wolffsohn

David Wolffsohn – Aufsteiger, Grenzgänger, Mediator

Schon seit geraumer Zeit erfährt das bis vor einigen Jahren als verstaubt und altbacken geltende Genre der Biographie in den Geschichtswissenschaften ein Revival. Im Mittelpunkt des Interesses stehen jedoch keine Biographien ‚großer Männer‘, deren Anteil an der Geschichte der Biograph oder die Biographin postum zurecht rücken will, sondern das Verständnis für die Lebenswelten und -realitäten zu Zeiten des historischen Protagonisten…

Rezension von Albrecht Spranger

Die Biographie dient, um ein Bild Thomas Etzemüllers aufzugreifen, als methodische Sonde, die einen detaillierten Blick auf die untersuchten gesellschaftlichen Bedingungen erlaubt und dabei die grundsätzliche Offenheit historischer Entwickelungen berücksichtigt.[1] Denn auch wenn es sich für Nachgeborene oftmals so darstellt, ist der Verlauf von Geschichte keineswegs vorbestimmt. Besonders deutlich wird dies durch den Blick auf den Einzelnen. Dessen Motivationen, Handlungen und Entscheidungen erscheinen im Nachhinein zwar als ohnmächtig gegenüber der objektiven Tendenz, bilden aber doch die Grundlage jeglicher historischer Entwicklung.

Auch um die Forschungen zur Geschichte des Zionismus machte dieser biographische Boom keinen Bogen. Dies ist kaum verwunderlich, bietet sich eine lebensgeschichtliche Herangehensweise für das Verständnis der von Widersprüchen geprägten Bewegung doch geradezu an. Was die Geschichte des deutschen Zionismus angeht sind daher in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Persönlichkeiten Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung geworden. Noch laufende beziehungsweise schon abgeschlossene Forschungen beschäftigen sich beispielsweise mit Arthur Ruppin, Nathan Birnbaum, Sammy Gronemann, Heinrich Loewe, Richard Lichtheim, Davis Trietsch oder Theodor Zlocisti. Ein weiteres Beispiel ist die von Ivonne Meybohm verfasste Biographie David Wolffsohns, die bereits 2013 bei Vandenhoeck & Ruprecht erschien. Meybohm widmet sich hier einem der Protagonisten der deutschen wie internationalen zionistischen Bewegung, einem Zionist der ersten Stunde und Nachfolger Theodor Herzls als Vorsitzender der Zionistischen Organisation. Ganz im Sinne der angerissenen methodischen Diskussion bildet jedoch weniger das Leben Wolffsohns, als vielmehr eine Neuinterpretation der Geschichte des Zionismus den Ausgangspunkt von Meybohms Forschungsinteresse: Nicht als lineare Erfolgsgeschichte, sondern als ambivalente Bewegung, deren Ziel und Entwicklung für die Zeitgenossen keineswegs ausgemacht war, will Meybohm den Zionismus darstellen. (S. 12) Dass sie für dieses Vorhaben gerade Wolffsohn auswählt, liege zum einem an seiner herausragenden Rolle innerhalb der Bewegung, als auch an seinem Status als Mediator zwischen verschiedenen Strömungen innerhalb des Zionismus. (S. 13-14)

Ihre Betrachtungen gliedert sie dabei in vier große Abschnitte, die thematisch an Wolffsohn und damit an die Geschichte der frühen Zionistischen Organisation heranführen und bisher unerforschte Aspekte dieser erhellen sollen. Meybohm schreibt jedoch keine chronologische Lebensgeschichte, die mit der Geburtsstunde beginnt und beim Tod endet, beziehungsweise auf Wolffsohns zionistisches Engagement gemünzt, uns vom frühen Kölner Zionisten zum Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation führt. Ein Vorgehen, dem die Tendenz zur postumen Glättung inhärent wäre. Vielmehr versucht sie Wolffsohn über die Betrachtung verschiedener Loyalitäten, Positionierungen und Identifikationsmöglichkeiten greifbar zu machen. Schon das erste inhaltliche Kapitel beginnt daher mit der Untersuchung persönlicher Beziehungen Wolffsohns zu Personen wie Herzl, Bodenheimer oder Nordau, der diversen innerzionistische Positionierungsmöglichkeiten sowie dem Verhältnis Wolffsohns zur nicht-zionistisch jüdischen als auch nicht-jüdischen Umwelt in Deutschland. Durch diese Darstellung der verschiedenen, auch privaten Verbindungslinien Wolffsohns, weist Meybohm darauf hin, dass die zionistische Bewegung keine abgeschlossene und in sich einheitliche politische Bewegung war. (S. 42-43) Auch wenn den frühen Zionisten eine Außenseiterposition zufiel, agierten sie nicht in einem luftleeren Raum, sondern waren Teil der Gesellschaft in der sie lebten und bildeten diverse zionistische Positionen heraus. Meybohm schlussfolgert deshalb: „[…] der Zionismus [muss] in seiner Heterogenität als Teil eines Diskursfeldes diverser Organisationen verstanden werden, die in den Jahren zwischen 1892 und 1914 neben- und in Konkurrenz zueinander bestanden, sich von einander abgrenzten und einander beeinflussten und daraus ihr spezifisches Profil entwickelten.“ (S. 54) Weniger der Anteil Wolffsohns an der Herausbildung und Entstehung des Zionismus gibt also den Faden der Abhandlung vor, sondern die Erzählung entwickelt sich anhand von Anknüpfungspunkten, die sich Wolffsohn zur Positionierung sowohl innerhalb der Bewegung als auch in der deutschen Gesellschaft boten.

