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Bremer Mahnmal für „Arisierungs“-Profite

Vom Crowdfunding zum offenen Wettbewerb: Die taz sucht Ideen und Entwürfe für ein „Arisierungs“-Denkmal an der Weser. Auf dem Gelände will auch die Firma Kühne+Nagel bauen, die einst jüdischen Besitz „verwertete“…

Von Henning Bleyl, taz v. 08.01.2016

Die taz hat der Stadt Bremen ein förmliches Kaufangebot unterbreitet: Sie will vier Quadratmeter am Weserufer kaufen – auf einem Gelände, das auch der weltweit drittgrößte Logstikkonzern, Kühne+Nagel, erwerben will, um dort seinen Stammsitz neu zu errichten. Kühne+Nagel war Monopolist bei der „Verwertung“ des Besitzes der aus Westeuropa deportierten jüdischen Bevölkerung. Die taz will die vier Quadratmeter daher als Grundfläche für ein „Arisierungs“-Denkmal erwerben.

Mit 2.000 Euro pro Quadratmeter bietet die taz der Stadt Bremen nun mehr als das Doppelte dessen, was Kühne+Nagel pro Quadratmeter bezahlen soll. Mehr noch: Die taz-Geschäftsführung betont in ihrem Angebot gegenüber den zuständigen senatorischen Stellen: „Sollten Ihnen höhere Angebote Dritter vorgelegt werden, bitten wir um Nachricht, um eine entsprechende Erhöhung unseres Angebots erwägen zu können.“ Möglich ist das auf Grund der großen Unterstützung des Crowdfunding-Aufrufs, den die taz unter dem Motto „Vier Quadratmeter Wahrheit“ kurz vor Weihnachten startete und der bereits über 25.000 Euro einbrachte.

Die taz will mit ihrer Crowdfunding-Aktion auf Zweierlei hinweisen: Darauf, dass es sich ein großes international agierendes Unternehmen auch heute noch leistet, substantielle Teile seiner NS-Vergangenheit unter den Tisch zu kehren – und darauf, dass die Stadt Bremen einen öffentlichen Platz zum Dumping-Preis privatisiert.

Während es Mehrheitsaktionär Klaus-Michael Kühne kategorisch ablehnt, für seinen Neubau, der prominent am Altstadt-Eingang stehen soll, einen Architektur-Wettbewerb zuzulassen, macht die taz nun eine offene Ausschreibung: Gesucht werden gestalterische Ansätze für das „Arisierungs“-Denkmal. Kann man den Abtransport von fast 70.000 Wohnungseinrichtungen bildlich fassen? Wie die Erosion von Empathie und Menschenwürde, die weit verbreitete Diffusion von Verantwortung darstellen? Denn die von Kühne+Nagel zu den „Judenauktionen“ transportierten Besitztümer der Deportierten „geistern“ noch heute als Erbstücke durch viele deutsche Familien.

Bei Kühne+Nagel sind Familien- und Firmengeschichte eng mit einander verwoben: Klaus-Michael Kühne müsste aus dem Schatten von Vater und Onkel treten, um die Geschichte seiner Firma in der NS-Zeit kritisch und gründlich aufzuarbeiten. Zu Beginn seines eben zu Ende gegangenen Jubiläumsjahreserklärte das Unternehmen, seinen Aktivitäten im „Dritten Reich“ habe es „an Relevanz gemangelt“ – obwohl die taz das Unternehmen da längst auf detailliertes Quellenmaterial hingewiesen hatte.

Im Laufe des Jahres machte Kühne+Nagel angesichts der Veröffentlichungen scheibchenartige Eingeständnisse – weigert sich aber noch immer, Historikern Einblick in die damaligen Firmenakten zu gewähren. Wie also kann man der Selektivität von Erinnerung, als Thema, das weit über den speziellen Casus Kühne hinausweist, Gestalt geben?

Um diese Fragen zu beantworten, zieht die taz Fachleute hinzu: Der Wettbewerbs-Jury werden Experten aus politischer Bildung und Kunst angehören wie zum Beispiel Arie Hartog als Direktor des Bremer Marcks-Hauses und Marcus Meyer, wissenschaftlicher Leiter des Denkorts Bunker „Valentin“.

Für das Denkmal stehen die Mittel zur Verfügung, die die taz derzeit sammelt, abzüglich der Grunderwerbskosten. [Zur Crowdfunding Seite] Naturgemäß gibt es einen Realiserungsvorbehalt: Die taz muss kaufen dürfen, die Gremien müssen zustimmen. Dieser Prozess wird nun weiter befördert: mit vielfältigen Entwürfen dessen, was sein könnte. Damit der öffentliche Platz vor Kühne+Nagel mehr bleibt als ein Baugrundstück für eine noch größere Firmen-Repräsentanz.

DER WETTBEWERB

Die taz.nord sucht Ideen für ein Denkmal am Bremer Weserufer, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Stammsitz der Spedition Kühne+Nagel.

Das Thema: Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung Westeuropas, die „Verwertung“ kompletter Haus- und Wohnungseinrichtungen der Deportierten bis hin zu kleinsten Gebrauchsgütern; die Verdrängung dieses Geschäfts, die Verschleierung und Diffusion von Verantwortlichkeit.

Die Jury: Experten aus den Bereichen Politische Bildung und Kunst, so Arie Hartog (Direktor Marcks-Haus) und Marcus Meyer, wissenschaftlicher Leiter des Denkorts Bunker „Valentin“

Die Frist: 20. Februar 2016. Früher eingereichte Ideen haben die Chance auf unverbindliche Vorab-Publizierung.

Die Details zum Wettbewerb als PDF.

Die Einsende-Adresse4qmWahrheit@taz.de

Foto oben: Diesen baumbestandenen Platz an der Weser will Kühne+Nagel bebauen – die taz will dort ein „Arisierungs“-Mahnmal errichten und sucht dafür nach Ideen und Entwürfen. Foto: Bleyl

Getting remembrance a new place

In order not to forget the inherited waste of history we want to raise money for a memorial. Come bid with us!

One million Euros is not a big sum for Kühne+Nagel, the third largest logistics group world wide. And it doesn’t even need the full amount in order to purchase 1.000 square meters of land at the bank of the river Weser that runs through Bremen: The federal state government of Bremen wants 900 Euros per squaremeter for the inner-city area, where the logistics groups wants to errect their headquarters afresh, nicer and higher this time. Kühne+Nagel creates employment for about 1.000 people – an investor therefore, that wants to be cherished.

One million for the taz however, is a lot. Therefore, we are happy with just four square meters of the aforementionend premises on the riverside, which we want to purchase with the help of our readers. But why? Because we urgently need a memorial on this very spot: a visible reminder of the business dealings with National Socialists by the haulage firm that was established in Bremen: Kühne+Nagel secured themselves the monopoly for the exploitation of the whole property belonging to deported Jews from Western Europe.

he company, whose head – Klaus-Michael Kühne – is the son of the owner at that time, doesn’t want to remember – and doesn’t want to be reminded: questions by historians are being appeased, the company archive is taboo for experts. All the documents of that time are supposedly burnt, that is the stereotypical answer one gets, even though it has been disproved ages ago.

In 2015 Kühne+Nagel celebrates it’s 125th anniversary with an elaborate history marketing including nostalgic movies and pictures. Amongst the courteous congratulants are mayors and senators, Hamburg also pays tribute to Klaus-Michael Kühne. The taz accompanied the anniversary year critically from the very beginning: It consulted historians and archives and found the contracts in the Holocaust Memorial Centre in Monreal, with which Kühne+Nagel displaced their jewish partners in 1933.

Even though this created a lot of media attention, Kühne+Nagel instists persistantly to have been a victim itself „of the great economical difficulties in these dark times“. The salary of the then manager, Alfred Kühne, however had increased enormously.

The bargain price for which Bremen wants to sell the development site to Kühne+Nagel can also be a positive thing: We are able to bid as well. With a minnimum of 4.400 Euros for four squaremeters we would even be easily above the price, Kühne+Nagel is asked to pay. Subject to the budgetary emergency situation in Bremen, shouldn’t the taz be able to get a chance? At the very least, our bid should be a clear political signal: Civil society will not tolerate it if companies that play a prominent role – then or today – refuse to account for the company’s past.

This is not a matter of one medium-sized company and how it muddled through the NS-times, this is about how Kühne+Nagel had cleared out 72.000 jewish flats and houses and supplied, amongst other things, the „Jew-Auctions“ with goods. Frank Bajohr, head of the Centre of Holocaust Studies at the Munich Institut for contemporary history attests Kühne+Nagel a „relative closeness to mass murder“, the hauling firm conducted a form of „robbing of dead people“. During the Second World War Nagel+Kühne developed into the leading logistics partner of the Wehrmacht – and it still is for the Bundeswehr today.

The sales negotiations with Kühne+Nagel are already well underway. The public space along the Weser bank that is supposed to become the building site has already been tested for inherited waste in the ground. In order not to forget the inherited waste of history we have to be quick: We have already raised the money for the four squaremeters. Any additional money will be put into the construction of the memorial. Come bid with us!

TEXT: HENNING BLEYL, taz 
TRANSLATION: MAREIKE BARMEYER