plischke_Streicher-Der Jude als Rassenschänder

Der Duft von alter Suppe

Traditionen sind wichtig. Gerade jetzt, zur Weihnachtszeit werden sie hierzulande in vielen Familien gepflegt. Den Christbaum schmücken, das Bleigießen an Silvester und Ressentiments pflegen…

Von Ramona Ambs

Wobei, ich sollte mich nicht so höflich ausdrücken, sonst gibt es wieder Missverstände. Also ich korrigiere mich: Hierzulande werden Traditionen gepflegt: Christbaum schmücken, Bleigießen an Silvester und Menschenhass schüren. Und zwar Menschenhass von der Sorte, der hierzulande auch schon eine lange Tradition hat: den Hass auf den bösen Fremden, der die deutsche Frau bedroht. Früher hatten ja wir Juden diesbezüglich die Arschkarte gezogen. In zahlreichen Karrikaturen wurde das immer gleiche Bild projiziert: hier der dunkle, langnasige, sexgeile und lüsterne Jude – dort das blonde, wehrlose und sittliche Mädchen. „Ein alltägliches Bild auf der Grimmaischen Straße“ lautete zum Beispiel eine solche Karrikatur von Arthur Lewin. Noch eindeutiger „Der Jude als Rassenschänder“ von Plischke/Streicher (siehe Bild oben).

Die Nazis perfektionierten diese Idee. Aus der Zusammenstellung allerlei unterschiedlicher Sexualdelikte suggerierte der Stürmer, dass vom Judentum grundsätzlich eine sexuelle Gefahr ausgehe und man sich vor dieser unbedingt schützen müsse. Lang lang ists her.

Aber das Gelernte sitzt scheinbar tief.
Der Fremde will die deutschen Frauen schänden.

Nur: wir Juden haben „Glück“ – diesmal haben nicht wir die Arschkarte gezogen. Diese Suppe dürfen nun die neuen Fremden auslöffeln. Jetzt sind sie die Rassenschänder, die Vergewaltiger und Kinderfresser. Immerhin haben die ja auch so semitische Nasen und dunkle Gesichter. Da liegt das ja auch irgendwie nahe. Und deshalb wird nun auch überall munter drauf los spekuliert, welcher dahergelaufene Syrer, welcher brutaler Araber oder welch gerissener Balkanizer sich sexuell nicht im Griff hat und wie das genau mit seiner Kultur und Religion zusammenhängt…

Traditionen sind so eine Sache.
Manchmal schmecken sie nach alter Suppe.
Vielleicht sollte man sie doch auch mal in Frage stellen…

3 Kommentare zu “Der Duft von alter Suppe

  1. Hallo Frau Ambs,
    Sie haben eine der neueren Traditionen vergessen: die des Gutmenschentums im negativen Sinne. „Wir“ Deutsche sind geläutert und gut – und verbitten uns die sexuelle Belästigung von Frauen durch Nicht-Deutsche. Zynisch: das können „wir“ deutsche besser … 🙁

    Das eigentliche Entsetzen in den Ereignissen zu Silvester in Köln, Hamburg und anderen Orten ist eigentlich die Einsicht, dass der Staat bzw. die Polizei die „guten“ deutschen Frauen nicht mehr schützen kann. Denn 1. sind die Länder klamm und haben bei der Polizei abgebaut, 2. werden die normalen Streifenpolizisten vom Gesetz her der Lächerlichkeit freigegeben und 3. spart auch der Bund an der Bundespolizei ein, um ja eine schwarze Null zu haben.
    Schwarze Null: das sagt doch schon alles aus …

    Und was dem Menschenhass betrifft: da „wir“ Deutschen uns durch die Silvester-Ereignisse im „unseren“ Hass bestätigt fühlen, „darf“ auch die Politik entsprechen „hart“ reagieren.

    Ach ja, Frau Ambs: die von Ihnen beschriebenen Deutschen Traditionen werden in Österreich und der Schweiz auch gepflegt.
    Was heute politisch in der Schweiz von bestimmten Parteien initiiert wird und zur Abstimmung gestellt wird: dagegen sind die CSU-Vorderungen menschenfreundlich und human.

    Zum Schluss ein Zitat von zeitgenosse, dem ich nur beipflichten kann:
    „Frau Ambs hat recht, das sind Traditionen, Traditionen, die wir Deutschen so rasch nicht ablegen (können).“
    Kyniker

  2. @zeitgenosse:

    Hoffe dies zu verstehen:

    Die Angst vor Veränderungen der bekannten Umwelt, Neuem und Unbekannten ist weltweit ein menschlicher Verhaltensfaktor.

    Die gezielte Agitation bis zum industriellem Massenmord eines Teils der eigenen Bevölkerung etwas Anderes.

    Daher erachte ich persönlich, die oben erwähnte Möglichkeit des Vergleichs, als sicherlich auf die Unterschiede hinzielend.

  3. Danke, Frau Ambs, das haben Sie wirklich treffend geschrieben. Nur gab’s diese perversen Vorstellungen nicht nur als Illustrationen, sondern auch in deutschen Buch-Bestsellern, breit und gefällig ausgewalzt, als Lektüre für den Volksgenossen, zum Hinüberretten über den verregneten Sonntag, sozusagen.

    Wer noch mal nachlesen möchte, wie die Rassenschande im deutschen Roman der 1930er Jahre sich anlas, vielleicht um Vergleiche anstellen zu können, der clicke mal hier hinein:
    http://www.hagalil.com/2013/11/zoeberlein/
    Der Autor, aus dessen Werk da eine einschlägige Passage zu lesen ist, war lange Zeit über ein hochangesehener Kulturschaffender in Bayern, ferner ein Autor mit einer Gesamtauflage von über 1 Million Exemplaren (!), dann fiel er, nach 1945, in Ungnade, bis man ihn schließlich vergaß (oder verdrängte).

    Hier eine typische Passage:

    Ein heißer Tag trieb sie wieder einmal an einen See zum Baden. Hans schwimmt weit draußen, und Berta sieht ihm vom Ufer nach. Da fühlt sie, wie die Blicke der herumliegenden Männer auf ihr ruhen, und als sie stolz abweisend umhersieht, grinsen ihr lauter feixende Judengesichter entgegen, daß sie vor Ekel leise schauert und bange sehnt, Hans möchte bei ihr sein. Sie spürt, daß die Blicke ihr folgen, als sie weggeht, und hört, daß hinter ihr her dreckig gelacht wird. Und sie schämt sich ja so. Plötzlich springt vor ihr ein schwarzgebrannter Judenbengel auf und tritt ihr in den Weg:
    „Darf ich das gnädige Fräulein zum Kaffee einladen – oder zum Eis? Bitt‘ schön! Sehen bezaubernd aus, die Gestalt von einer Venus.“
    „Lassen Sie mich in Ruhe!“
    „Aber warum denn? Ein Mädel allein? Allein ist’s doch nicht schön hier.“ Dazu grinst er hinter seiner Hornbrille wie ein Satan und kommt näher.
    Berta tritt zurück und erbleicht, wie sie sich plötzlich von lauter Juden umgeben sieht, von denen einer nach ihrer Hand fassen will und frech sagt: „Mir gibst Du keinen Korb, nicht wahr, Kleine?“ Er winkt im Kreise und ruft laut: „Auf ins Kasino!“ Und der Chor brüllt, lacht und tobt, daß man das Flehen und Rufen der gefangenen Berta kaum noch hört. „Hans!“ flüstert sie leise, „Hans hilf mir!“ Geile Pfoten tappen sie an und schieben und ziehen an ihr. Sie reißt sich los, aber einer fasst sie erneut und sagt: „Netter Kerl! Wir haben doch ein Auto, darfst mitfahren!“
    Aber da faucht er plötzlich und schlägt die Hand vor sein Gesicht, weil ihm Berta blitzschnell ihre Krallen durchgezogen hatte. Einige Juden stutzen, andere lachen, aber niemand kommt ihr zu Hilfe…

    Frau Ambs hat recht, das sind Traditionen, Traditionen, die wir Deutschen so rasch nicht ablegen (können).

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