Nach dem ersten, der Positionsbestimmung dienendem, Kapitel orientiert sich die Gliederung an drei großen Feldern Wolffsohns zionistischer Parteiarbeit: der zionistischen Innenpolitik, der Rolle als Präsident der Jüdischen Kolonialbank sowie der zionistischen Außenpolitik und Diplomatie. Ein stets wiederkehrendes Muster stellt dabei die Kontrastierung Wolffsohns mit dem ‚Übervater‘ des Zionismus, Theodor Herzl, dar. Denn vor dem Hintergrund dessen mythifizierter Persönlichkeit bewerteten nicht nur die Zeitgenossen Wolffsohn, sondern auch heute stellt die Erinnerung an die Gründerfigur Herzl nachfolgende Protagonisten in den Schatten. Wolffsohn aus jenem herauszuholen und dessen eigenes Profil zu schärfen, ist Meybohms Ziel und gelingt gerade durch die Gegenüberstellung. So habe Wolffsohn nach Herzls Tod beispielsweise innenpolitisch nicht nur die Anfänge eines Demokratisierungsprozesses in der Zionistischen Organisation unterstützt und sich damit von seinem Vorgänger unterschieden, sondern im Gegenteil zu Herzl auch ein „inklusives Verständnis von Zionismus“ (194) gepflegt, das verschiedene Gruppen und Ansichten mit einbezog. Dadurch konnte er in einer Übergangs- und Neuorientierungsphase der Organisation viele Zionisten unter dem Banner der Zionistischen Organisation vereinen, lieferte aber zugleich seinen Gegnern in der Organisation auch Angriffspunkte gegen seine Politik.

Quasi als Nebenprodukt dieser Betrachtungen unterzieht Meybohm den Mythos Herzl einer Dekonstruktion. Gleichwohl entfernt sich die Autorin hierbei an einigen Stellen sehr weit von der Person Wolffsohn. So konzentriert sich beispielsweise ihre Untersuchung verschiedener für Zionisten zentraler Begriffe zu Beginn des fünften Kapitels in erster Linie auf Herzl und seinen innerzionistischen Gegenspieler Achad Haam, als zwei Pole der Diskussion. Sie beleuchtet damit zwei in der Forschung bereits ausgiebig untersuchte Auffassungen, während man eine spezifische Position Wolffsohns hier vergeblich sucht. An solchen Stellen wäre eine stärkere Fokussierung auf den Erzählstrang Wolffsohn wünschenswert gewesen, wenngleich die Autorin natürlich damit Recht behält, dass dieser nur vor dem Hintergrund seiner Freunde, Weggefährten und Kontrahenten zu verstehen ist.

Insgesamt hat Meybohms Studie eine plausible Neuinterpretation der Person Wolffsohn sowie der Jahre seiner Präsidentschaft zum Ergebnis. Denn in der bisherigen Historiographie zum Zionismus, so Meybohm, habe lange Zeit ein verkürztes und distanziertes Wolffsohn-Bild vorgeherrscht, dessen Wurzeln in der, aus der innerzionistischen Opposition hervorgegangenen Nachfolge Wolffsohns und damit in der Geschichte des Zionismus selbst lägen. (S. 191) Diesem Bild einen neuen Blickwinkel, der auf die Ambivalenzen in der Geschichte der Zionistischen Organisation fokussiert, entgegenzusetzen, gelingt der Autorin äußerst überzeugend.

Meybohm, Ivonne: David Wolffsohn: Aufsteiger, Grenzgänger, Mediator. Eine biographische Annäherung an die Geschichte der frühen Zionistischen Organisation (1897–1914), Göttingen 2013.

[1]Etzemüller, Thomas: Biographien: Lesen – erforschen – erzählen, Frankfurt a. Main 2012, S. 8.