstellung zur Entwicklung politischer Theorien betont Salzborn, dass sich Aufklärung und Moderne in aller Regel gegen christliche Dogmen durchsetzen mussten, und er verweist auf die Rolle, die islamische Gelehrte wie Ibn Rusd und Ibn Sina bei frühen (und weitestgehend gescheiterten) Versuchen zu einer Vermittlung von Vernunft und Glaube gespielt haben. Das ist umso bedeutsamer, als Salzborn im 21. Jahrhundert die diversen Spielarten sowohl des sunnitischen als auch des schiitischen Islamismus völlig zu Recht und in aller Deutlichkeit als „aggressivste und brutalste Variante“ eines „universalen Antiuniversalismus“ benennt und die „terroristische Realisierung islamistischer Herrschaftsansprüche“ als gegenwärtig größte Bedrohung für Israel ausmacht, dessen Gründung 1948 er nicht nur in seiner weltpolitischen, sondern auch in seiner theoriegeschichtlichen Bedeutung diskutiert.

Universalistische Theoriebildung sieht Salzborn spätestens seit den Anschlägen von 9/11 in der Defensive. In einer Vielzahl gegenwärtiger politikwissenschaftlicher Theoriedebatten konstatiert er eine „Flucht ins Partikulare und Triviale postmoderner Beliebigkeiten, die die intellektuelle Unfähigkeit zur konfliktorientierten Auseinandersetzung um Wahrheitsansprüche paradigmatisch von vornherein suspendiert“, was maßgeblich aus einer Unfähigkeit resultiere, auf Antiamerikanismus, Islamismus und Antisemitismus als die „großen antiuniversalistischen Bewegungen des frühen 21. Jahrhunderts“ mit einer begrifflich selbstreflexiven Kritik zu reagieren. Der Siegeszug der islamistischen Gruppierungen korrespondiere mit einer schwindenden „Empathie für den Kampf für Demokratie und Freiheit in der westlichen Welt“, der sich in Europa zunehmend in einem projektiven Hass „gegen die beiden Staaten richtet, die symbolisch die Ideale von Freiheit und Aufklärung mit militärischer Macht verbinden“, also die USA und Israel. Salzborn arbeitet die Ressentimenthaftigkeit des Antiamerikanismus mit seiner „ambivalenten Mischung von Über- und Unterlegenheit, von Verachtung und Bewunderung, von Ohnmacht und Omnipotenz, von Rachegelüsten und Schadenfreude“ heraus und verweist auf Parallelen zum Antisemitismus, den er sowohl mit der Kritischen Theorie als auch mit Jean-Paul Sartre als projektiv-wahnhafte Reaktionen auf die Moderne und als Hass sowohl auf das abstrakte Denken wie das konkrete Fühlen dechiffriert.

Salzborn wird seinem Anspruch, eine „gesellschaftstheoretisch argumentierende Globaldarstellung der politischen Theorien“ zu schreiben, trotz des knappen Raums weitestgehend gerecht. Vor allem aber formuliert er in seiner auf einen selbstreflexiven Universalismus zielenden Theorie- und Ideengeschichte überzeugende Argumente gegen die „Sakrosantsprechung antiaufklärerischer Bewegungen“ in nicht-westlichen Gesellschaften.

Samuel Salzborn: Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Theorien im Kontext. Nomos: Baden-Baden 2015, 200 Seiten, 29,- Euro, Bestellen?