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Ein schlecht geschriebenes Märchen

Seit dem Bombenanschlag von Ankara fühle ich mich vollkommen einsam, und es scheint, als werden wir es lange nicht schaffen, unser Leid zu klagen. Am 10. Oktober 2015 kamen in der türkischen Hauptstadt Ankara fast einhunderttausend demokratisch gesinnte Menschen zusammen, doch dann sprengte sich ein Selbstmordattentäter, der einen osmanisch anmutenden Turban aufzog, in die Luft und riss dabei nach offiziellen Angaben 97, nach Angaben der betroffenen NGOs mehr als 128 Menschen mit in den Tod…

Von Eyüphan Erkul

Der Regierungssprecher Numan Kurtulmuş sprach, als er die ersten Opferzahlen verlautbaren ließ, von “x Stück Menschen”, als seien es Sachen, von denen er sprach. Seine erste Presseerklärung hatte er seinerzeit ohnehin als “Forstminister” gemacht.

Noch während der ersten Minuten nach dem Anschlag stellten es die türkische Regierung und die ihr nahestehenden Medien so dar, als seien die Opfer an ihrem Schicksal Schuld, als handele es sich bei allen um Terroristen. Wenig später behaupteten regierungstreue Trolle auf Twitter, “sie haben das Attentat selbst begangen”. Dabei hatte sich eine Tragödie ereignet, deren Dimension Minute um Minute schlimmer wurde, und die Einsamkeit, die ich nach dem Attentat fühlte, war wohl ein Gefühl, das ganze Gruppen von Menschen gemeinschaftlich erfasste. Es war die Einsamkeit der Menschen, die wie ich an die Demokratie glauben und ihre Regeln respektieren. Denn vor allem nach dem schrecklichen Attentat müssen wir sehen, dass die Anhänger der AKP und ihre Institutionen im Lichte dessen, was uns als Nachrichten und Kommentare präsentiert wird, nicht einmal die grundlegendsten Begriffe der Demokratie kennen. Sie verhalten sich, als seien ihnen die Grundrechte ein vollkommenes Fremdwort. Um ihnen das einfachste zu erklären, müsste man bei der Magna Charta beginnen.

Alleine Beispiele hierfür anzuführen wird mein Einsamkeitsgefühl noch einmal intensivieren, aber ein paar Beispiele muss ich einfach erwähnen: Als der bekannte Akademiker Soli Özel gestern als Teilnehmer einer Gesprächsrunde bei CNN Turk die Worte seines Gegenübers hörte, verlor er die Fassung und erklärte dem Anhänger der Regierungspartei die grundlegenden Pflichten eines Staates. In der TV-Diskussionsrunde sollte eigentlich über das Bombenattentat von Ankara gesprochen werden, doch Vertreter der türkischen Rechten lenkten ständig vom Thema ab und führten ähnliche Attentate an, die im In- und Ausland geschehen sind, und vertraten kaltschnäuzig die Ansicht, zu solchen Vorfällen komme es doch überall auf der Welt. Als gelte es, einen Serienmörder zu verteidigen, bemühten sie sich ganz bewusst, die Barbarei als alltäglich darzustellen. Zwischendurch übertrieben sie das Ganze noch krasser und hinterfragten, ob der Staat überhaupt für Sicherheit bei politischen Veranstaltungen zu sorgen habe. Soli Özel und weitere Gäste regten sich darüber so sehr auf, dass sie wie hyperaktive Komiker aus italienischen Filmen herumsprangen und zu erklären versuchten, dass es selbstverständlich zu den grundlegenden Aufgaben eines Staates gehört, das Leben seiner Bürger zu schützen. Ich muss noch immer über diese Szenen lächeln, denn als Dramaturg ist mir bekannt, dass das Übertreiben tragischer Szenen in Drehbüchern zur Komik führt – und gerade so geht es auch uns, denn man hindert uns daran, unsere Trauer auszuleben und verstärkt unser Leid dadurch so sehr, dass es bereits komische Züge anzunehmen beginnt!

