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Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie

Große Retrospektive im Jüdischen Museum Berlin vom 26. Februar bis 31. Juli 2016…

Heute eröffnet das Jüdische Museum Berlin die bislang größte posthume Retrospektive des NO!art-Künstlers Boris Lurie mit bislang nie gezeigten Werken. Mit der Ausstellung lädt das Museum ein, den kompromisslosen Künstler und sein hochaktuelles Werk zu entdecken. Als Ankläger von Rassismus, Sexismus und Konsumkultur schuf er Arbeiten, die gleichermaßen Entsetzen wie Faszination hervorrufen. Die umfassende Schau präsentiert in 13 Kapiteln und einem Medienraum das Werk Luries, der 2008 im Alter von 83 Jahren in New York starb. Auf 650 Quadratmetern werden mehr als 200 Collagen, Zeichnungen, Gemälde, Assemblagen und Skulpturen aus allen Perioden seines Schaffens gezeigt.

»Wie kaum ein anderer hat Boris Lurie die radikale künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dem 20. Jahrhundert gesucht«, sagt Cilly Kugelmann, Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin. »Seine Kunst hat nichts von ihrer provokativen Kraft und ästhetischen Radikalität verloren. Das verstörende Moment, das sein Leben so unerbittlich geprägt hatte, spricht mit einer großen kreativen Fähigkeit und aggressiver Wut aus seinen Bildern und Texten.«

Boris Lurie in seinem New Yorker Atelier, 1977 © Boris Lurie Art Foundation, New York – Foto: Joseph Schneberg
Boris Lurie in seinem New Yorker Atelier, 1977, © Boris Lurie Art Foundation, New York – Foto: Joseph Schneberg

»Die Grundlagen meiner Kunst erwarb ich in KZs wie Buchenwald.«

Der 1924 in einer wohlhabenden Familie im damaligen Leningrad geborene Boris Lurie wuchs in Riga auf und überlebte gemeinsam mit seinem Vater das Rigaer Ghetto und die Konzentrationslager Stutthof und Buchenwald. Seine Mutter, Großmutter, jüngere Schwester und seine Jugendliebe wurden 1941 bei Massenerschießungen nahe Riga im Wald von Rumbula ermordet. 1946 emigrierte Lurie mit seinem Vater nach New York. Seine Erfahrung von Verfolgung und Lagerhaft verarbeitete er 1946 mit dem Zyklus »War Series«. Die Zeichnungen, Tuschearbeiten, Skizzen und Ölbilder waren nicht zur Veröffentlichung gedacht und sind erstmals 2013 in New York ausgestellt worden. Über seine spätere Kunst sagte er einmal selbst: »Ich hätte gern angenehme Bilder gemacht, aber es hat mich immer etwas daran gehindert.«

Die NO!art-Bewegung

In New York war Lurie konfrontiert mit einer Gesellschaft, die nicht von Kriegs- und Holocaust-Erfahrungen gezeichnet war. In der ersten US-Medienberichterstattung über die Massenvernichtung in Europa standen Fotos von Leichenbergen neben erotisch aufgeladener Werbung. In Reaktion auf diese kommerzialisierte Gesellschaft gründete er 1959 mit seinen Künstler-Freunden Stanley Fisher und Sam Goodman die NO!art. Sie protestierten gegen einen zunehmend banalen und kommerziell orientierten Kunstbetrieb und verstanden sich als Gegenbewegung zu populären Kunstströmungen wie dem Abstrakten Expressionismus und Andy Warhols Pop Art. Mit Ausstellungen wie »Vulgar Show«, »Involvement Show« und »NO!Show« forderten sie eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen anstelle von inhaltsleeren künstlerischen Moden. Die Gruppe verweigerte sich dem Kunstmarkt, Kunstkritik und Kunsthandel reagierten ebenfalls ablehnend. Lurie positionierte sich damit als künstlerischer und gesellschaftlicher Außenseiter. Nach dem Tod seines Vaters 1964 erbte Boris Lurie unter anderem ein Haus in der Nähe des Central Parks und stieg in den Aktienhandel ein. Als Literat und Lyriker veröffentlichte er den Roman »House of Anita« und den Gedichtband »Geschriebigtes / Gedichtigtes«. Zahlreiche seiner Gedichte und Zitate ergänzen die Kapitel der Ausstellung.

Kapitel der Ausstellung

Unter der Überschrift »Saturation Paintings« werden die verstörenden  Collagen gezeigt, in denen Lurie historische Holocaustfotos mit Pin-up-Motiven aus amerikanischen Zeitschriften kontrastiert. In ihnen verbindet er den Ekel gegen eine Menschheit, die zu millionenfacher Vertreibung und Massenmord fähig war, mit pornografischen Bildern. Diese Abscheu brachte er auch in großformatigen Werken der abstrakten Serie »Dismembered Women« zum Ausdruck. Nach dem Hunger und Krieg in Europa sind die fetten und zerstückelten weiblichen Körper seine Reaktion auf die saturierte amerikanische Gesellschaft der 1950er und -60er Jahre. Luries obsessive Beschäftigung mit dem weiblichen Körper zieht sich durch sein gesamtes künstlerisches Schaffen. In den Serien »Altered Portraits«, »Adieu Amérique« und seinen Skulpturen rechnet er mit gesellschaftlichen Zuständen und der Indifferenz und Charakterlosigkeit moderner Politiker ab. Die großformatigen Werke im letzten Kapitel »Adieu Amérique« sind eine Abrechnung mit den USA, die er zeitlebens ablehnte und doch nicht verlassen mochte. Im Medienraum, der sein Atelier imitiert, werden fünf Dokumentarfilme über die Persönlichkeit und Arbeitsweise Boris Luries gezeigt.

Boris Lurie Art Foundation

Die Ausstellung ist in Kooperation mit der Boris Lurie Art Foundation New York entstanden. Die Boris Lurie Art Foundation widmet sich seit 2009 dem künstlerischen Vermächtnis Boris Luries. Sie hat zahlreiche Ausstellungen u.a. in den USA, Paris, Moskau und zuletzt im Kölner NS-Dokumentationszentrum ermöglicht.

Boris Lurie, A Jew Is Dead, 1964, Collage: Öl, Papier und Klebeband auf Leinwand, 180x312 cm © Boris Lurie Art Foundation, New York
Boris Lurie, A Jew Is Dead, 1964, Collage: Öl, Papier und Klebeband auf Leinwand, 180×312 cm, © Boris Lurie Art Foundation, New York

Der Begleitband »Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie«, herausgegeben von Cilly Kugelmann im Auftrag des Jüdischen Museums Berlin, ist im Kerber Verlag erschienen (176 Seiten mit 200 durchgehend farbigen Abbildungen, deutsch und englisch, Buchhandelspreis: 36 Euro, Museumspreis: 29 Euro).

Laufzeit: 26. Februar bis 31. Juli 2016
Ort: Altbau, 1. OG
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr, montags 10 bis 22 Uhr
Eintritt: mit dem Museumsticket (8 Euro, erm. 3 Euro)
Öffentliche Führungen: sonntags 14.00 Uhr; Kosten: 3 € zzgl. Eintritt, Anmeldung unter  030 – 25993 305
Begleitprogramm: Aktuelle Informationen unter www.jmberlin.de/lurie

Bild oben: Blick in die Ausstellungsräume, © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff