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Man muss den Mond tanzen lassen

Ramona Ambs legt mit ihren neuen Roman „Mrozek“ eine sensible Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihrem Platz im Leben vor und kreiert nebenher ein neues Genre, den Paragraphoman…

Mila Mrozek, gestrandet in einer fremden Stadt nach einer gescheiterten großen Liebe, versucht sich ein neues Leben aufzubauen. Ein bescheidenes, mit einem Ein-Euro-Job im Altenheim, in einer zweifelhaften WG untergekommen. Doch auch diese Versuche werden durch Bürokratie und Paragraphen fast zerstört. Daher erzählt die Autorin die Geschichte nicht in Kapiteln, sondern in insgesamt 44 Paragraphen, die das Leben Milas scheinbar bestimmen: „Die Würde des Menschen ist paragraphierbar. Und nicht nur die Würde, sondern auch der ganze restliche Rest, der sich Leben nennt.“

Das Altersheim ist der Mittelpunkt der Veränderung Milas, die sich in einer Starre befindet und nach dem Straucheln an den Paragraphen in ein eisiges Loch fällt. Ramona Ambs erzählt zugleich schnell wie auch langsam, schafft es die Momente detailliert einzufangen und dann wieder einen großen Bogen zu ziehen. Es sind die Begegnungen und Beziehungen, die Mila geprägt haben, die Mutter, die nicht mehr lebt, der Bruder, der nicht mehr lebt, der Puppenspieler, der ihre große Liebe war. Es sind dann auch Begegnungen, die Mila aus ihrer Starre befreien, Rosalind aus dem Altersheim, die nachts immer hinaus geht, um Schneeflocken mit dem Mund zu fangen, der ehemalige Rechtsanwalt Jakob, ein neuer Heimbewohner, der voller Lebensenergie ist, und Mazlum, der türkische Pfleger, ein schräger Vogel, der Mila in ihrer Einsamkeit schließlich erreichen kann und ihr hilft da anzukommen, wo sie hin will.

Viele Themen werden angesprochen, ohne sie ganz aufzudröseln. Das ist aber genau die Stärke des Romans, der dem Leser abverlangt, die Hintergründe selbst zu ergründen. Die Autorin lässt den Leser oft mit Andeutungen zurück, die dem Erzählfluß eine Leichtigkeit geben, die im deutlichen Gegensatz zum Erzählten steht –  eine Erzählung, die sich niemals aufdrängt, auch wenn die Seele der Protagonistin „schwarz und regungslos und müde“ ist.

Wie auch schon in ihrem ersten Roman, „Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter“, übergibt Ramona Ambs dem Leser eine sehr zwiespältige Protagonistin, die man einerseits aufrütteln will, aufwecken, sogar ermahnen möchte, vor die man sich andererseits gerne schützend stellen will, weil das Leben für sie einfach zu schwer ist. Und noch eine Gemeinsamkeit gibt es, wieder ist die Protagonistin Jüdin, die zwar ihr Judentum nicht aktiv lebt, jedoch davon in ihrer Kindheit und durch das Umfeld geprägt wurde. Mila Mrozeks Geschichte wird jedoch ein gänzlich anderes Ende finden, so viel sei verraten.

Ramona Ambs wurde 1974 in Freiburg geboren, studierte Germanistik und Pädagogik und publizierte bereits während des Studiums Gedichte und Essays. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin, unter anderem für das Satiremagazin „Prinzessinnenreporter“ und haGalil.

Ihr zweiter Roman sei allen sehr ans Herz gelegt, der ideale Lesestoff  für die Feiertage, mit oder ohne Schneefall draußen.

Ramona Ambs, Mrozek. Ein Paragraphoman, BoD 2015, 272 S., Euro 9.90, Bestellen? Kindle-Version Euro 4,99