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Ein Schatten neben der schillernden Anne?

Zum 90. Geburtstag von Margot Frank, Anne Franks Schwester…

Von ©Heide Kramer, Februar 2016
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Margot Frank. Geboren am 16. Februar 1926 in Frankfurt am Main

„Margot ist in der Schule immer „summa cum laude““, beurteilte Anne Frank in einer Tagebucheintragung ehrfürchtig ihre drei Jahre ältere Schwester. — Trotz aller Bewunderung verwies Anne dennoch ihre Schwester Margot jahrzehntelang ungewollt in eine „Schattenecke“. Denn Anne Frank hinterließ der Nachwelt mit ihren Tagebuchaufzeichnungen aus der Periode 1942 bis 1944 einen wichtigen Zeitzeugenbericht.

Nachweislich hat jedoch auch Margot Frank im Amsterdamer Versteck intensiv Tagebucheintragungen vorgenommen. Aber sie vollzog das unauffälliger. Niemand hat jemals diese Schriften lesen können, da Margots Dokumente in den Verhaftungs- und Plünderungswirren durch die Nazis verloren gingen. Sie blieben im Gegensatz zu Annes Papieren verschollen. Wenn nun auch das Tagebuch der Margot Frank hätte offeriert werden können? Bedauerlicherweise muss diese Frage unbeantwortet bleiben.

Margot — ein Schatten neben der schillernden Anne — ’nur‘ ein selbstverständliches Familienmitglied Frank? — Weit gefehlt!

Richtet man sein Augenmerk gezielt auf diese stille Schwester, wird man schnell gewahr, dass Margot Frank keineswegs ein Schattendasein geführt hat. Bereits in Frankfurt am Main, wo sie am 16. Februar 1926 geboren wurde, gibt es Hinweise auf Margot. Sie ging hier seit 1932 in die Ludwig-Richter-Schule am Eschersheimer Lindenbaum.1) Frau Gertrud Trenz-Naumann, die erste Frankfurter Jugendfreundin der Kinder Frank wusste, dass sich ehemalige Mitschülerinnen an die in die Emigration gegangene Freundin Margot erinnerten.2)

Margot Frank, ein zurückhaltendes, sanftes, wunderschönes Kind mit ausdrucksvollen schwarzen Augen, fiel sofort durch ihre guten Leistungen in der Schule auf. Margot war eine beliebte Mitschülerin. Offensichtlich hatte Frau Edith Frank mit ihrer Erstgeborenen keine Schwierigkeiten. Das dokumentierte ein Babybuch, worin Edith sorgfältig ihre Beobachtungen zum Entwicklungsstand ihrer gehüteten kleinen Tochter festhielt. Aus der ersten Lebensphase der Kinder Frank in Frankfurt am Main existieren sehr anrührende Fotos, die vom Vater Otto aufgenommen wurden. Einige zeigen die dreijährige Margot, wie sie die am 12. Juni 1929 nachgeborene Schwester Annelies Marie umsorgt und beschützt. Die Nachbarskinder, darunter vorrangig die neunjährige Gertrud Naumann, spielten zunächst mit Margot, später wurde auch die kleine Schwester einbezogen.

Als die Familie Frank 1933 Deutschland verlassen musste, machte sich ‚Omi Frank‘ aus der Ferne Sorgen um ihre Enkelkinder. ‚Omi (Alice) Frank‘, die Mutter Otto Franks, lebte zu diesem Zeitpunkt bereits in der Schweiz. Sie äußerte angstvoll in einem Brief an die Frankfurter Freundin Gertrud Naumann, nun müssten die Kinder zwangsläufig eine neue Sprache erlernen und Margot hätte ja auch in eine neue Schule zu gehen. Was solle nur werden, sie seien doch noch so klein.3) Aber die Schwestern Frank bewältigten alles hervorragend. Die Eltern schickten Margot in das Städtische Mädchenlyzeum Amsterdam-Süd, das einen sehr guten Namen hatte. Auch Anne sollte in diese Schule gehen, doch die Schreckensherrschaft der Faschisten machte dieses Vorhaben zunichte.4) Anne besuchte dann Montessori-Kindergarten und -schule in Amsterdam-Süd. Da jüdischen Kindern der Schulbesuch „normaler“ Schulen nach dem Einfall der Deutschen Wehrmacht am 10. Mai 1940 verboten wurde, wechselten Margot und Anne zwangsläufig in das Jüdische Lyzeum über. Inzwischen entwickelte sich Margot zur attraktiven Sechzehnjährigen. Die noch kindhafte Anne fühlte sich der älteren Schwester mit den nun ernsteren Interessen häufig unterlegen und von den Eltern benachteiligt. Aber Margot Frank durfte ihr Leben nicht auskosten. Ihr galt im Juli 1942 unverhofft ein Aufruf von der SS für einen „Arbeitseinsatz“ nach Deutschland. In Wahrheit sollte sie einem Konzentrationslager überstellt werden. Edith und Otto Frank verließen ihre Wohnung am Merwedeplein und flüchteten unverzüglich mit den beiden Töchtern in das seit 1941 heimlich vorbereitete Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263. Zunächst schien es, dass die lebenslustige Anne diese Umstrukturierung besser verkraften würde als ihre Schwester. Wie Anne Frank in ihrem Tagebuch berichtete, stand jedoch ihre Schwester Margot sehr bald unter dem psychischen Druck der gegebenen Realitäten. Ähnlich auch die Mutter. Edith und Margot zogen sich deprimiert in sich selbst zurück, Margot vergrub sich in Arbeit. Hatte sie vielleicht eher das Naturell ihrer Mutter, obgleich sie vom Äußeren dem Vater Otto ähnelte, während Anne ihrem Vater in vielen Wesenszügen glich? Im Gegensatz zu Anne wurde Margot von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen als diszipliniert charakterisiert: Ordentlich, systematisch auf ihre Arbeit konzentriert. Die lebhafte Anne war dagegen kaum zu bändigen und fast immer in Bewegung.

Doch allmählich fühlte sich Anne von den mit ihr im Versteck lebenden Mitgliedern unverstanden. Sie wusste zwar durchaus um die Hintergründe des Geschehens, war jedoch zu jung für die schrecklichen Belastungen, die für sie und die übrigen Eingesperrten zunehmend zur Lebensbedrohung wurden. Hinzu kam die sich allmählich entwickelte Zuneigung zu ihrem jugendlichen Mitbewohner Peter van Pels. Anne mag ihrerseits ihre Schwester Margot und auch die Eltern wohl ebenso häufig missverstanden haben. Sie schrieb aber in ihr Tagebuch, dass Margot im Laufe der Zeit offener wurde und auch für Scherze bereit. Vielleicht hätte sich Margot doch gern enger an Anne und Peter geschlossen obwohl sie dieses – entgegen Annes Vermutungen – widerrief? Im Versteck äußerte Margot einmal gegenüber ihrer Schwester den Berufswunsch, nach dem Krieg in Palästina Krankenschwester werden zu wollen, was Anne etwas herablassend kommentierte. Im Laufe der Zeit verbesserte sich vermutlich das Verhältnis der erwachsener werdenden Schwestern Frank.

Margot und Anne kamen nach ihrer Verhaftung am 4. August 1944 gemeinsam mit den Eltern und den anderen Mitbewohnern aus dem Hinterhausversteck zunächst in das Gestapogefängnis Amsterdam und von dort über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz. Die Menschen wurden dort unmittelbar nach ihrer Ankunft voneinander getrennt. Der Vater Otto verblieb im Stammlager Auschwitz I. Die Mutter Edith geriet mit ihren Töchtern in das Frauenlager Auschwitz-Birkenau. Edith Frank umsorgte ihre Kinder bis zuletzt. Die Schwestern Frank wurden Ende Oktober 1944 mit weiteren Häftlingen von Auschwitz-Birkenau nach Bergen-Belsen deportiert. Edith Frank blieb allein in Auschwitz zurück und starb dort völlig vereinsamt am 6. Januar 1945. Otto Frank überlebte als einziger. Ihn befreite am 27. Januar 1945 in Auschwitz die Rote Armee. Er kehrte auf Umwegen in die Niederlande zurück und übersiedelte Anfang der fünfziger Jahre mit seiner zweiten Ehefrau Fritzi in die Schweiz. Die Mitbewohner aus dem Amsterdamer Hinterhausversteck (Familie van Pels mit dem Sohn Peter und der Zahnarzt Dr. Pfeffer) überlebten Konzentrationslager und Todesmarsch nicht. Im März 1945 gingen Margot und Anne Frank in Bergen-Belsen an den Folgen von Hunger, Kälte und Typhus elend zu Grunde. Anne starb einige Tage später als Margot. Mithäftlinge aus Bergen-Belsen, die zu Zeitzeugen geworden sind, haben überliefert, Anne sei am Tod ihrer Schwester Margot gestorben. Vielleicht aber hätte beide die Gewissheit vom Überleben des Vaters am Leben gehalten.

Quellen

1) ©Anne aus Frankfurt“, Historisches Museum der Stadt Frankfurt am Main, 1990.
2)-3) ©Frau Gertrud Trenz, Frankfurt am Main, verstorben am 1. Dezember 2002 in Frankfurt am Main.
Text/Urfassung: © Heide Kramer, März 2007.
Aquarell: ©Heide Kramer, Hannover. September 2001.
Aktualisiert: Februar 2016

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