Die Meinungsführer der türkischen Rechten versuchen sowohl in der Presse als auch im Fernsehen wie auch mit Hilfe der 6.000 von der Regierung bezahlten Trolls im Internet seit einigen Tagen eine bestimmte Wahrnehmung des Ereignisses zu erzeugen, der zufolge die prokurdische Partei HDP ihre eigene Wahlveranstaltung bombardiert, um dadurch ihren Stimmenanteil bei der kommenden Wahl zu erhöhen. Solche unsinnigen Einschätzungen wurden sogleich nach dem Bombenattentat verbreitet. Dabei bemüht man sich weder um Beweise noch Hinweise, dass dies der Fall sein könne. Diese Vorgehensweise ist schon zur Gewohnheit geworden. Zuvor wurde bereits behauptet, dass Friedensdemonstranten, die von der Polizei erschossen wurden, von den eigenen Mitdemonstranten getötet worden seien, und als dann die Wahrheit Monate später ans Licht kam, stand dieser Vorfall schon längst nicht mehr auf der Tagesordnung, so dass ein großer Teil der Bevölkerung die falsche Darstellung in Erinnerung behielt. Auch jetzt geht es wieder darum, eine ähnliche verzerrte Wahrnehmung zu fördern, indem man auf Verschwörungstheorien verweist, an die ein Großteil der Bevölkerung glaubt. Dagegen gelingt es uns gewaltlosen Demokraten leider nicht, der Bevölkerung die Wahrheit zu vermitteln.

Da wir auch allzu wenig Unterstützung aus dem Ausland erfahren, sind wir Demokraten der Türkei zur Einsamkeit verdammt. Uns wird nicht einmal gestattet, unsere Toten zu beerdigen, wie Antigone beschuldigt man uns, und es wird uns nicht ermöglicht, menschliche Werte zu vertreten, die anderswo selbstverständlich geworden sind. Trotz all der Ähnlichkeiten spricht niemand von König Kreon. Es scheint so, als ob es den meisten ausreicht, die Türkei als ein heruntergekommenes Land des Mittleren Ostens anzusehen, und es wirkt leider so, dass diese Regierung, die sich nur aufgrund windiger Interpretationen von Gesetzeslücken in der Verfassung als Minderheiten- und Übergangsregierung bis zur geplanten Wahl an der Macht halten kann, wirtschaftlich, diplomatisch und durch das Fortführen “normale Beziehungen” weiterhin unterstützt werden wird. Wir sind uns leider inzwischen sicher, dass Erdöl und Waffenhandel viel wichtiger sind als die Demokraten der Türkei.

So kann es dazu kommen, dass die türkische Tageszeitung Star, die einem der Regierung nahestehenden Unternehmer gehört, ohne jeden Beweis behaupten kann, die Opfer selbst hätten, als sie tanzten, dem Selbstmörder Anweisung gegeben, sie alle in die Luft zu sprengen. Es ist unglaublich, aber das ist ernst gemeint, und es wird wirklich allen Ernstes behauptet, die Opfer des Bombenanschlags hätten Anweisung gegeben, sie selbst in die Luft zu sprengen. Und eine solche unsinnige Theorie kann auf der ersten Seite der Zeitung als Schlagzeile veröffentlicht werden – und wird ernst genommen!

Eine andere Tageszeitung, Akşam, die einem anderen, der Regierung nahestehenden Unternehmer gehört, versteigt sich zu der Behauptung, das Bombenattentat sie von Beshir Assad und der PKK gemeinsam geplant und durchgeführt worden. Menschen, die diesem Unsinn Glauben schenken, kann man leider auch kaum vermitteln, dass es zu den Aufgaben eines Staates gehört, die öffentliche Sicherheit bei Wahlveranstaltungen zu gewährleisten. Das akzeptieren diese Leute ganz einfach nicht. Und so können schließlich auch die Todesopfer sowie diejenigen, die um sie trauern, zu “Terroristen” erklärt werden. Zwar wurde dann doch eine Staatstrauer verkündet, doch das ist lediglich der Versuch, der Weltöffentlichkeit Betroffenheit vorzugaukeln, die in Wahrheit nicht vorhanden ist.

In Wirklichkeit wurden die Menschen, die den Verwundeten helfen wollten, von der Polizei mit Gaspatronen beschossen, man verhinderte die Anfahrt der Krankenwagen, so dass diese eine halbe Stunde später als möglich eintrafen, und niemand kann ermessen, wievielen Menschen das das Leben kostete. Wir werden das wohl niemals erfahren. Die Stadtverwaltung, die ebenfalls in den Händen der Regierungspartei steht, schickte nicht einmal Leichenwagen zum Abtransport der Todesopfer, die Mordkommission erschien erst Stunden nach der Tat, um Beweise am Tatort aufzunehmen, der erste Staatsanwalt, der zwei Stunden nach dem Attentat eintraf, erklärte sich als nicht zuständig und ging einfach wieder, und der Ministerpräsident beschuldigte in seiner ersten Stellungnahme zu dem Massaker die prokurdische Partei HDP mit harten Worten.

