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Neuanfang im fernen Australien

Buch erinnert an die jüdische Fluchtgeschichte nach Down Under…

Von Roland Kaufhold

Etwa 200.000 jüdische Überlebende harrten 1945 nach Kriegsende in DP-Camps auf eine Emigrationsmöglichkeit. 120.000 gelang die – meist schwierige – Übersiedlung in den 1948 gegründeten jungen Staat Israel, 60.000 wanderten nach Nordamerika aus.

Nach der Shoah überwog bei vielen Überlebenden der Wunsch, Deutschland möglichst rasch und für immer zu verlassen. Je weiter weg, desto besser. Für viele war Australien der neue Zufluchtsort. Der Journalist und Historiker Jim G. Tobias, 2001 Begründer des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts, hat diese Fluchtgeschichten in das ferne Australien in einem mehrjährigen Forschungsprojekt minutiös nachgezeichnet. Über 17.000 Shoah-Überlebende ließen sich in Australien nieder, fanden dort eine neue Heimat. 1954 hatte sich die Zahl der australischen Juden auf 48.000 verdoppeln. Dennoch: Der Neuanfang war schwierig.

Eine im Buch wiedergegebene Erinnerung aus dem Jahr 1950: „Es ist beinahe Mitternacht. Wir befinden uns inmitten einer Stadt mit zwei Millionen Einwohnern – in Sydney. Ihr, die ihr hier geboren seid oder schon seit Jahren hier lebt, werdet dieses Gefühl nicht verstehen. Obwohl es Mitternacht ist, wir erst seit zwei Tagen in Sydney sind, erscheint es uns als unser Zuhause. Schon jetzt stellt sich das gleiche Gefühl von Sicherheit bei uns ein, wie es die Australier haben. Wir vertrauen unseren Mitbürgern und ihrem Land.“ Eine Hoffnung, nach den Jahren der Verfolgung.

Der Autor erzählt in knapper, fesselnder Weise Geschichten dieses Neuanfangs.

Die 1918 in Lubin geborene Lena Goldstein gehört zu seinen Protagonisten. Sie kam 1949 via Paris und Genua nach Sydney. Dort lebt sie noch heute. Sie erinnert sich: „Wir wollten so weit wie möglich weg von Europa. Daher war dieses das bestmögliche Land für uns. Hierher zu gehen war einfach ideal insbesondere nachdem wir herausgefunden haben, welch ein schönes Land das ist.“ Und: „Wir verstanden, was Freiheit bedeutet. Wir kannten diese Freiheit vorher nicht“, erinnert sie sich. „Zu diesem Zeitpunkt verliebten wir uns in Australien. Und unsere Liebesaffäre besteht immer noch, bis heute!“

Die Ankunft zahlreicher jüdischer Flüchtlinge auf Schiffen rief in dem auf Zuwanderung angewiesenen fünften Kontinent, unter den sieben Millionen Australiern jedoch auch heftige Gegenwehr hervor. Auch in australischen Zeitungen wurde vor 65 Jahren die Angst vor „Überfremdung“ geschürt. Die öffentliche Diskussion verlief nicht frei von antisemitischen Untertönen. Der australische Einwanderungsminister Arthur Calwell ordnete deshalb anfangs eine Quote von 25 Prozent jüdischer Passagiere je Schiff an. Erst Ende der 40er Jahre wurde diese Regelung gelockert.

downunderDer Autor enthüllt auch manches pikante Detail, welches uns aus lateinamerikanischen Ländern bekannt sein dürfte: Es kamen nicht nur verfolgte Juden nach Australien, sondern auch zahlreiche NS-Kriegsverbrecher, getarnt als Flüchtlinge.

Beigefügt ist dem Band eine DVD der TV-Dokumentation „Destination: Down Under“, auf der Zeitzeugen aus Sydney und Melbourne zu Wort kommen: 29 Minuten lebendige Zeitgeschichte über jüdische Überlebende, Entwurzelte, die im fernen Australien verzweifelt einen Neuanfang, eine neue Heimat suchten – und fanden. Jim G. Tobias hat eine Lücke in unserem historischen Gedächtnis geschlossen.

Jim G. Tobias: Neue Heimat Down Under – Die Migration jüdischer Displaced Persons nach Australien, ANTOGO Verlag Nürnberg (www.antogo-verlag.de), 120 Seiten, 15 Abb., ISBN 978-3-938286-43-2, 21,90 EUR incl. DVD, Bestellen?

Bild oben: An Bord der SS Derna erreichen DPs den Hafen von Melbourne, November 1948, Foto: fairfaxphoto