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Die Bücher der Überlebenden

Drucke aus den jüdischen Displaced Persons Camps – Ausstellung der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover…

Von Jim G. Tobias

„Die Nazis haben zusammen mit den Juden auch die jüdischen Bücher auf den Scheiterhaufen verbrannt“, konstatierte bitter ein Mitglied des Jewish Labor Committee nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus. Er appellierte an die US-amerikanischen Glaubensbrüder und  -schwestern, für die Überlebenden der Shoa Bücher zu sammeln. Zwischen 1945 und 1950 befanden sich Zehntausende in den Displaced Persons Camps (DP) der westlichen Besatzungszonen Deutschlands und warteten dort auf eine Ausreise nach Erez Israel oder Übersee.

Die zumeist aus Osteuropa stammenden jüdischen DPs begannen in ihren „Wartesälen“ schon früh mit dem Aufbau von Bibliotheken. Im Herbst 1945 verfügte das DP-Camp Geringshof (Hessen) bereits über eine kleine Bücherei mit Lesesaal. Eine der ersten großen Bibliotheken, mit rund 900 Bänden, wurde im Januar 1946 im DP-Lager Landsberg (Bayern) eröffnet.

Sammlung von KZ- und Ghetto Liedern von Samy Feder, Repro: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek
Sammlung von KZ- und Ghetto Liedern von Samy Feder, Repro: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek

Zwar schickten Juden aus aller Welt Lesestoff nach Deutschland, doch das Verlangen der Shoa-Überlebenden nach dem gedruckten Wort konnte nicht gestillt werden – Bücher hatten den gleichen hohen Stellenwert wie Brot. Deshalb griffen die DPs zur Selbsthilfe und begründeten eine ungeahnte Publikationstätigkeit. Über hundert jiddischsprachige Zeitungen und Magazine wurden verlegt, zahlreiche literarische Werke, Schulbücher und religiöse Schriften auf den Druckmaschinen deutscher Druckereien hergestellt.

Papier war zu dieser Zeit jedoch Mangelware und wurde streng rationiert.

Wenn es Zuteilungen gab, handelte es sich um minderwertige Qualität – meist holz- und säurehaltiges Material. Zudem konnten die Bücher und Broschüren nur notdürftig gebunden werden – oft nur mit Metallklammern zusammengeheftet. Manchmal wurden Bücher derselben Auflage auf unterschiedlichem Papier gedruckt oder erhielten verschiedene Einbände. Viele dieser Schriften befinden sich, nach rund 70 Jahren ihrer Drucklegung, in keinem guten Zustand: das Papier ist vergilbt und brüchig, die Umschläge zeigen starke Gebrauchsspuren. Dennoch haben diese Bücher einen hohen Wert.

Eine Auswahl dieser einzigartigen Publikationen ist in einer kleinen Sonderausstellung in der Villa Seligmann zu sehen. Unter dem Titel „Nach der Befreiung. Dokumente aus jüdischen Displaced Persons Camps“ zeigt die Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek Kostbarkeiten aus ihrem Bestand. Seit Jahren sammelt sie diese Drucke. Kürzlich gelang es der Bibliothek ca. 300 Schriften, Bücher, Zeitungen und Broschüren aus einer der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt zu erwerben. Herausragendes Objekt dabei ist der 19-bändige „Survivor’s Talmud“, der im Originaleinband überliefert ist.

Jiddische Eisenbahn Geschichten von Scholem Alejchem, Repro: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek
Jiddische Eisenbahn Geschichten von Scholem Alejchem, Repro: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek

Nahezu alle Bücher und Broschüren erschienen damals mit hebräischen Lettern, in jiddischer oder hebräischer Sprache. Neben religiösen Schriften, Romanen, Fach- und Schulbüchern, haben viele Publikationen die Aufarbeitung nationalsozialistischer Verfolgung zum Thema. Es sind frühe Zeugnisse, die bislang als Quellen kaum erschlossen wurden, da sie für viele deutsche Historiker nicht lesbar sind. Die Bücher spiegeln aber auch eine nicht für möglich gehaltene Renaissance der jüdischen Kultur im Land der Täter wider.

Eine der größten Sammlung, mit rund 400 Schriften, befindet sich nun in den Magazinen der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek. Mit der Ausstellung „Nach der Befreiung“ werden einige dieser beeindruckenden Publikationen gezeigt, die authentisch und berührend vom Lebensgefühl der Menschen in den jüdischen Auffanglagern erzählen.

Nachdem die DP-Camps geschlossen wurden und die Menschen eine neue Heimat in Israel, den USA, Kanada oder Australien fanden, landeten viele der Drucke im Altpapier, bei Sammlern, verstaubten auf Dachböden oder in Kellern. Manchmal nahmen die Lagerbewohner einige Bücher auch mit auf ihre Reise, denn nach Ansicht des jüdischen Schriftstellers Jitzack Perlow sollte „kein Buch im Land der Scheiterhaufen“ zurückbleiben. Einige wenige Exemplare aus Nachlässen gelangten in den letzten Jahren in den Handel. Viele Bücher befinden sich jedoch immer noch verstreut in der ganzen Welt, teilweise unentdeckt im Privatbesitz.

Die Ausstellung in der Villa Seligmann, Hannover, Hohenzollernstr. 39 ist noch bis zum 1. Dezember 2015 zu sehen. Sie kann im Rahmen der Vorträge und Konzerte eine Stunde vor Beginn und in den Pausen besichtigt werden. Anfrage für Gruppenführungen unter: karten@villa-seligmann.de. Ein kleiner Katalog ist für 4,- € erhältlich.

Von woher und wie die präsentierten Bände letztlich nach Hannover gekommen sind, erzählt der Privatsammler Jehoshua Pierce am Donnerstag, den 12. November, um 19.30 Uhr. Seit Jahren sammelt er diese Drucke aus den DP-Camps. Im Gespräch mit ihm wird die Entstehungsgeschichte der Bücher sowie die heutige Bedeutung für die Wissenschaft thematisiert. Bereits um 19 Uhr gibt es die Gelegenheit, die Ausstellung im Rahmen einer Führung zu besichtigen.