Doch damit nicht genug, der Justizminister schämte sich nicht, öffentlich auf die Frage, ob er an einen Rücktritt denke, einfach zu grinsen – und blieb im Amt. Der Ministerpräsident stellt sich zwei Tage nach dem Bombenattentat hin und verkündet öffentlich, man habe eine Liste potenzieller Attentäter, doch könne man die ja nicht verhaften, bevor sie ihr Attentat begangen haben – zuvor seien sie ja noch unschuldig. Als ob es in den türkischen Gesetzen Begriffe wie “Gefahr im Verzuge” nicht gebe. Und der zu erwartende Aufschrei der Öffentlichkeit bleibt aus.

Die Menschen, die durch das Bombenattentat ums Leben kamen, waren aus allen Teilen der Türkei angereist, und wurden zur Beerdigung in ihre Heimatorte transportiert. Was geschah dort? Auch dort griff die Polizei die Leichenzüge mit Tränengas, Schlagstöcken und Wasserwerfern an. Im Istanbuler Stadtteil wurden junge Leute unter dem Vorwand verhaftet, sie sähen aus, als ob sie zur Beerdigung von Todesopfern gehen wollten! Heutzutage ist jeder verdächtig, der einen Rucksack trägt, und muss zumindest damit rechnen, ohne jeden richterlichen Beschluss durchsucht zu werden. Wie soll es in einer solchen Atmosphäre möglich sein, über die Versäumnisse der Polizei, der Geheimdienste, der Regierung und des Staates zu sprechen, die zu diesem tragischen Attentat führten?

Auch ich bin einer derjenigen, die häufig an Friedensdemonstrationen teilnehmen, und es ist lediglich einem Zufall zu verdanken, dass an diesem Tag nicht in Ankara mit dabei war. Sonst hätte ich eines der Todesopfer am Bahnhof von Ankara sein können. So kommt es mir nun so vor, als ob ich die Tage nach meinem eigenen Tod miterleben muss, und ich kann mir nichts Schrecklicheres vorstellen, nichts, dass einen einsamer fühlen macht, als dieses Erlebnis.

Auch ich fühle mich so, als ob ich außer mir geraten könnte, um mir wie Soli Özel bei der Diskussionsveranstaltung in CNN Turk die Haare zu raufen und wie ein Komödiant herumzuspringen, um der Gegenseite meine Gefühle zu vermitteln. Während dieser Sendung behandelten sie die Vertreterin der prokurdischen Partei, die mit 13 Prozent der Stimmen in das Parlament eingezogen ist, wie eine Terroristin. 400 Gebäude dieser Partei wurden im letzten Monat landesweit beschädigt und angegriffen, und nicht einer der Täter gefunden, niemand verhaftet. Auch Ahmet Hakan, der Moderator der Sendung, ist vor wenigen Wochen wegen seiner regierungskritischen Artikel und Sendungen von mafiosen Gestalten zusammengeschlagen worden, wobei ihm Nase und Rippen gebrochen wurden – die Täter sind, obwohl ermittelt und gefasst, auf freiem Fuß.

Wir leben in der befremdlichen Situation, dass die Hälfte der türkischen Bevölkerung entschieden demokratisch gesinnt ist, und universelle, humanistische Werte teilt. Es handelt sich um Menschen, die ein hohes Ausbildungsniveau besitzen, doch da die Regierung fast ausschließlich ihren eigenen Anhängern Arbeit und Brot gönnt, ist ein großer Teil dieser gut ausgebildeten Menschen arbeitslos. Neben all den Problemen, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt, werden diese Menschen auf Wahlveranstaltungen ermordet, werden Theaterstücke verboten, werden unliebsame Fernsehserien eingestellt, Bücher konfisziert, können nicht einmal zu Abgeordneten gewählte Bürokraten kurzerhand zu Ministern ernannt werden, werden Wälder abgeholzt, Wasserläufe trocken fallen gelassen, und uns gelingt es nicht, die Weltöffentlichkeit für alles dies zu interessieren. Die demokratische Mehrheit der Türkei findet den Palast, den sich Recep Tayyip Erdoğan mit 1.100 Zimmern hat errichten lassen, lächerlich und schrecklich, aber es gelingt uns nicht, der anderen Hälfte der Bevölkerung klar zu machen, dass Paläste heute ganz einfach nicht mehr zeitgemäß und akzeptabel sind. Es wird Tag für Tag klarer, dass wir die Einsamkeit, die die leeren Gänge des Palastes ausstrahlt, weiterhin empfinden und unsere Albträume so aus uns herausschreien müssen, wie es Macbeth einst tat.

Eyuphan Erkul ist Drehbuchautor und lebt in Istanbul