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Die Einsamkeit des Mannes des Jahres

 

Nachdem das „Time“-Magazin vor Jahrzehnten den „Mann des Jahres“-Gimmick eingeführt hatte, infizierten sich die Medien weltweit mit dieser Krankheit. Die in Frage kommende Person ist ein Mann oder eine Frau, dessen bzw. deren herausragende Bedeutung vom System anerkannt ist. Dieser Gimmick hat Zeitungen aufgrund ihrer Arroganz oder Fehleinschätzung mehr als einmal direkt in den Müll befördert. Auf jeden Fall sprechen wir hier über ein schon häufig benutztes Patent…

Kommentar von Yoel Marcus, Haaretz, 11.09.2015
Übersetzung von Daniela Marcus

Als ein Land, dem es nicht an Feiertagen mangelt, sucht Israel bis zur Erschöpfung nach seinem Mann des Jahres. Einer dieser hektisch Suchenden ist der Autor dieser Kolumne. Eines Tages zu Rosh Hashana schrieb ich nicht darüber, wer der Mann des Jahres sein werde, sondern ich fasste die wichtigsten vergangenen Ereignisse eines erhabenen Politikers, der zum Präsidenten gewählt worden war, zusammen. Ich erklärte, warum der Mann glaubte, er habe es verdient, in die Geschichtsbücher einzugehen. Und ich lobte Shimon Peres als die Person, die die erste Siedlung namens Sebastia gebaut hatte.

Am nächsten Morgen wurde ich früh durch einen Anruf von der Sekretärin des Präsidenten geweckt: „Der Präsident möchte dich sprechen.“ Ich war überzeugt, dass Peres, der sich oft selbst lobt, mir für meinen Artikel danken wollte. Und so sagte ich fröhlich zu ihm: „Guten Morgen Shimon.“ Peres schnauzte mich mit rauer Stimme an: „Ich baute die erste Siedlung? Das tat ich? Und wer baute den Atomreaktor? Wer brachte die Flugzeuge aus Frankreich hierher? Du Bastard.“ Er knallte den Hörer auf. Und seitdem hat er nicht mehr mit mir gesprochen, so dass ich eine doppelte Strafe erhielt: Fluch und Verbannung. Und der Mann verdient es jedes Jahr.

Im Mai 2012 wählte das „Time“-Magazin Benjamin Netanyahu nicht als „Mann des Jahres“, sondern es nannte ihn auf seiner Titelseite „König Bibi“ und sagte, er habe wie ein König gehandelt, er habe nur einen Berater gehabt: Bibi. Jeder, der diesen Kitsch las, hätte gerne Mäuschen gespielt und gehört, wie Bibi Bibi empfiehlt, jede Chance auf Frieden zu torpedieren und uns in einen weiteren Krieg zu verwickeln, über den er behaupten würde, wir hätten ihn gewonnen. Noch solch ein Sieg und wir sind geliefert.

Und was hat König Bibi dieses Jahr gemacht? Er forderte den amerikanischen Präsidenten in dessen Haus heraus, er kämpfte aus unbekannten Gründen mutig für die Gas-Riesen, er rief zu vorgezogenen Neuwahlen auf und wurde entgegen jeder Prognose wieder als Premierminister gewählt, und zwar mit Hilfe der Lüge, nach der die Araber in Scharen zu den Wahlurnen gingen. In den letzten Tagen hat er unerwartet alle Feiertags-Interviews mit den Medien abgesagt, um mit seiner Frau nach England zu reisen. Wenn das unser Mann des Jahres ist, dann steht es schlecht um uns.

Oppositionsführer Isaac Herzog ist weder Mann des Jahres noch sonst etwas. Er ist eine große Enttäuschung für das Volk. Während der Wahlkampagne wurden hinter den Kulissen Flüche von ihm aufgeschnappt, die beweisen sollten, dass er ein Mann ist. Doch tatsächlich sieht es so aus, als ob er sich bei Bibi einschmeichelt, und er ist damit beschäftigt, sich als Sicherheitsexperte darzustellen.

Arie Deri, Vorsitzender der Schas-Partei, fügte den Namen Mahlouf zu seinem Namen hinzu als Teil seiner subversiven Welle, mit der er sein Misrachi-Erbe überrollt. Doch er wurde eine nationale Figur von unvergleichbarer Wichtigkeit, ein entscheidender Faktor in der Gas-Deal-Affäre. Doch trotz des Ärgers, den er Netanyahu bereitet, fährt er damit fort, dem Premierminister zu helfen, ewig an seiner Macht festzuhalten.

Avigdor Lieberman, Vorsitzender der Partei Yisrael Beiteinu, läuft herum, als könne er über das Schicksal von anderen entscheiden. Er hat Netanyahu zu einer Koalition mit nur geringer Stimmenmehrheit verurteilt und erschwert somit Netanyahus Leben. Es liegt in Liebermans Macht, die Regierung zu stürzen, doch bis jetzt hat er nur bewiesen, dass er, wenn nötig, gemeinsame Sache mit ihr macht (z. B. bei der Wahl von Kandidaten für die juristische unabhängige Kommission und bei der Unterstützung des Gas-Abkommens).

Yaakov Litzman, der bis vor kurzem ein erfolgreicher stellvertretender Gesundheitsminister war, erkannte dieses Jahr endlich den Staat Israel an und wurde ein regulärer Minister. Wie es aussieht ist der Tag, an dem die Männer des Jahres an Gott glauben müssen, nicht weit entfernt.

Die einzige Person, die den Titel „Mann des Jahres“ verdient, ist Peres‘ Nachfolger Reuven Rivlin. Er schaffte es, Präsident zu werden, obwohl Netanyahu alles tat, um dies zu verhindern. Es hat sich herausgestellt, dass der Likud-Extremist Rivlin ein Unterstützer des Friedens ist und ein Bollwerk gegen die Kräfte, die die israelische Demokratie bedrohen. Und außerdem ist die Tatsache, dass er Netanyahu ärgert, ein ausgezeichneter Grund, ihn zum Mann des Jahres zu wählen.